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Der Regelbruch als Massenphänomen

Charlotte Wiedemann holt den Iran aus dem Schatten westlicher Unwissenheit

Aus dem Iran bekommen wir nur »bruchstückhafte Nachrichten …, in denen gewohnheitsmäßig das Abstruse akzentuiert wird«, stellt Charlotte Wiedemann fest, der wir schon mehrere Reportagebände zu Ländern verdanken, über die sonst nur stereotyp berichtet wird. Sie führt uns in einen überraschend modernen, technikverliebten Iran, der sich - trotz Mullah-Herrschaft - auch zu einem gebildeten, gesellschaftlich dynamischen Land entwickelt hat. In Teheran gibt es eine unübersehbare Zahl privater Diskutierzirkel und Literaturclubs, deren Publikum weit größer als das deutscher Literaturhäuser ist. Wiedemanns Beobachtung, der Regelbruch sei ein Massenphänomen, bestätigt zwar, dass das 1979 erlassene Regelwerk größtenteils noch gilt und sein Bruch hart geahndet werden kann. Dies ist aber keineswegs mehr systematisch möglich, weil der Regelbruch eben ein Massenphänomen ist und zu zahlreichen Paradoxien führt: Obwohl etwa Facebook offiziell verboten ist, hat selbst der Revolutionsführer eine Facebook-Seite.

Um ein realitätsnahes Bild des Iran zu vermitteln, muss man ihn vielfach bereist haben und verstehen, Kontakte so anzubahnen, dass sich die Interviewpartner sicher fühlen. Wiedemann hat die reiche Theaterkultur Teherans durchforstet, die - ähnlich wie einst im Ostblock - staatlich gefördert wird und doch vor allem die hohe Kunst pflegt, gerade auf das Unerlaubte hinzuweisen. Das Problem, dass Schauspielerinnen nicht ohne Schleier auftreten dürfen, auch wenn ein Stück in Hitlers Deutschland spielt, wird gelöst, indem sie einen hauchdünnen Hidschab tragen oder Frauen auch mal durch Männer dargestellt werden.

Wiedemann hat an den Sabbatfeiern von Juden teilgenommen, die ihre Präsenz im Iran auf über 3000 Jahre beziffern, und andere Minderheiten aufgesucht, die etwa die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Sie haben die gleichen verfassungsmäßigen Rechte wie die »Perser«, was die Realität nicht immer einlöst. Immerhin: Revolutionsführer Khamenei ist Aserbaidschaner. Und sowohl Juden als auch andere Minderheiten haben im vom Westen inspirierten Aggressionskrieg Iraks gegen Iran als Freiwillige gedient.

Dass der Staat kein Rechtsstaat ist, den sich Iraner sehnlich wünschen, heißt nicht, dass keine zivilgesellschaftlichen Organisationen entstehen, die auf die Rechtspraxis Einfluss nehmen. Wiedemann hat Mitglieder des Vereins »Imam Ali« bei ihren Aktivitäten begleitet, die schon oft die Vollstreckung von Todesstrafen verhinderten. Das ist möglich, wenn die Angehörigen des Opfers dem Täter verzeihen, erfordert jedoch vielfach eine jahrelange Überzeugungsarbeit.

Ein Teil der Iraner - so Wiedemann - habe durch die islamische Republik den Glauben ganz verloren, andere leiden darunter, wie dieser Staat ihn diskreditiert hat. Während »in Ländern, die mit dem Westen über Jahrzehnte verbündet waren oder es weiterhin sind, ein buchstabengläubiger und ideologisch radikaler Islam lauter geworden ist«, hat der Pragmatismus der Iraner dazu geführt, dass sie sich »religiös entradikalisiert« hätten. Das trifft in gewissem Maße für das Regime selber zu, das verkündet, einen interreligiösen Dialog »mit ausgestreckter Hand und offenem Herzen« anzustreben. In der heiligen Stadt Qom gibt es heute eine University of Religions, in der sich gut tausend Studenten, knapp die Hälfte weiblich, mit Judentum, Christentum, Buddhismus und Hinduismus, Sufismus und Mystizismus befassen. Hier unterrichten auch Juden und Christen, man kooperiert mit nichtislamischen Universitäten im Ausland, etwa in Potsdam.

»So groß die alltägliche Wut auf einen Willkürapparat sein mag: Iran genießt heute mehr Unabhängigkeit und Eigenständigkeit als in den vergangenen zweihundert Jahren, und alle Iraner wollen diese Position wahren«, meint Charlotte Wiedemann. Der Westen unterschätze, dass sich das Regime in Fragen der nationalen Identität auf breiten Konsens stützt, der sich bis in die Kreise der Diaspora erstreckt. Während in den ersten nachrevolutionären Jahren die vorislamische Geschichte aus dem kollektiven Gedächtnis gedrängt werden sollte, machte schon Präsident Rafsandschani eine Kehrtwende und ließ unter anderem die antike Stadt Persepolis restaurieren.

Der Krieg mit Irak und die Tatsache, dass Iran damals weder von der UNO noch von irgendeinem anderen Land unterstützt wurde, hat aus den Iranern unterschiedlichster Provenienz eine Schicksalsgemeinschaft gemacht. Freilich wird dieser Epoche auf unterschiedliche Weise gedacht. Es gibt das offizielle, in monumentalen Museumsbauten kristallisierte Erinnern mit martialischem Heldenkult, aber auch kleinere Zentren, in denen Kriegsopfer und ihre Angehörigen soziale Kontakte und ein kritischeres Verhältnis zum Kriegsverlauf pflegen, der, hätte das Regime Waffenstillstandsangebote von Saddam Hussein akzeptiert, um Jahre verkürzt worden wäre. Einig sind die Iraner in der Frage der Nutzung der Atomenergie, deren vollkommenes Verbot als nationale Demütigung empfunden wird, hinter dem nicht nur die Sorge vor einer iranischen Atombombe steckt, sondern auch das Streben, die technologische Entwicklung des Landes auszubremsen.

Neben viel Wissenswertem zur Geschichte und zur Diskrepanz zwischen offiziellem und Volksislam informiert Wiedeman auch über die Spannungen durch die enorme Reichtumsentwicklung, an der nicht zuletzt die Revolutionsgarden Anteil haben. Sie verfügen über einen riesigen Wirtschaftskonzern, der sich obszönerweise »Siegel des Propheten« nennt.

Gerechtigkeit, Freiheit und Bürgerrechte aber, betont die Autorin, »können nur die Iraner selbst erkämpfen; sie kommen nicht als Begleitpaket zu Marktanteilen westlicher Unternehmen«.

Charlotte Wiedemann: Der neue Iran: Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten. Deutscher Taschenbuchverlag. 304 S., geb., 22 €.

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