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Antworten wehen

Poesiealbum Bob Dylan

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Leben findet in zersplitterten Wirklichkeiten statt. Alles schnell, und alles schnell vorbei. Die Medienvulkane speien und speien. Der große Bogen zerfiel in lauter Punkte. In solchen Zeiten des nervösen Zitterns und der Unkonzentriertheit stolziert das literarische Teilstück über den Markt, und der halbe, huschige Gedanke reckt sich wie eine Ganzheit ins Licht. Ein einziges traditionelles Fragment freilich spielt mit Grazie und Gewicht und spielt also - Vollkommenheit: der Vers, das Lied. »Herangeflutet aus den einfachen Jahren«. Wie es Bob Dylan schrieb, sang. Ja, Vollkommenheit.

Die Reihe »Poesiealbum« widmet ihm ein Sonderheft. Nachgedichtet von Heinrich Detering, dem Göttinger Literaturprofessor, gleichsam Dylans geistpflegendem Botschafter in Deutschland - er hat die Verse übertragen, er nennt seine Arbeiten »Schattenspiele; das soll genügen, solange deutlich bleibt, dass die Lichtquelle anderswo liegt, außerhalb.« Übersetzung kann nicht gelingender definiert werden. Und es sei unbedingt erwähnt: Deterings Versionen sind eine Neufassung des »Poesiealbums 189« - das 1983 in der DDR erschien.

Das berühmte »Die Antwort, mein Freund, weiß ganz allein der Wind« - es heißt hier: »Die Antwort mein Freund die Antwort weht im Wind«. Im scheinbar geringfügigen Anders der große Unterschied: Niemand weiß - auch der Wind nicht. Da ist nur immer ein Wehen, und die Wahrheit kann her- und auch weggeweht werden. Was uns anweht: das Unfassbare, deutlicher als das Greifbare. Gewiss: Manchmal scheint auch Wahrheit sehr, sehr greifbar - dann ist Vorsicht ratsam! Die greifbaren Wahrheiten sind mit der Lüge verwandt. Und jene, die viel Wind um sie machen, sind am wenigsten einer Wahrheit nahe.

Dylan lobt den Vorwärtsgang: »hinter mir die ganze Welt in Flammen«. Er weiß, was Frieden ist: »Schau dem Fluss beim Fließen zu.« Das ist purer Handke. Er ist einverstanden mit Regen, schwerem Regen, der schlammt - es ist das Einverständnis mit der rohen Kraft, die alles umwälzen wird: »Wer sich jetzt retten will der kommt jetzt um.« Rette dich nicht. Sei nicht so feige, davonkommen zu wollen. Bitte nicht darum, verschont zu werden. So klingt das in diesen 22 Gedichten.

Der Dichter: ein dämmrig Vermummter, aufgetaucht aus einem ungedeuteten Traum. Seine Gedichte sind Langzeitstudien von Augenblicken. Zerrspiegel von Schaufenstern. Der Postkartengruß von einer nie gemachten Reise. Brecht trifft Bibel. Ich denke an die Graugarde aufgereihter Mülltonnen vor einem Betonklotz: herrlich die Paradiese, die schmutzig sind. Lesen ist wie Schauen, und diesem Schauen verwandelt sich ein Strauß Rosen in ein Wundaquarell. Wenn er diese Verse liest, überkommt selbst einen Gebrauchtwagenhändler die Erinnerung, dass er als Junge Rennfahrer werden wollte. So viel Kraft, so viel Energie, so viel Utopie kann in einem Menschen überwintern!

Poesiealbum Bob Dylan. Nachdichtung: Heinrich Detering. Grafik von Richard Lindner. Märkischer Verlag Wilhelmshorst. 32 S., 5 €.

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