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Verstehen, überwinden

»Hatte Marx doch recht?« Das ist die falsche Frage. Ein Lob des Revisionismus.

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 8 Min.

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Es war irgendwann im Jahr 1960. Der an einer Dissertation sitzende Oskar Negt wartete im Westen auf einen Teil der Marx-Engels-Werkausgabe, die er in der DDR bestellt hatte. Statt der blauen Bände erreichte ihn jedoch ein Schreiben vom Gericht - man habe die Bücher als »staatsgefährdendes Propagandamaterial« eingestuft und »beschlagnahmt«.

2017 gehört Oskar Negt zu den namhaftesten linken Sozialphilosophen hierzulande - und auf die Frage, wie er die Chancen von Rot-Rot-Grün einschätzt, antwortete er unlängst, es stünde darum gar nicht so schlecht. Aber, so seine Forderung, es müsse in einer solchen Regierung »auch die Kapitalismuskritik Anerkennung finden«. Das Motto: Eine Mitte-Links-Koalition brauche ihren Marx als Mittel gegen den grassierenden »Orientierungsnotstand«.

I.

Vom Staatsgefährder zum Regierungstheoretiker? Üblicher sind eigentlich andere Geschichten des Umgangs mit Karl Marx und seinem Werk. Solche des Ausgrenzens und Verschweigens. Freilich, dass irgendein angeblich böser Mainstream von ihm überhaupt nichts wissen wolle, kann heute kaum noch behauptet werden. Spätestens seit der großen Krise von 2008 hat ein, mal staunendes, mal abwertendes Interesse wieder Konjunktur: »Hatte Marx doch recht?«

Wer so fragt, könnte bei allem wieder erweckten Interesse dennoch missverstehen. Denn es geht ja nicht ums »Rechthaben«, schon gar nicht um ewige Wahrheiten. »Wer sich allein auf Marx bezieht, der kommt nicht weit«, hat der Marxkenner Thomas Kuczynski Anfang dieses Jahres gesagt, in dem sich das Erscheinen des ersten Bandes von »Das Kapital« zum 150. Mal jährt. Man darf hinzufügen: Wer Marx links liegen lässt, wird auch nicht recht vom gedanklichen Fleck kommen.

Man liest jetzt überall, wie gut ein Buch von 1867 die Welt von 2017 beschreibt, was man über die »Globalisierung«, über die sozialen und ökologischen Folgen der ökonomischen Verhältnisse darin schon alles lesen kann, über den Drang, neue Technologie auf eine Weise in Dienst zu stellen, die unter dem Strich nur wenigen zugute kommt. Alles schon im »Kapital« analysiert! Und noch mehr.

Die studierten Auskenner zucken hier womöglich mit den Schultern, in ihren Köpfen lagern schillernde Begriffe, sozusagen das intellektuelle Geröll von jahrzehntelanger Lektüre und schwergewichtigem Theoriestreit darüber, wie denn nun diese oder jene Passage »richtig« zu verstehen sei. Und weshalb man das nur beantworten kann, wenn man nicht nur »Das Kapital« liest, sondern auch die Manuskripte, Aufzeichnungen, früheren Gedanken von Marx, die in der MEGA gesammelt sind.

Wer »bloß« interessiert ist, nach Antworten sucht in einer Welt, die Kapitalismus zu nennen statt »Marktwirtschaft« wieder üblicher geworden ist, schafft es hingegen vielleicht nicht einmal über die ersten Kapitel des »Kapital« hinaus. Marx selbst wusste um die »Schwerverständlichkeit« seiner Begriffe und Kategorien: Ware, Wertsubstanz, Wertgröße, Wertform und so fort. Er hoffte aber auf »Leser, die etwas Neues lernen, also auch selbst denken wollen«.

II.

Was lässt sich lernen von Marx, heute noch? Es ist natürlich eine Unmöglichkeit, etwas in ein paar Absätzen zu komprimieren, wofür der große Komprimator Marx allein im ersten »Kapital«-Band fast 800 Druckseiten brauchte. Und doch ist es keine bloße Redewendung, dass seine »Kritik der Politischen Ökonomie« so aktuell noch immer ist - unter anderen Bedingungen.

Das geht, erstens, beim Untertitel los: Was Marx für seine Zeit besorgte, eine Kritik der damals noch nicht so genannten Volkswirtschaftslehre, ist heute so notwendig wie 1867. Dies umso mehr, weil die Modell-Apologeten, Gleichgewichts-Gläubigen und Interessens-Wissenschaftler oft die führenden Bauchredner der Politik sind.

