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Ein Leben zwischen den Welten

Der deutsch-uruguayische Aktivist, Arbeiter und Schriftsteller Ernesto Kroch wird am Sonntag 90 Jahre alt

Als Kommunist und Jude hatte Ernst Kroch in Nazi-Deutschland keine Lebensperspektive. Die Flucht brachte ihn schließlich nach Uruguay, wo er unter anderem als Mitbegründer des Bertolt-Brecht-Hauses in Montevideo Geschichte schrieb. Am Sonntag feiert Ernesto seinen 90. Geburtstag.
Eigentlich sollte Ernst Kroch nach Paraguay. In Zagreb hatte er dem Konsul des südamerikanischen Landes ein Visum abkaufen können, und eine jüdische Auswanderer-Hilfsorganisation kam für die Kosten der Überfahrt auf. Wohin er wollte, das wusste der 21-Jährige nicht, als er Ende 1938 in Marseille an Bord des alten Flüchtlingsschiffs »Alsina« ging. Wohin er nicht wollte, das allerdings wusste der 1917 in Breslau als Kind deutsch-jüdischer Eltern geborene Ernst. Nach Palästina, das einzige Land, für das er ein gültiges Visum hatte (sogar eine Stelle am Polytechnikum in Haifa hatten ihm seine Eltern besorgt), wollte er auf keinen Fall. Der junge Kommunist wollte mit dem Zionismus nichts zu tun haben.

Mit gefälschtem Visum nach Südamerika
So kam er Weihnachten 1938 in Uruguay an. Sein Visum erwies sich jedoch als gefälscht, Ernst und etwa ein Dutzend weitere Flüchtlinge wurden für vier Tage in einem Hotel interniert, dann aber überraschend frei gelassen: Sie konnten in Uruguay bleiben, ohne Aufenthaltsgenehmigung, ohne Einreisevisum. Aus Ernst wurde Ernesto, seine »Heimat im Exil« hatte begonnen. Ohne Sprachkenntnisse, ohne Vermögen, ohne Beziehungen strandete er am anderen Ende der Welt.
Kroch gründete eine Familie, malochte als Metallarbeiter über Jahrzehnte im gleichen Betrieb und engagierte sich in der Gewerkschaft und in der Kommunistischen Partei Uruguays. Und obwohl er immer »El alemán« (Der Deutsche) geblieben ist, verliebte er sich in das Land und wurde ein Uruguayer. Die Lebensgeschichte des Ernesto Kroch ist eine Geschichte des 20. Jahrhunderts: Die Annäherung des aus einem kleinbürgerlichen jüdischen Haushalt stammenden Ernst an die Arbeiterbewegung Anfang der 30er Jahre während seiner Lehrjahre als Maschinenschlosser, seine politische Sozialisation bei den »Kameraden«, einem deutsch-jüdischen Jugendbund dieser Zeit, das Engagement im Untergrund gegen den aufkommenden Faschismus, seine Verhaftung im Alter von 17 Jahren, die Zeit im KZ Lichtenburg, gefolgt von einigen Monaten Zwischenaufenthalt in Ungarn und Jugoslawien in einem Kibbuz, in dem junge Juden auf ihre Auswanderung nach Palästina vorbereitet wurden, schließlich das erneute Exil und seine politische Arbeit in Uruguay.
Das Besondere ist die Parallelität der Ereignisse in seinem Leben. Zwei Mal, im zeitlichen Abstand von 45 Jahren, steht er - wenn auch unter grundverschiedenen historischen Bedingungen - vor einer existenziellen Entscheidung, weil er sich gewehrt und nicht geschwiegen hat. 1982 muss er die Verhaftung durch die seit 1973 in Uruguay herrschende Militärdiktatur fürchten und stellt sich in Brasilien, wohin er zu Verwandten geflohen ist, die Frage: Dort bleiben, unter Lebensgefahr in den Untergrund nach Uruguay zurückkehren oder nach Deutschland gehen? Er entscheidet sich für Deutschland, und für drei Jahre lebt er in Frankfurt (Main) im »Exil in der Heimat«. Und das trotz seiner bitteren Erfahrungen unter den Nazis und angesichts des Schicksals seiner Familie. Seine Eltern wurden in Auschwitz ermordet, was für ihn erst viele Jahrzehnte später bei seinem ersten Deutschlandbesuch zur Gewissheit wurde.
Anfang 1985 erzwingt die Bevölkerung in Uruguay die Rückkehr zur Demokratie und für Ernesto gibt es dieses Mal keinen Zweifel, wohin er gehört. Also wieder ein Neuanfang in Uruguay, Ende 1985 kehrt er zurück. Er arbeitet wieder in seinem alten Betrieb und engagiert sich in der lokalen Politik. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Eva Weil (auch sie eine Tochter deutsch-jüdischer Emigranten), die er 1981 in Montevideo kennengelernt hatte.
Das praktische politische Engagement, sei es im Basiskomitee des linken Parteienbündnisses »Frente Amplio« (Breite Front), sei es im kommunalen Zentrum im Stadtteil, ist nach wie vor der Mittelpunkt ihres Lebens. Dazu gehört ebenso der unermüdliche Einsatz für die Casa Bertolt Brecht (Haus Bertolt Brecht). Sie wurde 1964 als Kulturinstitut der »Freundschaftsgesellschaft Uruguay-DDR« von Ernesto und anderen Deutschstämmigen, darunter der leider schon verstorbene langjährige ND-Korrespondent Willi Israel, gegründet. Viele sind wie er selbst Juden und Mitglied der Kommunistischen Partei Uruguays und dem »Deutschen Antifaschistischen Komitee« nahe stehend. Heute ist die Casa Brecht ein soziokulturelles Zentrum der Linken. Hier finden Deutschkurse statt, mehrfach in der Woche werden Theaterworkshops angeboten, mindestens einmal im Monat auch eine Lesung, ein Liederabend, eine Vernissage.
Seit mehr als vier Jahren wird mit Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung ein ganzjähriges politisches und soziales Veranstaltungs- und Diskussionsprogramm durchgeführt. Der Höhepunkt dieses Jahr steht schon fest: Ernesto Kroch zu Ehren veranstaltet die Casa Bertolt Brecht mit Unterstützung der Stiftung am 12. und 13. April 2007 in Montevideo eine internationale Konferenz mit dem Titel »Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts - Erfahrungen und Erkenntnisse des 20. Jahrhunderts für die Zukunft«.
Mit der Heinrich-Böll-Stiftung wird ebenfalls seit mehreren Jahren kooperiert. Der von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di getragene Solidaritätsfonds »Demokratische Medien in der Welt« führt seit vielen Jahren über die Casa Brecht Kurse für Radiomacher durch.

