Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Sieben Tage, sieben Nächte

  • Von Gabriele Oertel
  • Lesedauer: 3 Min.

Die ganze Woche begleitet uns das Frösteln. Nein, ausnahmsweise nicht wegen Trumps neuerlichen Eskapaden, den Ergebnissen des Referendums in der Türkei, den wählwütigen britischen Konservativen, der bevorstehenden ersten Entscheidung bei der Präsidentenwahl in Frankreich oder den Zuspitzungen im Fernen Osten. Es fröstelt uns nicht nur innerlich, sondern auch ob der Temperaturen.

Vergessen das erste April-Wochenende, da zumindest auf Berliner Straßen das alljährlich wiederkehrende Schauspiel schon aufgeführt worden war und Menschen in Jacken mit Pelzbesatz und Träger kurzer Hosen miteinander um die Deutungshoheit der herrschenden Jahreszeit rangen. Längst ziehen die Menschen sich zumindest frühmorgens die dicken Mützen wieder tief ins Gesicht.

Außer Kraft gesetzt wurde auch die O-O-Regel: Wer sich in Süd- oder Westdeutschland darauf verlassen hatte, ab Ostern mit Sommerreifen durch die Welt zu gondeln, hatte daran bei Schnee und Eis keine Freude. Der Rest des Landes zog sich zum Eiersuchen auch gern in die geheizten Wohnungen zurück. Und noch ist das Ende des Frühlingsfröstelns nicht in Sicht.

Wir sind eben nicht nur innerlich immerfort zu ungeduldig. Bei allem Gejammer darüber, wie kalt es ist, vergessen wir, dass das Ringen zwischen Winter und Frühling über die Jahrhunderte ein zähes sein konnte. Wie viele Dichter haben sich schon bemüht, uns über die Wartezeit bis zum erlösenden »Er ist’s« hinwegzuhelfen? Und, nun ja, Erich Mühsam hat bewiesen, dass bisweilen auch ein deftiger Fluch erleichternd sein kann. Deshalb seien seine Zeilen hier wiederholt:

Wollte nicht der Frühling kommen?

War nicht schon die weiße Decke von dem Rasenplatz genommen

gegenüber an der Ecke?

Nebenan die schwarze Linde

ließ sogar schon (sollt ich denken)

von besonntem Märzenwinde

kleine, grüne Knospen schwenken.

In die Herzen kam ein Hoffen,

in die Augen kam ein Flüstern -

und man ließ den Mantel offen,

und man blähte weit die Nüstern …

Ja, es waren schöne Tage.

Doch sie haben uns betrogen.

Frost und Sturm und Schnupfenplage

sind schon wieder eingezogen.

Zugeknöpft bis an den Kiefer

flieht der Mensch die Gottes- fluren,

wo ein gelblichweißer, tiefer

Schnee versteckt die Frühlingsspuren.

Sturmwind pfeift um nackte Zweige,

und der Rasenplatz ist schlammig.

In mein Los ergeben neige

ich das Auge. Gottverdammich!

Einen guten Start in den echten Frühling – in dem uns allerdings das innere Frösteln kaum verlassen wird.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln