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Selbst die EZB kriegt Marx nicht klein

Auch wenn das Edelmetall im modernen Geldsystem keine Rolle mehr spielt, wurde die Geldware damit nicht abgeschafft.

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Die Europäische Zentralbank bringt Marxisten in arge Schwierigkeiten. Nein, es geht nicht um die Frage, wie die derzeitige Niedrigzinspolitik Europas oberster Währungshüter einzuschätzen ist, ob Mario Draghi nun den Kapitalismus mit der Vorbereitung der nächsten Spekulationskrise vollends vernichten wird, oder ob er die Kapitalisten vor sich selbst schützt. Nein, die Zweifel, die die EZB und alle anderen Notenbanken in der Welt auch schüren, nagen noch viel stärker am Weltbild der Marxisten.

Schlägt man nämlich das Hauptwerk von Karl Marx, den ersten Band vom »Kapital«, auf, dann muss man sich erst einmal durch drei äußerst schwere Kapitel kämpfen, bis einem der »Erfinder des wissenschaftlichen Sozialismus« endlich erklärt, wie es so ist mit dem Kapital, der Ausbeutung und dem Mehrwert. Im Zentrum dieses ersten Abschnitts vom »Kapital« steht die sogenannte Wertformanalyse.

In ihr zeigt Marx, warum es des Geldes in kapitalistischen Gesellschaften bedarf. Der große Philosoph und Ökonom aus Trier verspricht darin etwas zu leisten, »was von der bürgerlichen Ökonomie nicht einmal versucht ward, nämlich die Genesis dieser Geldform nachzuweisen, also die Entwicklung des im Wertverhältnis der Waren enthaltenen Wertausdrucks von seiner einfachsten unscheinbarsten Gestalt bis zur blendenden Geldform zu verfolgen.«

Der Kern der Wertformanalyse ist, dass der Wert von Waren, also die in ihnen vergegenständlichte, gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, immer in anderen Waren dargestellt werden muss. Doch diese Darstellung erscheint immer als unvollendet, so lange die Waren ihren Wert nicht in einem gemeinsamen, allgemeinen Äquivalent darstellen können.

»Die gesellschaftliche Aktion aller andren Ware schließt daher eine bestimmte Ware aus, worin sie allseitig ihre Werte darstellen«, schreibt Marx, dem wichtig war zu zeigen, dass die Waren im Kapitalismus ein Eigenleben entwickeln. Dadurch werde die Naturalform dieser Ware gesellschaftlich gültige Äquivalentform. »Allgemeines Äquivalent zu sein wird durch den gesellschaftlichen Prozeß zur spezifisch gesellschaftlichen Funktion der ausgeschlossenen Ware. So wird sie - Geld«, begründet Marx schlussendlich hoch philosophisch die Notwendigkeit des Geldes in einer Marktgesellschaft. Und die Ware, die dieses allgemeine Äquivalent ist, nennt Marx die Geldware.

So weit so gut - hätte Marx nur nicht an einigen Stellen diese Geldware mit Gold gleichgesetzt. »Gold tritt den anderen Waren nur als Geld gegenüber, weil es ihnen bereits zuvor als Ware gegenüberstand«, schreibt er etwa im »Kapital«. Und so streiten sich Marxisten nun, ob diese Gleichsetzung wortwörtlich zu nehmen oder einfach nur eine Vereinfachung ist, wie es vom Mitbegründer der Internationalen in »Zur Kritik der Politischen Ökonomie«, einer seiner ersten Abhandlungen über den Kapitalismus aus dem Jahre 1859, nahegelegt wird.

Bis Anfang der 1970er Jahre war dies auch unter eingefleischten Marxisten eher eine scholastische Frage. Schließlich hing das Weltgeldsystem bis dahin fast durchgehend an Gold oder einem anderen Edelmetall. Doch dann kündigte US-Präsident Richard Nixon das 1944 begründete Bretton-Woods-System auf. Damit wurde nicht nur das System fester Wechselkurse aufgegeben, sondern auch die Bindung des Dollar - und damit auch die aller anderer wichtigen westlichen Währungen - ans Gold abgeschafft.

Nun streiten sich die Theoretiker, ob das Gold noch Geldware ist oder nicht. Die einen sagen »Ja«, obwohl die Zentralbanken nur noch sogenanntes Fiat-Geld, Geld aus dem Nichts, erschaffen. Das wohl wichtigste Argument für eingefleischte Marxisten: Gold müsse weiterhin als Geldware dienen, weil die Ware, die als allgemeines Äquivalent dient, auch einen Wert besitzen, also Produkt menschlicher Arbeit sein müsse. Dies sei bei den Banknoten und Einlagen nicht der Fall. Die etwas undogmatische Fraktion hingegen meinte, dass es nicht einer Geldware im Kapitalismus bedürfe und Marx sich da geirrt habe. Dies sei auch nicht schlimm. Schließlich funktioniere seine monetäre Werttheorie auch ohne die Geldware.

