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»Dann flog das Tränengas«

30 Jahre Mai-Krawalle: Ein Polizist und ein Aktivist erinnern sich an den 1. Mai 1987

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 9 Min.

Prütz grüßt und nimmt Gassens Hand in seine, als seien sie alte Freunde. Auf dem Weg zu einem nahe gelegenen Café versuchen sie, sich an das Kreuzberg vor 30 Jahren zu erinnern. Das Stadtbild hat sich seitdem stark verändert, stimmen sie überein. Geschäfte habe es hier am Görlitzer Bahnhof damals kaum gegeben.

Herr Gassen, müssen Sie am 1. Mai arbeiten?
Gassen: Ja. Seit 1987 habe ich am 1. Mai immer gearbeitet.

Prütz: Schöner Tag.

Gassen: Also den Tanz in den Mai, den habe ich noch nie mitgemacht.

Am 1. Mai 1987 wurde aus einem bürgerlichen Straßenfest in Kreuzberg ein wilder Straßenkampf. Brennende Barrikaden, Plünderungen, am Ende musste sich die Polizei aus SO36 zurückziehen. Was ist da passiert?
Prütz: Ich war nachmittags auf dem Straßenfest verabredet, das wurde von der Alternativen Liste und der Sozialistischen Einheitspartei, also dem Westberliner Ableger der SED, auf dem Lausitzer Platz veranstaltet. Es war ein großes Fest.

Gassen: Was waren das für Leute damals? Da waren doch nicht nur Punks auf dem Fest.

Prütz: Nein, das waren Familien. Da gab es Hüpfburgen mit allem Drum und Dran. War völlig jenseits jeder Vorstellung, dass da was passieren könnte.

Gassen: Für uns war das ein ganz normaler Tag, der 1. Mai. Da gab es im Voraus keine besonderen Alarmierungen oder Zusatzdienste. Ich hatte morgens um neun Uhr mit der Arbeit begonnen. Damals hatten wir noch 24-Stunden-Dienste.

Prütz: Ich habe mich mit Freunden getroffen, mich unterhalten, mit gar nichts gerechnet. Und dann, ich glaube, es muss so gegen 16 Uhr gewesen sein ...

Gassen: Ja, da fing es so langsam an.

Prütz: Genau. Dann flog das Tränengas. Die Polizei hat aus was weiß ich für Gründen Tränengas ins Fest geschossen. Da waren vielleicht fünf-, sechstausend Menschen. Die sind dann in alle Richtungen geflüchtet.

Gassen: Ich glaube, begonnen hat das Ganze mit dem Funkwagen, der auf die Seite gekippt wurde.

Prütz: Genau. Dann wurde es eruptiv. Wie ein ausgebrochener Vulkan an jeder Straßenecke. Hier (zeigt auf die Skalitzer Straße), überall. Barrikaden wurden errichtet, Geschäfte geplündert. Hier gegenüber im Bolle-Supermarkt lag am Ende noch ein Sack Blumenerde drin. Sonst war da nichts mehr.

Gassen: Komplett alles raus.

Prütz: Das, was am 1. Mai 1987 in Kreuzberg war, hat alles getoppt.

Die Polizei musste sich zwischendurch sogar aus einem Teil von Kreuzberg zurückziehen.
Gassen: Wir sind von der Gewalt absolut überrascht worden. Wir waren zu wenige, komplett überfordert und mussten nachalarmieren.

Prütz: Das wusste ich damals natürlich nicht, aber es stimmt, was Sie sagen: Die Polizei war überfordert.

Gassen: Außerdem waren wir nicht für so etwas ausgestattet. Wir hatten unsere Helme und Schienbeinschoner. Mehr gab es nicht. Ich war 21 Jahre alt und gerade mal zwei Jahre im Dienst. Von Polizeitaktik und Ähnlichem hatte ich keine große Ahnung. Und als Schöneberger kannte ich mich in Kreuzberg auch kaum aus.

Ihre Aufgabe war ...
Gassen: Für die Nacht wurde ich als Begleiter des Transportkommandos eingeteilt. Wir hatten dann auch relativ schnell das Fahrzeug voll mit rund 15 Festgenommenen und sind zur nächsten Polizeidienststelle gefahren. Als wir von der Skalitzer Richtung Wiener Straße gefahren sind, kamen wir kaum durch. Uns sind lauter Leute aufs Fahrzeug gestiegen. Bei der Übergabe der Gefangenen habe ich in die Gesichter der Kollegen geguckt, die sahen richtig fertig aus. Die waren schwarz im Gesicht, vom Ruß, dachte ich, und Verletzte gab es auch.

