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Heroin und Erdnussbutter

Im Kino: Jim Jarmuschs Film »Gimme Danger« dokumentiert die Laufbahn von Iggy Pops Band The Stooges

Szene Nr. 1: Am Anfang sind da ein paar vergleichsweise erfolglose junge Männer im mittleren Westen der USA, Anfang der 1970er Jahre. Sie waren einige Jahre lang mit ihrer Rockband unterwegs, die alles andere als eine normale Rockband war, weswegen ihnen kaum einer zuhören wollte. Denn es handelte sich um eine lärmige, laute, respektlose, nihilistische Musik, zu der ein offensichtlich psychisch einigermaßen beeinträchtigter Sänger allerlei fragwürdige Obszönitäten auf der Bühne trieb. »Dreck« nannten manche die Musik, wohl auch deshalb, weil sie nie zuvor solche Musik gehört hatten. Musik, bei der man die Drogen, die möglicherweise im Spiel waren, schon von fern witterte und die klang, wie man sich seinerzeit den Kommunismus vorstellte: ordnungswidrig, ungewaschen, böse. Auch die Firma, die den jungen, nicht gerade vertrauenerweckend aussehenden Männern ihre ersten Schallplattenaufnahmen finanziert hatte, war skeptisch: Die gute, alte schöne Rock ’n’ Roll-Musik, nun gut, das war was, daran hatte man sich in den Chefetagen der Musikindustrie gewöhnt, das hatte sich mittlerweile als lukrativer Geschäftszweig erwiesen. Aber das hier? Dieser Krach? Dieser Dreck? Die vergleichsweise erfolglose Band baut in vergleichsweise kurzer Zeit vergleichsweise viel Mist und löst sich schließlich auf. Ihr Schlagzeuger sagt: »Ich musste mein Schlagzeug verkaufen, um die Busfahrt nach Hause zu meinen Eltern bezahlen zu können. Ich war pleite, praktisch obdachlos, hungrig.«

Szene Nr. 2: Am Ende stehen da, sieht man von den beiden bereits verstorbenen Bandmitgliedern einmal ab, ein paar vergleichsweise erfolgreiche alte Männer auf einer Bühne, die in die Hall of Fame des Rock ’n’ Roll aufgenommen werden sollen, weil sie zu den einflussreichsten und kompromisslosesten Künstlern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehören. Ohne sie hätten wir vielleicht nicht die Musik der Ramones und der Dead Kennedys, von Hüsker Dü und Sonic Youth, den Swans oder Slayer. Einer von ihnen, der Sänger, der in ein Mikrofon spricht, heißt Iggy Pop, weniger bekannt unter seinem bürgerlichen Namen James Osterberg.

Zwischen diesen beiden Szenen liegen 40 Jahre, in denen die Band The Stooges, wie sich die jungen Männer damals nannten, eine ebenso wechselvolle wie außergewöhnliche Zeit durchlebte.

Es dürfte kaum einen Widerspruch hervorrufen, wenn man sagt, Iggy Pop sei der im ursprünglich gemeinten, tatsächlichen Sinn des Wortes coolste Hund auf der Welt. Und in dem Dokumentarfilm, den der Filmemacher Jim Jarmusch über die Karriere des Sängers und Musikers sowie dessen Prä-Punk-Band The Stooges gedreht hat, sieht man auch oft, warum das so ist.

Wir sehen Iggy Pop mit nacktem Oberkörper, ein rotes Hundehalsband um den Hals, auf den Schultern des Publikums herumrutschend, einen Songtext herausschreiend und sich mit Erdnussbutter einschmierend, die er mit der Hand aus einem Glas holt, das er in der anderen Hand hält. Wobei ergänzt werden muss: Iggy Pops nackter Oberkörper ist und war nie der maskuline Körperkraft und Dominanz zur Schau stellen wollende Macker- und Reklame-Oberkörper, Iggys nackter Oberkörper war immer der androgyne, sich bedingungslos in den Rausch und ins Chaos werfende, sich selbst verletzende, trotz aller Virilität fragil wirkende Teenager-Oberkörper. Wir sehen Iggy Pop mit Jeans, mit Rock, mit Lederhose, mit Plastikhose, mit goldfarbenen Damenhandschuhen, mit langen, mittellangen, kurzen Haaren, mit platinblond und schwarz gefärbten, mit Pilzkopf, Hippiematte, Igelfrisur und Hardrock-Mähne, geschminkt, ungeschminkt, mit und ohne Lidschatten, Mascara und Kajal, mit gestähltem, mit schwitzendem und mit blutüberströmtem Oberkörper.

