Von Tom Strohschneider

»Kein Verbrechen, das das Kapital nicht riskiert«

Beim Anschlag von Dortmund ging es offenbar um Profit. Ist die Tat deshalb »nicht politisch«, wie nun erste Reaktionen meinen? Ein Kommentar

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Der Bulle vor der Börse in Frankfurt am Main war für ein Joint Venture 2007 neongrün angemalt

Es gibt im Fall des Anschlags auf den Bus der Fußballmannschaft Dortmund nun einen mutmaßlichen Täter, eine Theorie über dessen Antrieb – und es gibt Reaktionen, auf die man zu sprechen kommen kann. Ein führender Radiosender meldet, dem Attentat liege »kein extremistisches Motiv« zugrunde. Ein Berliner CDU-Politiker reagiert mit den Worten, die Tat sei »offenbar nicht politisch, terroristisch«, der Festgenommene habe mit »hoher krimineller Energie« gehandelt.

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Nun gut. Es mag in solchen, hier nur stellvertretend erwähnten Wortmeldungen, eine gewisse Erleichterung darüber zum Ausdruck kommen, dass nicht Islamisten die Sprengsätze von Dortmund legten. Aber stellt, wer so spricht, dann nicht die tödliche, religiös verbrämte Mordbomberei in den Rang des »Politischen«, was die Frage aufwirft, ob sie dahingehört?

Wird, zweitens, in der Behauptung, es handele sich hier nicht um »Extremismus«, ein seltsames Verständnis dieses ohnehin umstrittenen Begriffs gezeigt, der beansprucht, Ideen und Handlungen zu beschreiben, die sich »gegen grundlegende Werte und Verfahrensregeln demokratischer Verfassungsstaaten« richten?

Und wird, schließlich und vielleicht am wichtigsten, in solcherlei Argumentation nicht auch eine den scharfen Blick auf die Wirklichkeit vernebelnde Trennung des Politischen vom Ökonomischen reproduziert, letzteres auch in seinen extremsten Auswüchsen gleichsam naturalisiert?

Der Hinweis, man habe es hier »nur« mit einem Akt schwerer Kriminalität zu tun, blendet den einen Pfeiler des Fundaments aus, auf dem hier – mutmaßlich – der Tod von Menschen in Kauf genommen wurde: die ökonomische Voraussetzung. Dass sich Gier nach einem Gewinn in einer solchen Tat Bahn brechen kann, ist nur möglich, weil es die rechtlich etablierte Gelegenheit zu solchen Aktiengeschäftskonstruktionen gibt und weil das herrschende ökonomische Prinzip eben nicht nur die »Normalität« von »guter« Rendite kennt.

»Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn«, zitiert Karl Marx den englischen Gewerkschafter Thomas Joseph Dunning. »Für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert.« Daran zu erinnern, entlastet nicht den mutmaßlichen Täter von Dortmund, ein Mordversuch aus Habgier bleibt ein Mordversuch. Es könnte aber vielleicht dazu beitragen, eine oft unterschlagene Dimension von Kriminalität wieder etwas stärker in den Blick zu nehmen.

Es hat noch eine andere Art der Reaktionen auf die morgendliche Meldung von der Festnahme des Verdächtigen gegeben. Solche, die darauf verwiesen, dass der Anschlag »der inneren Logik des Profi-Betriebs« folgte. Die von »Finanzterrorismus« sprechen. Woanders heißt es: Der BVB-Bomber »handelte aus den gleichen Motiven wie« führende Wirtschaftsmanager – und es wird die Frage gestellt: »Müssen die sich jetzt eigentlich distanzieren?« Das ist einmal genau hingeschaut und das andere Mal bitterer Sarkasmus, aber einer von der Sorte, die näher dran ist an einer Erklärung des Anschlags, als die nun aufkommenden Hinweise darauf, die Tat sei nicht politisch gewesen.

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