Befristete Arbeitsverträge erzürnen Babelsberger Fans

Anhänger und Verein kritisieren Personalpolitik des Fanprojektträgers SPI / Mitarbeiter würden mit prekären Beschäftigungsverhältnissen hingehalten

Kurz vor dem brisanten Fußballspiel des SV Babelsberg 03 gegen Energie Cottbus am Freitagabend rumort es in der Fanszene. Und das hat nicht nur mit der Partie zu tun. Zum Monatsende läuft überraschend der Vertrag des Fanprojektmitarbeiters Bastian Schlinck aus, der Sozialpädagoge wird nicht länger beschäftigt. Die Entscheidung des zuständigen Trägers überrascht Fans und Verein gleichermaßen. Ein »unprofessioneller Umgang«, findet der Regionalligist, dazu auch noch »unsozial« meint der Fanbeirat. In einem sind sich beide einig: Die Entscheidung kam zu einem mehr als unglücklichen Zeitpunkt.

Der Fanbeirat Babelsberg erhebt schwere Vorwürfe gegen die Stiftung Sozialpädagogisches Institut Berlin (SPI), die für die Stellenbesetzung im Fanprojekt des SV Babelsberg verantwortlich ist. Die Interessenvertretung der Fans moniert, dass »sämtliche Mitarbeiter*innen des Fanprojekts, mit Ausnahme der Leitung, über die Jahre hinweg mit befristeten Arbeitsverträgen hingehalten« wurden. Zum Eklat kam es jetzt, weil »eine weitere Befristung aus arbeitsrechtlichen Gründen nicht mehr möglich war und unbefristete Verträge hätten ausgestellt werden müssen«, die Stiftung die Mitarbeiter mit auslaufenden Verträgen »in die Arbeitslosigkeit entlasse«.

Konkret geht es darum, dass die Beschäftigung von Bastian Schlinck, der seit Juli 2015 im Fanprojekt arbeitet, überraschend nicht fortgesetzt wird. Bereits Ende März lief der Vertrag der Elternzeitvertretung der Projektleiterin aus, die nun in das Fanprojekt zurückkehrt. Problematisch sei daran insbesondere, dass gleich zwei Mitarbeiter des Fanprojekts wegfallen, wodurch langfristig aufgebaute Bindungen gefährdet würden. Der Fanbeirat wirft der SPI »ausschließlich unternehmerisch geprägtes sowie unsoziales Handeln« vor, das die Fansozialarbeit in Babelsberg essenziell gefährde. »Gerade in der Beziehungsarbeit mit den Fans ist es schwierig, wenn die Gesichter oft wechseln und sich die Jugendlichen immer wieder an neue Mitarbeiter gewöhnen müssen. So kann nur schwer ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden. Eine nachhaltige, gute sozialpädagogische Arbeit ist nur möglich, wenn wenn Mitarbeiter längerfristig da sind«, sagte Max Hennig vom Fanbeirat im Gespräch mit »nd«.

Betreuungsangebot nur noch eingeschränkt möglich

Der Wegfall von Schlinck habe bereits dazu geführt, dass »offene Tage«, eine Art Betreuungsprogramm für Jugendliche, mehrere Wochen lang nur eingeschränkt angeboten werden konnten. Neben diesen offenen Angeboten, die beispielsweise aus gemeinsamen Koch- und Filmabenden bestehen, ist insbesondere die sozialpädagogische Betreuung der Fußballspiele zentraler Bestandteil der Arbeit des Fanprojekts. Die letzte Auswärtsfahrt nach Nordhausen habe jedoch aufgrund des Personalmangels nicht begleitet werden können. Auch die Betreuung der letzten Heimspiele sei nur mit Unterstützung des Streetworkprojekts »Wildwuchs« möglich gewesen. Dies sei jedoch nicht optimal, da diese Sozialarbeiter nicht denselben Bezug zu den Jugendlichen hätten, wie die Mitarbeiter des Fanprojekts durch ihre jahrelange Sozialarbeit, so Hennig.

Die SPI ist nicht zu einer Stellungnahme bereit, da sie »Personalangelegenheiten nicht öffentlich diskutiert«. In einem Antwortschreiben auf den Offenen Brief des Fanbeirats, das »nd« vorliegt, wehrt sie sich jedoch gegen die Vorwürfe. So habe man das Fanprojekt Babelsberg im Juni 2014 »in einer für dieses sehr prekären Situation« übernommen und sich trotz der schlechten finanziellen Lage, fehlendem Personal sowie einem maroden Fanladen dazu entschlossen, »das Fanprojekt zu übernehmen und für seine Fortsetzung zu kämpfen«. Das widerlege die Unterstellung, die SPI würde ausschließlich nach unternehmerischen Abwägungen sowie unsozial handeln »deutlich«. Jedoch sei »eine langfristige Personalplanung« bei Projekten wie dem Fanprojekt Babelsberg, bei dem jedes Jahr bei mehreren Förderern Geld beantragt und auch genehmigt werden müsse, »leider schwierig«. Diese »Zuwendungslogik« würde automatisch dazu führen, dass Arbeitsverträge »immer zeitlich oder projektbezogen befristet« seien.

Profitorientierung statt nachhaltiger Fanarbeit?

