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Aufruhr im Plastikkokon

Beim Staatsballett zeigt Nacho Duatos »Erde« soziales Gewissen

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Kraftvolle, dissonante und bewusst provokante Akzente setzt zu Saisonende das Staatsballett Berlin in der Komischen Oper. Die kleinste seiner drei Spielstätten nutzt es für Experimente und gewinnt damit Interessenten, hat aber manchen auch vergrätzt. Dass Neues den Disput anregt, gehört als Positivum zum Kalkül. Nicht viel anders dürfte es beim Doppel »Duato | Shechter« sein. Denn mit dem international umtriebigen Israeli Hofesh Shechter ist für den Auftakt ein Choreograph gewonnen, den der Zuschauerschock nicht schreckt. Den Halbstünder, den er 2009 mit seiner eigenen Compagnie uraufführte, hat er nun an sechs Tänzerinnen des Staatsballetts weitergereicht.

»The Art of Not Looking Back« beginnt mit Text aus dem Off. Mit zwei habe ihn seine Mutter verlassen, berichtet eine männliche Stimme und reagiert darauf mit gellendem Geschrei, derweil Licht gleißend aufblitzt. Die Frauen auf der Szene verlassen den schützenden Lichtkegel, brechen auf der Suche nach Struktur in zuckende, wackelnde, oft hektische Einzelaktionen aus. Elektronische Musik treibt sie in ihrem engen Raum um und lässt sie so gebrochen zurück, wie der Sprecher wiederholt an etwas würgt, was nicht aus ihm heraus mag: Erinnerungen, die er nicht zulassen will, die ihn jedoch quälen. Meine Mutter versuchte, alles für mich zu sein, ist jedoch nichts für mich, schleudert er heraus.

Aggressiv wie die Klangschnipsel sind die eruptiven Bewegungsausbrüche, die weder in klassischer Form noch im Folklorezitat Halt geben. Hilflos heben die Frauen die Röcke, liefern sich aus. Noch größer gerät der Kontrast, wenn auch Bachs Konzert für zwei Violinen keine Beruhigung bringt. Als sich das Licht eindunkelt, ahnt man mehr, als man sieht: wie die Frauen aus dem Schnelldurchlauf ihres benutzten Kanons abgehen. Da wird die Szene ganz hell. Optimistischer Ausblick oder rückbleibende Leere? Wie sich das Tänzerinnen-Sextett die Ekstase dieses Wutstücks anverwandelt, nötigt immerhin Respekt ab.

Hat Nacho Duato seine Choreographenkarriere ganz aus dem Geist der holländischen Schule begonnen und damit weltweite Erfolge eingefahren, artikuliert sich in den neuen Arbeiten zunehmend sein soziales Gewissen. Nach Gewalt und Drogenmissbrauch ist es in »Erde«, seiner zweiten Berliner Kreation, der bedrohte Zustand unseres Planeten, der ihn fast eine dichte Stunde lang beschäftigt. In elf Episoden, grundiert von Pedro Alcaldes und Sergio Caballeros elektronischen Auftragskompositionen, führt Duato die Welt vor Augen, wie sie ist.

Weit auf der Vorbühne verharrt Ksenia Ovsyanick starr in einem Glitzertrikot, als sei sie ölverschmiert. Hinter ihr agieren im bühnenfüllenden Plastikgehäuse, unter gewaltiger Lichtquelle und in milchiger Atmosphäre Gestalten, als habe Smog sie fest im Griff. Keinen Ausweg weist dieser hermetische Kosmos. Wellen durchzucken die Gruppe, ehe sie in Liegestütze fällt, sich dann in Rankenform windet und zur Béjart-Blume rundet. Im furiosen Trio zerren zwei Männer die Stehende in die Plastikwelt; bei drei Paaren traktieren die Männer mit plastikumhüllten Händen ihre Partnerinnen. In Pelzmänteln feiern fünf Männer-Models affektiert sich selbst, bis sie erwachend die Pelze abwerfen und statt der erlegten Tiere liebend an sich nehmen. Wie die Seelen der getöteten Kreaturen tanzen drinnen fünf Frauen.

Immer mehr werden die Menschen zu ferngesteuerten Marionetten in transparenten Plastikanzügen. Einer aber wirft die Hülle ab und soll mit Nebelwerfern unsichtbar gemacht werden. Er jedoch bringt rechtzeitig, bevor der Betrachter von der angestrengten Einsicht in die Nebelwelt ermüdet, jenes Plastikgehäuse zum Einsturz: Wie ein Tsunami rollt es nach vorn, stürzt dann in sich zusammen wie ein kalbender Gletscher. Die entstehende Leere füllt ein würfelartiges Raster aus Laserstrahlen auf der Szene und über dem gesamten Saal.

In dieser geometrisierten, zunächst lediglich virtuellen Welt ist ein Neustart möglich. Zu Glockenklang ziehen pendelnd, als seien sie die Klöppel, Menschen in meerblauen Trikots auf die Bühne, können ihre Wellenbewegung des Anfangs nun frei entfalten. Da hebt sich die Rückwand, und hervor fährt, flankiert von der Gruppe, ein Wagen mit einem prächtigen Wald, in den sich die Frau ohne Öltrikot legt - nun Teil der Natur.

Knapp 30 Tänzer bietet Duato für seine zuversichtlich endende Weltanalyse auf, besticht durch so intensiven wie originellen Tanz und eine beeindruckende Umsetzung, wie sie ihm »Numen + Ivana Jonke« als Bühnenbild schufen. Während Shechter mit Form hantiert, schafft Duato darüber hinaus Theater.

Nächste Aufführungen: 28.4., 23., 24., 29.5., Richard-Wagner-Straße 10, Charlottenburg, Tickets unter 20 60 92 630, www.staatsballett-berlin.de.

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