Wer waren die Leute, die da mitgemacht haben?
Prütz: Das war ganz unterschiedlich. Da vermischte sich alles. Das waren nicht ein paar Hundert Autonome, während die anderen am Rande standen - das war ein einziger wirklich großer Mischmasch. 300 Autonome alleine hätten das gar nicht geschafft.

Gassen: Da waren natürlich welche dabei, die die Situation für sich ausgenutzt haben. Viele hätten wahrscheinlich vorher gar nicht gedacht, in so etwas reinzurutschen.

Später schrieben Zeitungen über »bürgerkriegsähnliche Zustände«.
Prütz: Ich war eigentlich an allen Brennpunkten unterwegs. Angst hatte ich keine. Zwischendurch bin ich mal nach Hause gegangen, es gab ja keine Handys, und habe mit einem Freund telefoniert. Der sagte, hier beim Grünen-Parteitag wird kolportiert, es gibt einen bewaffneten Aufstand in Kreuzberg. Natürlich war das Quatsch. Das Gerücht kam daher, weil junge Türken Otto Boenicke geplündert hatten. Das war ein Zigaretten- und Waffengeschäft auf der Oranienstraße.

Gassen: Waffengeschäft, ja.

Prütz: Also mit Schreckschusspistolen und Luftdruckgewehren.

Gassen: Ja, genau.

Prütz: Die standen dann so machomäßig auf der Barrikade mit ’nem Luftdruckgewehr. Das sah von Weitem natürlich erschreckend aus (lacht).

Und was haben Sie dabei gemacht, Herr Prütz?
Prütz: Ich bin durch die Straßen gelaufen und habe mir das ganze Spektakel angeguckt. Ich muss auch gestehen, ein Freund reichte mir ’ne Kiste Zigarren von Otto Boenicke raus und sagte: »Nimm mit.« Ich habe also Zigarre geraucht und ab und zu militärtaktische Ratschläge zum Bau der Barrikaden erteilt.

Sie haben also nicht richtig mitgemacht, aber fanden schon irgendwie richtig, was da passiert ist?
Prütz: Ich fand, wie soll man das sagen. Es war so, wie es war. Und in Anbetracht der Verhältnisse habe ich es verstanden.

Zeitungen sprachen hinterher von einem Hilfeschrei von Menschen, die sich nicht gehört fühlten, alleingelassen wurden in dem Stadtteil. Traf das Ihrer Meinung nach zu?
Prütz: In gewisser Weise war das so. Kreuzberg war runtergekommen und arm. Die Wohnverhältnisse waren schlecht. Es gab Ofenheizungswohnungen und Außentoiletten.

Gassen: Ja, ein Brennpunkt war das.

Es gibt auch heute wieder Demonstrationen gegen Verdrängung, die Mieten steigen in Kreuzberg, das soziale Gefälle wird größer.
Gassen: Das kann man nicht vergleichen.

Prütz: Heute ist es viel vermischter in Kreuzberg. Die extreme Armut von damals gibt es nicht mehr.

Wer heute ein mittleres Einkommen hat und eine Familie gründet, kann sich keine Drei- oder Vier-Zimmer-Wohnung in der Gegend mehr leisten.
Prütz: Ja, das ist leider so.

Hat der Hilfeschrei damals denn etwas gebracht?
Gassen: Alle haben nach Lösungen gesucht. Politischen Lösungen.

Prütz: Der Senat hat, wenn ich die Zahlen richtig im Kopf habe, die nächsten zwei, drei Jahre eine Milliarde Mark nach Kreuzberg geschickt - Sozialarbeit und andere Maßnahmen, um die Armut zu beseitigen. Insofern hatte der 1. Mai seine Berechtigung. Gewalt ist keine schöne Sache, aber ich bin davon überzeugt, wenn das nicht passiert wäre, dann hätte sich in Kreuzberg gar nichts geändert. Das ist das Problem mit Politikern. Die hören doch nie zu.

Die Polizei hatte damals am frühen Morgen des 1. Mai den Kreuzberger Mehringhof durchsucht, unter anderem die Büros der Volkszählungsboykott-Initiative.
Prütz: Das würde die Polizei heute nicht mehr machen. Vor dem 1. Mai mit Rammböcken in ein linkes Projekt rein.

Gassen: Heute würde man vieles anders machen. Auch weil wir ganz anders trainiert werden, uns fortgebildet haben, besser ausgestattet sind. Wir sind heute einfach professioneller, gelassener als damals. 1987, das hat sich alles so hochgeschaukelt.