Wir sehen ihn fast nackt, nur mit einer Art knapp sitzender Goldpaillettenunterhose bekleidet. Wir sehen ihn da stehen, den schmächtigen Körper verdreht wie ein Korkenzieher, wir sehen ihn sich bewegen, als werde gerade Strom durch seinen schmalen Körper geleitet oder als leide er unter einer bisher unentdeckten Krankheit, die schlimme Zuckungen zur Folge hat. Wir sehen einen kleinen Mann, der über die Bühne rennt, hüpft, kriecht, mit voller Wucht ins Publikum springt, sich im Schmutz wälzt und dabei ins Mikro keucht, singt, grunzt oder es fellationiert. Und das Beste ist: Wir wissen, dass Iggy Pop solche Kleidung trug, sich so verhielt und so aussah, bevor andere dies taten. Und zwar nicht nur auf einer Bühne. »Musik ist Leben«, wird er eines Tages sagen. »Und das Leben ist kein Geschäft.« Sondern ein dionysisches Fest, das in den Sechzigern begann und dessen Ende man nicht immer selbst bestimmt. Vor ein paar Tagen ist Iggy Pop 70 Jahre alt geworden.

In der Anfangszeit der Stooges, so erzählt er in einer Szene dieses Films, seien die Bandmitglieder »true communists« gewesen. »Wir aßen, lebten zusammen, teilten alles.« Wie andere, wie die Musik- und Politradikalen von MC 5, als deren kleine Brüder man sich begriff, bekämpfte man die US-amerikanische Leitkultur, indem man, auf der Suche nach einer permissiveren, freieren Gesellschaft, nicht nur die Grenzen des Bewusstseins, sondern auch die Grenzen des Erlaubten erweiterte. Man wollte nicht dazugehören, zu niemandem. Man spielte »Freeform Music«, wie Iggy Pop das im Film nennt. Und man hörte auch zu Hause in den eigenen vier Wänden nicht die wohlklingenden modernen Kunstlieder der Beatles oder den entpolitisierten und geglätteten Blumen-im-Haar-Kitsch der Zeit. »Dieses Zeug roch unangenehm«, sagt Iggy Pop in einer Szene des Films.

Man hörte vielmehr das Abseitige und Angeschmutzte, die Musik der Rätselhaften, Traumverlorenen, von der Gesellschaft Unverstandenen, Links-Liegen-Gelassenen, Außenseiter. Kurz, man hörte den Sound jener, denen man sich zugehörig fühlte, von denen man selbst einer war: Link Wray, Velvet Underground, Sun Ra. »Und manchmal machten wir das Licht aus und hörten die Musik von Harry Partch.« Partch (1901 - 1974) war ein Zeit seines Lebens wenig wahrgenommener US-amerikanischer Visionär, Instrumentenbauer und Komponist, der eine ebenso verschrobene wie hochmoderne Geräuschmusik einführte, die heute als einzigartig gilt.

Die Stooges wollten nicht klingen wie die anderen Bands. Bei einem Auftritt trug Iggy, dessen Gesicht komplett mit weißer Schminke bedeckt war, ein Schwangerschaftskleid und eine Afro-Perücke. »So was wie uns hatten sie noch nie gesehen«, sagt Iggy Pop. Auch der ganze Ballast, den die - wir befinden uns in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts - mittlerweile den großen Unterhaltungskonzernen gehörende Rock-, Pop- und Folkmusik mit ihrem sonnigen Gute-Laune-Gesäusel oder mit ihren ausufernden Gitarren- und Keyboardsoli sowie mit ihrem Anspruch, »ernst genommen« zu werden, angehäuft hatte, sollte weg. Und damit auch all der Pomp, der Zierrat und das Ornament. Stattdessen sollte das Rohe und im besten Sinn Primitive wieder Einzug halten, von dem die desorientierten, die Anpassung ans Bestehende verweigernden Jugendlichen einst unmittelbar erfasst wurden, als sie zum ersten mal den Rock ’n’ Roll Chuck Berrys und Little Richards hörten, der schließlich zum Begleitsound der gesellschaftlichen Revolte wurde.

»25 Worte. Oder weniger.« Nicht mehr als 25 Worte dürfe ein guter Songtext haben, sagt Iggy Pop am Anfang des Films. Das habe er früh gelernt, schon in der Schulzeit, »damit sich nichts Falsches einschleicht in den Text. Mir ging es nicht wie Bob Dylan mit seinem Bla-Bla-Bla.« Und es stimmt ja. Mit 25 Wörtern kann man sowohl die eigene Befindlichkeit als auch den Weltzustand erschöpfend zusammenfassen. Manchmal kann man das auch mit zwölf Wörtern: »No fun, my babe, no fun / No fun, my babe, no fun / No fun to hang around / Feeling that same old way / No fun to hang around.«

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