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»Bahnmuseum« ohne Zugverkehr

Bahnhof Köthen soll für sechs Monate gesperrt werden / Sachsen-Anhalt will Korrektur

  • Von Hendrik Lasch, Köthen
  • Lesedauer: 3 Min.

Es gibt Rekordlisten, in denen man auf einen Spitzenplatz lieber verzichten würde. Die Charts der am längsten stillgelegten deutschen Bahnstrecken führt derzeit der Abschnitt von Bamberg nach Lichtenfels an. Er wurde im Jahr 2016 für 34 Wochen vom Bahnnetz abgehängt. Abgelöst werden könnte der bisherige Rekordhalter aus Oberfranken aber bald vom Bahnhof Köthen. Die Stadt in Sachsen-Anhalt soll allein 2017 für 24 Wochen vom Zugverkehr abgehängt werden. Die vollständige Erneuerung von fünf Bahnbrücken in dem Ort hat da noch nicht einmal begonnen.

Grund zum Bauen, da ist man sich in Köthen einig, gibt es genug. Der im Jahr 1911 eingeweihte Bahnhof ist zu großen Teilen im Originalzustand erhalten; er gelte als »Eisenbahnmuseum Deutschlands«, sagt Conny Lüddemann, Chefin der Grünen im Landtag. Investitionen seien daher »bitter nötig«. Auch die LINKE-Abgeordnete Christina Buchheim sagt, die Station sei in einem »erbärmlichen Zustand«. Was die Bahn aber plane, sei unzumutbar und führe in ein »verkehrs- und umweltpolitisches Fiasko«.

Die Deutsche Bahn AG will in dem Bahnhof zunächst ein elektronisches Stellwerk bauen. Das sei »zwingende Voraussetzung« für die Modernisierung des Bahnknotens, an dem sich die Strecken von Halle nach Magdeburg sowie von Dessau nach Aschersleben kreuzen. Die Baumaßnahme, die bereits im Jahr 2017 mit dem Umbau von Weichen beginnt, werde »erhebliche betriebliche Einschränkungen« zur Folge haben, heißt es. Das ist zurückhaltend formuliert. Die Einschränkungen gehen so weit, dass von Mitte Juni bis Dezember 2018 kein einziger Zug in dem Ort verkehrt.

Im Rathaus der 25 000 Einwohner zählenden Stadt ist man konsterniert. Verwiesen wird etwa auf 3200 Studenten eines Studienkollegs der Hochschule Anhalt, unter ihnen viele zum Beispiel aus China. Um mobil zu sein, seien sie auf die Bahn angewiesen, sagt Ilona Häckel, die Leiterin des Ratsbüros. Sie fürchtet, die Attraktivität des Hochschulstandorts Köthen könne »längerfristig leiden«. Man habe daher »eindringlich« an die Deutsche Bahn AG appelliert, die Pläne für eine Vollsperrung aufzugeben.

Ähnliche Töne kommen vom Land. CDU-Verkehrsminister Thomas Webel lobt die Bahn zwar für ihre rege Bautätigkeit in Sachsen-Anhalt , in die allein im Jahr 2017 rund 400 Millionen Euro fließen. Er gesteht auch zu, dass Einschränkungen nicht immer zu umgehen seien. Der Hauptbahnhof Halle etwa wurde im November 2016 für eine Woche vom Netz genommen; in Magdeburg kommt es ebenfalls immer wieder zu Einschränkungen. Zuletzt war der dortige Bahnhof für 16 Stunden lahmgelegt. Was der Konzern allerdings in Köthen vorhabe, sei »in der geplanten Form nicht akzeptabel«, sagte Webel kürzlich im Landtag. Man erwarte, dass die Sperrung auf wenige Tage beschränkt bleibe. Eventuell erhöhte Baukosten müsse man »in Kauf nehmen«. Einen ähnlichen Tenor hat ein Antrag der Koalition aus CDU, SPD und Grünen, mit dem diese einen Vorstoß der LINKEN ersetzte. Diese hatte einen vollständigen Verzicht auf eine Sperrung des Bahnhofs gefordert.

Ob die Bahn einlenkt und den 1800 Reisenden entgegenkommt, die täglich in Köthen umsteigen, ist unklar. Auf Anfrage teilte das Unternehmen mit, derzeit gebe es Gespräche mit der Nahverkehrsgesellschaft des Landes und der Stadt Köthen; es sei deshalb »zu früh, schon Details zu nennen«. Endgültig äußern wolle man sich im Juni oder Juli. Landespolitiker hoffen, dass wenigstens die Züge nach Dessau weiter fahren. Als Argumentationshilfe böte sich ein Bonmot des früheren SPD-Verkehrsministers Jürgen Heyer an. Er hatte die Bahn einst daran erinnert, dass das Bundesland Sachsen-Anhalt heiße - und nicht Sachsen-Durchfahrt.

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