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YouTube-Abend statt Singkreis

Immer mehr junge Schwerbehinderte oder chronisch Kranke leben heute in Pflegeheimen

  • Von Claudia Rometsch
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Krankheit schlich sich auf leisen Sohlen in das Leben von Daniela Wirtz. Mit 21 Jahren hatte sie ihren ersten Krankheitsschub. »Davon habe ich mich wieder ganz erholt und habe dann erst einmal nicht mehr daran gedacht«, sagt die Bonnerin, die an Multipler Sklerose erkrankt ist. Gut 20 Jahre später war die Krankheit dann aber so weit fortgeschritten, dass sie trotz Hilfe durch einen Pflegedienst zu Hause nicht mehr zurechtkam. Einzige Lösung: ein Umzug ins Pflegeheim. Ihren damals 15-jährigen Sohn musste die alleinerziehende Mutter schweren Herzens ebenfalls in ein Heim geben. Zumindest bei der Suche nach einem Pflegeplatz hatte die heute 45-Jährige ein wenig Glück. Sie fand ein Pflegeheim mit einer Abteilung für jüngere Bewohner.

»In einem reinen Seniorenheim hätte ich den totalen Frust bekommen. Man braucht auch mal ein jüngeres Gesicht um sich«, sagt Daniela Wirtz. Ihre 18 Mitbewohner auf der Station »Junge Pflege« im Bonner Evergreen-Pflegezentrum sind 23 bis 57 Jahre alt. Auch sie haben Erkrankungen, die ein selbstständiges Leben in der eigenen Wohnung unmöglich machen, etwa spastische Lähmungen oder auch Demenz.

Noch sind Pflegeheimplätze für Menschen unter 65 Jahren eine Ausnahme. Doch nach Angaben des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste bieten immer mehr Pflegeheimträger spezielle Plätze für jüngere Erwachsene an. Die Nachfrage sei hoch. Laut Statistischem Bundesamt leben rund 53 000 Menschen unter 65 Jahren in Pflegeeinrichtungen - zwölf Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Experten gehen jedoch davon aus, dass die Zahl jüngerer Erwachsener, die mangels Alternative »fehlplatziert« in Seniorenheimen versorgt werden, wesentlich höher ist.

Fachleute aus der Praxis beobachten einen Trend. »Es sind immer mehr jüngere Menschen im Pflegeheim«, sagt Tanja Schaller, Schulleiterin der Pflegerischen Schulen der Diakonissen Speyer-Mannheim. Grund seien unter anderem gesellschaftliche Veränderungen: Früher hätten mehr Angehörige die Pflege übernommen als heute. Burkhardt Zieger, Geschäftsführer des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe Nordwest, sieht auch den medizinischen Fortschritt als Ursache. Jüngere Menschen mit schweren chronischen und fortschreitenden Erkrankungen hätten heute bessere Überlebenschancen. »Das Problem ist, dass in Pflegeheimen nicht genügend Personal da ist, um die Bedürfnisse jüngerer Menschen, etwa nach Freizeitgestaltung, zu erfüllen«, stellt Zieger fest.

Das Bonner Haus Evergreen ist eines der wenigen Heime, das sich auf die Bedürfnisse jüngerer Leute eingestellt hat. Statt Singkreis gibt es etwa YouTube-Abende, gemeinsames Kochen oder Ausflüge zum Shoppen. Die jüngeren Bewohner brauchten auch eine andere Betreuung und Unterstützung, sagt Einrichtungsleiterin Beate Wendling. In der Abteilung »Junges Wohnen« gibt es daher einen höheren Personalschlüssel.

Neben einer Bewegungs- und einer Ergotherapeutin kümmern sich auch eine Sozialpädagogin, eine Heilerziehungspflegerin und eine Alltagsbegleiterin um die jüngeren Bewohner. Vor allem für die Jüngsten gelte es, trotz Krankheit eine Lebensperspektive zu entwickeln, sagt Wendling. So brauchten sie zum Beispiel Hilfe bei Bewerbungen für Berufspraktika.

»Es tauchen auch ganz andere Fragestellungen auf als bei der Altenpflege«, sagt Wendling. So gibt es zum Beispiel auf der Station »Junge Pflege« inzwischen zwei Liebespaare. Eine Bewohnerin hat einen Freund außerhalb des Heims, der regelmäßig bei ihr übernachtet. Und erst vor kurzem sorgte eine Bewohnerin für Aufregung, weil sie fürchtete, schwanger zu sein.

Daniela Wirtz hat der feste Tagesablauf im Heim geholfen. Zu Hause habe sie keine Motivation mehr gehabt zu essen, war abgemagert. »Hier habe ich jetzt ein geregeltes Leben«, sagt sie. Und auch der Kontakt zu ihrem Sohn sei gut geblieben, dank häufiger Besuche und der guten Zusammenarbeit mit dem Heim. epd/nd

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