Herz und Kopf der Casa Bertolt Brecht
Dass deutsche Stiftungen und Organisationen die Casa Bertolt Brecht unterstützen, hat auch viel mit Ernesto Kroch zu tun, der seit der Gründung der Casa Mitglied des Direktoriums ist, selbst aber nie einen bezahlten Posten innehatte. Nach 1989, als das Institut der Freundschaftsgesellschaft Uruguay-DDR aufgelöst wurde und als offenes Kulturinstitut wieder auferstand, wurde er zum Herz und Kopf der Casa Bertolt Brecht. Mit seinen Kontakten nach Deutschland einerseits und seinen Verbindungen zur uruguayischen Linken andererseits öffnete Ernesto Kroch das Haus nach außen und nach innen. Bis heute ist er mehrfach wöchentlich in der Casa Brecht, sorgt für das »familiäre Ambiente«, das, wie er selbst sagt, die Casa immer ausgezeichnet hat, zieht unermüdlich durch die Universitäten und Gewerkschaftszentralen, hängt Plakate auf, präsentiert neue Themen und Ideen auf handgeschriebenen Zetteln, aus denen dann nicht selten große Veranstaltungen oder Projekte werden.
Seine Ideen speisen sich aus einem breiten Erfahrungsschatz. Ernesto Kroch ist ein Wanderer zwischen den Welten. Zwischen den Welten, weil Ernesto, der Metallarbeiter, auch Schriftsteller ist. Insgesamt acht Bücher - Romane, Erzählungen, Sachbücher über Uruguay und über die Globalisierung - hat er veröffentlicht, drei davon auf Deutsch. Seit über 20 Jahren schreibt er zudem für Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland. Und zwischen den Welten, weil er es sich seit einigen Jahren gönnt, einige Monate des Jahres in Deutschland zu verbringen, eine Zeit, die er nutzt, um über Uruguay zu berichten und über unterschiedliche politische Erfahrungen zu diskutieren, wie zum Beispiel auf der Sommerakademie des globalisierungskritischen Netzwerkes ATTAC. Dabei beeindruckt er auch noch mit 90 Jahren durch seine Klarheit: Er spricht von Ausbeutung und Klasseninteressen, von der Notwendigkeit breiter Bündnisse, von Hoffnungen und von Geduld. Dabei verbindet er nicht nur zwei Welten, sondern auch mehrere Generationen.

2005 erschien im Verlag Assoziation A die Autobiografie von Ernesto Kroch. »Heimat im Exil - Exil in der Heimat«.

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