Doch warum das Geld weiterhin nicht bloß ein Symbol sein kann, sondern immer auch Warencharakter haben muss, hängt weniger daran, dass sich immer vergegenständlichte Arbeit gegen vergegenständlichte Arbeit tauschen muss. So gibt es stets auch Waren, wie unbestelltes Land oder Emissionsrechte, die keine Produkte menschlicher Arbeit sind, aber trotzdem gehandelt werden. Insofern irrten sich beide Seiten im Streit um die Geldware, wenn sie diese mit Gold gleichsetzten.

Bei Marx muss man tiefer graben, um zu erklären, warum die Geldware notwendig ist. Man muss dafür in die tief verschütteten Bereiche hinabsteigen, in denen sich zeigt, dass Marx doch noch etwas vom Idealisten Georg Wilhelm Friedrich Hegel beeinflusst war. Bereits in Marx’ Frühschrift »Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie« zeigt sich, dass Marx Hegels Auffassung vom Geld als »existierenden allgemeine Wert der Dinge und der Leistungen« übernommen hatte. Später schrieb dann Marx vom Geld als allgemeiner Ware, in der alle anderen besonderen Waren ihren Wert ausdrücken. Der Clou an dem Ganzen ist, dass diese allgemeine Ware in einer besonderen Ware vergegenständlicht werden muss, die Marx später die Geldware nennt.

»Daß der Geldeigenschaft aller Waren eine besondere Ware als Geldsubjekt erscheint - geht aus dem Wesen des Tauschwerts hervor«, schreibt Marx etwa später in den »Grundrissen«, die ihm als Vorlage zum »Kapital« dienten. Oder noch etwas komplizierter: »Wie der Tauschwert im Geld als allgemeine Ware neben alle besonderen Waren tritt, so tritt dadurch der Tauschwert als besondre Ware im Geld (da es eine besondre Existenz besitzt) neben allen andren Waren.«

Die marxistischen Goldliebhaber würden jetzt vielleicht noch einwenden, dass die Geldware einen Wert haben müsse, der auf der Vergegenständlichung abstrakter menschlicher Arbeit beruhe. Doch dies ist nicht unbedingt nötig, wie der Ökonom Lucas Zeise in seinem im Herbst 2010 erschienenen Buch »Geld - der vertrackte Kern des Kapitalismus« zeigt.

Ihm zufolge kann das von den Zentralbanken ausgegebene Geld selbst die Funktion der Geldware übernehmen, weil es in der Regel durch Kreditoperationen in den Wirtschaftskreislauf gelangt. So verleiht die EZB das Geld zum Leitzinssatz an die Geschäftsbanken, diese geben es wiederum an die Unternehmen weiter, die damit unter anderem ihre Angestellten bezahlen, die wiederum das Geld ausgeben und zur Bank tragen, die es wieder verleihen kann und so weiter.

Als solches ist das Zentralbankgeld also von Anfang an Kredit beziehungsweise »fiktives Kapital«, wie Marx Aktien, Wertpapiere oder Schuldtitel im unvollendeten dritten Band vom »Kapital« bezeichnet. Als solches ist es eine »Ware sui generis«. Das heißt, dieses Geld wird gehandelt und hat auch einen Preis, nämlich den Zins. Und vor allem auch einen - zumindest fiktiven - Wert, den Marx in seinen Manuskripten zum dritten Band vom »Kapital« als »accumulated claims upon production«, also angehäufte Ansprüche auf die Produktion bezeichnete. »Die Geldware oder die Geldwaren seien juristisch verbriefte Ansprüche auf einen präzise definierten Anteil am gesellschaftlichen Reichtum, einem Anteil an in der Gesellschaft produzierten Wert und Mehrwert, kurz des realen, nicht nur fiktiven Kapitals«, hebt Zeise hervor.

Eine ähnliche Konstruktion hat übrigens der österreichische Marxist Rudolf Hilferding schon Anfang des 20. Jahrhunderts gebraucht, als er versuchte, das Phänomen des Papiergeldes zu erklären. Diesem schrieb er einen sogenannten Zirkulationswert zu, der nicht bestimmt sei »durch den eigenen verschwindend geringen Wert, sondern durch den der Warenmasse, die ihren Wert auf die Papierzettel reflektiert«, wie Hilferding zu Beginn des »Finanzkapitals« schrieb.

Dass diese Interpretation durchaus im Sinne Marx ist, lässt sich anhand von einigen Textpassagen zeigen. So schrieb er in den »Grundrissen«, der Tauschwert des Geldes »eine von seiner Materie und Substanz ›getrennte Existenz‹ erhalten könne, ohne indes das Privilegium dieser besondren Ware aufzuheben.« Das heißt, auch das Papiergeld ist eine Ware. Und dieses Geld hat ihm zufolge auch einen Wert. Denn »während das Gold zirkuliert, weil es Wert hat, hat das Papier Wert, weil es zirkuliert«.

Die EZB hat den Marxisten also Probleme verursacht. Doch der alte Marx hätte auch diese vermutlich leicht lösen können.

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