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Was bleibt, ist ein Park

Das Freudenberg-Areal in Friedrichshain wurde einst durch Nationalsozialisten enteignet

  • Von Jérôme Lombard
  • Lesedauer: 4 Min.

Dieses Gefühl wird er nie vergessen. »Beim Anblick der Häuser vergrub meine Mutter ihre Fingernägel ganz tief in meinen Arm. Die Gebäude waren verfallen, aber für sie waren sie ein direkter Blick in die Vergangenheit«, sagt Tomas Simon Hirschmann mit ruhiger Stimme. In tadellosem Deutsch beschreibt der freundliche Mann mit weißem Bart den Moment, als er zusammen mit seiner Mutter im Oktober 1990 vor dem Gebäudekomplex des Fabrikgeländes in der Boxhagener Straße 79-82 in Friedrichshain stand. 54 Jahre waren vergangen, seitdem Lisa Hirschmann das letzte Mal an den Toren des Geländes war.

Als sie Berlin 1936 zusammen mit ihrem Mann Ernst verließ, hatte sie nicht geahnt, dass sie jemals zurückkehren würde zu jenem Gelände, das untrennbar mit der Familiengeschichte der Hirschmanns verbunden ist. Auf dem heute als Freudenberg-Areal bekannten Grundstück zwischen Boxhagener- und Weserstraße wird an einem der größten Wohnungsneubauprojekte der Hauptstadt gearbeitet. Dort, wo die Immobilienfirma »Bauwert« 600 neue Wohnungen und Geschäftsräume entstehen lässt, befand sich einst das Betriebsgelände der »Deutschen Kabelwerk AG«.

Gegründet wurde das Unternehmen zur Herstellung von Kabeln und später auch von Dreirädern und Autoreifen 1886 von dem aus Bayern stammenden jüdischen Industriellen Siegfried Fritz Hirschmann. »Opa Fritz, wie wir Kinder ihn nur nannten«, erinnert sich Tomas Simon Hirschmann. Der 79-Jährige ist ein Enkel des Industriepioniers, 1938 in Guatemala-Stadt geboren. Dorthin waren seine Eltern und im August 1939 auch seine Großeltern als Juden vor den Nationalsozialisten geflüchtet.

Die »Deutschen Kabelwerke AG« war eines der ersten Großunternehmen in Boxhagen. Die S-Bahn benötigte Hochspannungskabel für ihre Elektrifizierung, die Industrialisierung brachte die Motorisierung der Bevölkerung mit sich, die ersten Cyklonette-Dreiräder wurden in Boxhagen gebaut. Das Geschäft boomte. Das Firmengelände war bald schon bald zu klein. 1921 wurde ein neues Werk in Fürstenwalde gebaut, auch in England entstanden Firmendependancen.

Die Nationalsozialisten hatten die Bedeutung der Kabelwerke samt ihrer Reifenproduktion für Wirtschaft und Rüstung schnell erkannt. Nach der Machtübernahme 1933 wurde Siegfried Hirschmann im Juli desselben Jahres verhaftet. Die offensichtlich konstruierten Vorwürfe lauteten: Bilanzverschleierung und Betrug an der Heeresverwaltung. Zwar kam er rasch wieder aus dem Gefängnis, und die Anklage wurde fallengelassen, das Schicksal der Firma war jedoch besiegelt: Siegfried Hirschmann und weiteren jüdischen Teilhabern wurden die Aufsichtsratsposten entzogen, im Dezember 1935 wurden sie gezwungen, ihre Anteile für einen lächerlichen Betrag an die Dresdner Bank zu verkaufen. Die Anteile wurden später an einen Konkurrenten veräußert. Die »Deutsche Kabelwerke AG«, das Lebenswerk Siegfried Hirschmanns, wurde enteignet, »arisiert«, wie es im NS-Sprachduktus hieß.

Dass Siegfried mit seiner Frau Frieda erst im allerletzten Moment Deutschland verließ, ist für seinen Enkel ein Beleg dafür, wie sehr seine Großeltern in ihrer Heimat verwurzelt waren. »Mein Opa war ein bescheidener Mann, intelligent und mit Weitsicht«, sagt Tomas Simon Hirschmann. Im Exil konnte er nie wirklich Fuß fassen. Er starb 1942 in Guatemala.

Die Geschichte seiner Familie fasziniert den Enkel schon seit langem. Nach der Wende war der Ingenieur für Geotechnik nach Berlin gekommen, um über die Vergangenheit zu recherchieren und Restitution einzufordern. Am Ende stand eine Summe, die gerade mal die Anwaltskosten deckte. Das Geld war Tomas Simon Hirschmann nicht wichtig. »Ich habe erreicht, was ich wollte. Ich wollte meinen Großvater würdigen, damit er in Erinnerung bleibt«, sagt er. Seine in Archiven recherchierten Dokumente und Fotos stellte er dem SPD-Abgeordneten Sven Heinemann zur Verfügung, der ein Buch über die Geschichte des Grundstücks und die Hirschmanns geschrieben hat.

Diesen Montag wird Hirschmann auf dem Richtfest für den Neubau eine Rede halten. Eigens dafür ist er aus Guatemala angereist. Seine Frau und seine Kinder werden ebenfalls dabei sein. Dass auf dem einstigen Fabrikgelände Wohnungen für Familien entstehen, findet er wichtig. »Es bedeutet für mich einen glücklichen Abschluss einer beeindruckenden Familiengeschichte und die Gelegenheit, mit der Vergangenheit abzuschließen.« Das Richtfest ist auch der Spatenstich für einen öffentlichen Park im neuen Quartier. Sein Name: Siegfried-Hirschmann-Park.

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