Das Fanprojekt Babelsberg wird durch den DFB, das Land Brandenburg und die Stadt Potsdam finanziert. Die Gelder müssen jährlich neu beantragt und genehmigt werden. Allerdings besteht das Fanprojekt bereits seit dem Jahr 2001 und ein Ende ist nicht absehbar. Auch haben die meisten anderen Fanprojekte in Deutschland, die denselben Voraussetzungen unterliegen, durchaus festangestellte Mitarbeiter. Darauf weist der Fanbeirat hin und widerspricht der Darstellung der SPI. Zwar sei es richtig, dass die Mittel immer neu bewilligt werden müssen, »es wäre jedoch schon ein Fortschritt, wenn die Stellen projektbefristet wären«.

An die Befristung von Arbeitsverträgen sind strenge gesetzliche Auflagen geknüpft. Sie ist nur dann zulässig, wenn der betriebliche Bedarf an der Arbeitsleistung nur vorübergehend besteht. Auch kann ein befristeter Arbeitsvertrag höchstens dreimal verlängert werden, danach ist eine Befristung unzulässig. Bei einer Projektbefristung kann der Vertrag hingegen für die gesamte Laufzeit des Projekts geschlossen werden.

Genau das wolle die Stiftung jedoch verhindern, glaubt Hennig und vermutet profitorientierte Beweggründe. Nicht die Arbeit des Fanprojekts stehe im Vordergrund, sondern »ganz klar ökonomisches Denken«. Hennig kritisiert in diesem Zusammenhang auch die »Kurzfristigkeit der Entscheidungen«, die vermuten ließe, dass die von der SPI genannten Gründe nicht der Wahrheit entsprächen und in Wirklichkeit »andere Motive eine Rolle spielen«. Generell sei die Befristung von Arbeitsverträgen im Fanprojekt schon länger ein Thema, bisher sei es diesbezüglich jedoch nie zu Problemen gekommen. Die Kritik des Fanbeirats richtet sich dabei nicht nur gegen die SPI: »Der DFB ist immer ganz vorne mit dabei, wenn wenn es darum geht, Stadionverbote zu erteilen oder Strafen wegen Ausschreitungen zu verhängen. Aber wenn es darum geht, präventive Arbeit zu unterstützen und dort Geld oder seine Stimme einzusetzen, dann hört man von da nichts.«

»Ein herber Verlust zu einem mehr als unglücklichen Zeitpunkt«

Der Sicherheitsbeauftragte des SV Babelsberg 03, Christian Lippold, der das Fanprojekt gegründet und als Fanbeirat auch jahrelang betreut hat, versteht dessen Sorgen nur zu gut. Für ihn ist das Ausscheiden Bastian Schlincks »ein herber Verlust für die gesamte Fan- und Sicherheitsarbeit«. Bei Spielen mit Konfliktpotenzial brauche es Leute, die in der Lage seien, unabhängig vom eigenen Interesse als Mediator zu fungieren. Solch ein Vertrauensverhältnis entstehe jedoch nicht in kurzer Zeit. Deshalb mache die Entscheidung der SPI, den Vertrag von Sebastian Schlinck gerade jetzt auslaufen zu lassen, die Dinge nicht einfacher - »gerade auch im Hinblick auf das Spiel mit Energie Cottbus, wo nicht zu erwarten ist, dass das Ganze völlig reibungsfrei abläuft«, sagte Lippold dem »nd«. In seiner Stellungnahme zeigt sich der Verein betroffen von der Personalentscheidung und drückt sein Bedauern aus: So habe Schlinck »ein hohes Maß an Diplomatie, Einsatzbereitschaft und zielführender Gelassenheit« mitgebracht und man könne allen Fanprojekten Deutschlands nur raten, »sich intensiv um die Mitarbeit Bastian Schlincks zu bemühen«.

Mit dem Problem der befristeten Arbeitsverträge im Fanprojekt Babelsberg wird sich an diesem Donnerstag auch die Stadtverordnetenversammlung Potsdam beschäftigen. Lutz Boede von der Fraktion DIE aNDERE, die das Thema zusammen mit der LINKEN im Jugendhilfeausschuss auf die Tagesordnung gesetzt hat, zeigt wenig Verständnis für die Personalpolitik der SPI. Der Träger müsse sich erklären, wie er die Kontinuität im Fanprojekt künftig sicherstellen möchte. »Mit ständig auslaufenden aufeinanderfolgenden befristeten Arbeitsverträgen wird das wohl nicht möglich sein«, so Boede. Man müsse jetzt sehen, ob das Problem irgendwie lösbar sei, oder ob das Fanprojekt doch neu ausgeschrieben werden müsse. Die SPI hatte das Fanprojekt vom Diakonischen Werk ohne Ausschreibung übernommen. Auch der Fanbeirat wird sich bei der Anhörung äußern und wünscht sich weitere Unterstützung: »Wir hoffen, dass politischer Druck entsteht und dort auf die SPI eingewirkt werden kann.« Das Gremium sei jedoch stets gesprächsbereit und will sich bald wieder ganz auf den Fußball konzentrieren können.

Aus dem nd-Shop
Kurven-Rebellen
Für viele Politiker und Medien ist die Sache klar: Ultras sind notorische Störenfriede, gewaltbereit, dialogunfähig, zuweilen auch rechtsext...
12.90 €
Werbung

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

jetzt abonnieren!

Wie? Noch kein Abo?

Na, dann aber hopp!

Einfach mal ausprobieren: 14 Tage digital, auf Papier, als App oder was weiß ich!

Jetzt kostenlos testen