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Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) will Lektoren davon überzeugen, mehr Bücher von externen Dienstleistern liefern zu lassen

  • Von Ellen Wesemüller
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di schlägt Alarm und lädt am Mittwoch zur Pressekonferenz. Von einem »Outsourcing von fast 90 Prozent« ist die Rede, von »faktischer Privatisierung«, »Verflachung des Medienangebots« und »Zumutungen für die Beschäftigten«. Am 11. Mai will der Stiftungsrat der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) entscheiden, ob er Bücher, Filme und Musik verstärkt von Dienstleistern aussuchen und liefern lassen will, statt die Medien wie bisher mehrheitlich von den angestellten Lektoren auswählen zu lassen. Die Umstrukturierung, »Modell B« genannt, sollte bereits Ende März beschlossen werden, die Entscheidung wurde jedoch vertagt.

Das war wohl auch ein Erfolg der Kritik von Gewerkschaften und Betriebsrat, die befanden, dass die Kompetenz der Lektoren nicht ausgelagert werden sollte (»nd« berichtete). Ein Erfolg der betroffenen Lektoren selbst, die zwar nicht unmittelbar um ihren Job, wohl aber um ihre Aufgaben und die Qualität der Bücherauswahl fürchten. Nicht nur Managementdirektor Volker Heller wurde kritisiert, auch Kultursenator Klaus Lederer (LINKE) musste sich rechtfertigen, hatte die Linkspartei doch im Wahlprogramm noch die Rücknahme der bereits 2016 erfolgten teilweisen Auslagerung versprochen.

Auf der Stiftungssitzung am 30. März nahm nicht wie angekündigt Lederer den Vorsitz ein, sondern sein Staatssekretär Torsten Wöhlert. Dieser plädierte dafür, die Entscheidung über »Modell B« zu vertagen. Im Gespräch mit Vorstand, Personalvertretung und Lektoren habe er den Eindruck gewonnen, dass es eine »kommunikative Schieflage« gebe, sagte Wöhlert dem »nd«.

Der Stiftungsrat beschloss, noch einmal mit den betroffenen Lektoren zu sprechen, »auch um die interne Akzeptanz zu erhöhen«, wie es in einer E-Mail von Heller an die Mitarbeiter heißt, die dem »nd« vorliegt. »Das ist nur eingeschränkt gelungen«, sagt Lothar Brendel, Personalratsvorsitzender, der mit Teilnehmern des zweitägigen Workshops geredet hat. »Ein Einvernehmen kann da nicht hergestellt werden.«

Wöhlert ist vorsichtiger: »Ich werde die Ergebnisse der Workshops abwarten und in die Entscheidungsfindung einbeziehen.« Doch viel nutzen wird das wohl nicht: Selbst wenn Wöhlert und der Personalrat gegen »Modell B« stimmen - sie sind in der Minderheit. »Herr Heller ist sehr zuversichtlich, dass der Stiftungsrat in seiner nächsten Sitzung zu einer Entscheidung kommen wird«, sagt dann auch seine Referentin Judith Galka.

Und was ist mit dem Parteiprogramm der LINKEN? Wöhlert verweist auf die Machtverhältnisse: »Für eine Rückkehr zum Status quo ante gibt es keine Mehrheit im Stiftungsrat.« Die Mitglieder dort leiten überwiegend Stadtbibliotheken, die das Modell in ähnlicher Form bereits praktizieren. Immer wieder beraten sie auch das Reutlinger Unternehmen ekz, das der ZLB seit 2016 ein Drittel der Bücher von allgemeinem Interesse auswählt. So auch Stiftungsratmitglied Stefan Rogge, Leiter der Stadtbibliothek Berlin-Mitte.

»Alternative Fakten« nennt Galka die Kritik am Umbauprozess. Die ekz sei von deutschen Kommunen gegründet. Außerdem kooperiere sie mit rund 400 Lektoren. Zudem sei das Vorhaben keine »klassische ›Privatisierung‹«, denn die Kollegen könnten ihre »Kompetenzen und Kapazitäten für eine Vielzahl neuer Tätigkeiten in der Betreuung neuer Services für unser Publikum« einsetzen. In einer im März erschienen Broschüre wird betont, dass Lektoren weiterhin Profile erstellen könnten, die an die Dienstleister weitergereicht werden. Das Sondergebiet Berlin-Studien sowie der ausländische Filmmarkt soll »komplett von den Lektoren ausgesucht und bearbeitet« werden. Alle Abteilungsleiter der ZLB unterstützten dieses Verfahren.

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