Weitere Erinnerungen an den 1. Mai 1987

Sabine W.

Die militanten Auseinandersetzungen in Wackersdorf waren nichts im Vergleich zum 1. Mai 1987 in Kreuzberg. Den Randalen vorausgegangen waren ziviler Ungehorsam um den Volkszählungsboykott und die Proteste gegen die 750-Jahresfeiern. Viele Leute machten spontan mit. Für mich als junge Autonome war es wichtig, dass Frauen auch aktiv beteiligt waren. Nachdem sich die Polizei zurückgezogen hatte, machte sich das Gefühl breit, dass im Moment der Stadtteil uns gehört und morgen schon die ganze Stadt. Mit den Plünderungen hatte die Umverteilung ja schon angefangen. Ich hatte keinen Appetit auf Tiefkühlfleisch, bin aber staunend durch Bolle gelaufen. Differenzierte Fragen kamen erst später: Welche Autos wurden abgefackelt, welchen Anteil an der Randale hatte der Alkohol?

Sabine W. ist Mitglied des Kollektivs von Hinkelstein-Druck am Lausitzer Platz und druckt noch heute 1.-Mai-Plakate.

Jörg Machel

Als ich spät am Abend des 1. Mai 1987 nach Hause kam, war es laut aus Richtung Lausitzer Platz, nicht ungewöhnlich in Kreuzberg. Ich ging schlafen, ohne etwas von den Krawallen mitzubekommen. Mein Gang durch die Gemeinde am nächsten Morgen war erschütternd. Ein befreundetes Ehepaar erzählte mir, dass sie nicht zu ihrer Wohnung direkt neben dem brennenden Bolle-Markt durchkamen, in der ihr Kind schlief. Sie sind fast verrückt geworden. Danach war ich häufig am 1. Mai unterwegs, meist als Passant. Mal habe ich eine alte Frau begleitet, die sich allein nicht nach Hause wagte, mal musste ich rennen, um dem Tränengas auszuweichen. Einmal war ich in Begleitung des Polizeiseelsorgers unterwegs und habe gesehen, wie die verletzten Polizisten in der Ambulanz versorgt wurden. Mein Fazit: Wenn die Gewalt die Straße beherrscht, gibt es nur noch Verlierer!

Jörg Machel ist seit 1984 Pfarrer in Kreuzberg 36.

Martin Düspohl

Ich war am 1. Mai 1987 wie jedes Jahr auf dem Fest am Lausitzer Platz. Ich weiß nicht mehr, warum ich mit dem Auto hingefahren bin, obwohl ich in Kreuzberg wohnte. Damals hatte ich noch ein Auto, einen Renault R 4 mit »Pistolengangschaltung«. Den stellte ich an der Skalitzer Straße am Lausitzer Platz ab. Spät nachmittags kam es völlig unvermutet zum Tränengaseinsatz. In Windeseile wurden die Stände abgebaut, und die Menschen verstreuten sich schnell in alle Richtungen. Ich flüchtete mich mit vielen anderen in eine Eckkneipe. Da blieben wir rund zwei Stunden. Vom Rest des Geschehens bekam ich dann nichts mehr mit. Direkt vor meinem Wagen, den ich nicht mehr benutzte, habe ich am nächsten Morgen eine ausgebrannte Fahrzeugleiche entdeckt. Aber mein R 4 war noch heil.

Martin Düspohl war bis Januar Leiter des Friedrichshain-Kreuzberg-Museums.

Hans-Georg Lindenau

Bei der Autonomen Vollversammlung zum 1. Mai im Mehringhof war zu Barrikaden am Moritzplatz und Kottbusser Tor aufgerufen worden. Man wollte die Bullen an dem Tag aus Kreuzberg raushalten. Man hatte Angst vor dem staatlichen Terror, wenn man sich an der Volkszählung nicht beteiligte. Am 1. Mai 1987 selbst war ich die ganze Zeit an den Brennpunkten unterwegs. Viele haben sich angeschlossen, die keinerlei vorherige Absprachen kannten und sich einfach über das Freiheitsgefühl freuten. Das hat eine Eigendynamik entwickelt. An der Skalitzer Straße, Ecke Oranienstraße wurden die Bullen dann auch erfolgreich mit Appellen und Steinwürfen zurückgedrängt. Für mich war es Notwehr. Aber wirklich passieren konnte ihnen meiner Meinung nach wieso nichts, ich kannte deren Ausrüstung.

Hans-Georg Lindenau betreibt seit 1985 den Gemischtwarenladen für Revolutionsbedarf in der Manteuffelstraße 99.

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