Wo Marx sich mit den analytischen Kategorien der »politischen Ökonomie« von Adam Smith, David Ricardo und anderen auseinandersetzte, musste er sich, zweitens, selbstredend auch mit jenen Zuständen auseinandersetzen, die von diesen Kategorien »begriffen« werden sollten: die kapitalistische Produktionsweise und ihre Wandlungen.

Dass Marx dabei, drittens, auf dem Weg der Überwindung der klassischen Arbeitswertlehre zu etwas Neuem vorstieß, das weit über die Frage hinausgeht, ob sich der Wert einer Ware aus der Arbeitszeit bestimmt, macht einen springenden Punkt seines Werkes aus: Warum existiert überhaupt so etwas wie »Wert«, wie bildet er sich und was hat das mit der »Arbeit« zu tun, die selbst Ware ist?

Von dort ging es dann weiter: zu Mehrwert, Kapital, Profit, Krise, Klassen und so fort. An diesem Punkt ist die Kritik der politischen Ökonomie nicht mehr bloß Wissenschaft von der kapitalistischen Produktionsweise, sondern sie wird, viertens, zum politischen Imperativ, über sie hinauszudenken. Nicht in dem Sinne, den Marx noch zu Zeiten vom »Kommunistischen Manifest« im Sinn gehabt haben mag, also als Vorstellung einer unmittelbar bevorstehenden, gesetzmäßigen »Folge« aus dem sich zuspitzenden Geschehen. Sondern in einer Weise, die die ökonomischen Beziehungen im Kapitalismus als historische statt als »Natur« auffasst, also als solche, die sich ändern können. Hier wird der Ökonom Marx zum Geschichtsphilosophen Marx.

So gesehen kann man bei ihm, fünftens, viel darüber erfahren, wie der Kapitalismus funktioniert, aber mehr noch darüber, warum er eben doch gar nicht funktionieren kann: Weil ihm die Krise von Anfang an eingebaut ist, nicht als Resultat von Abweichungen, Störungen, bösem Willen. Sondern der Kapitalismus ist praktisch schon die Krise - manchmal sieht das nur nicht so aus.

III.

Dass kein finaler Kladderadatsch direkt ins sozialistische Shangri-La führen wird, es immer wieder Umwege und Abzweigungen gibt, die die Produktionsweise zu ihrer eigenen Fortexistenz nutzt, das wusste Marx besser als viele, die ihn heute nur an seinen nicht eingetretenen Prognosen messen.

Übrigens: Darüber, wie dieses »Andere« nach dem Kapitalismus aussehen könnte, hat Marx wenig geschrieben, weniger jedenfalls als jene mitunter behaupteten, die seine »richtige Anwendung« propagierten.

Das »Kapital« ist oft als »Bibel« der Arbeiterklasse bezeichnet worden, was man nicht Marx vorwerfen darf, der mit Bibeln nichts am Hut hatte. Ebenso wenig ist er dafür zu schelten, dass sein Werk von anderen zu einer Art heiligen Schrift gemacht wurde, um die sich eine bisweilen bizarr wirkende Kultur der Auslegung entwickelte. Ein »Marxpfaffentum«, wie das Franz Mehring einmal nannte.

IV.

Was würde Marx heute sagen? Er würde sich vielleicht enttäuscht zeigen, dass der Kapitalismus immer noch nicht auf den Hund gekommen ist. Er würde aber auch daran erinnern, dass selbst der, dem es gelungen ist, »das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen« - darin sah Marx den »Endzweck« von »Das Kapital« -, nun einmal »naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekretieren« kann. Es gibt keine Abkürzung aus dem Kapitalismus heraus, würde Marx sagen und wohl auch über jene linken Versuche lachen, das »Kapital« als Fibel zur Berechnung gewünschter Zusammenbrüche zu gebrauchen.

Marx würde heute vielleicht dazu raten, über ihn, ja auch: über »Das Kapital« hinauszugehen. »Was ich in diesem Werk zu erforschen habe, ist die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechenden Produktions- und Verkehrsverhältnisse«, schrieb er in London im Juli 1867. Seither ist einiges geschehen. Man wird also, dafür reicht es, auf Frauenwahlrecht, Sozialstaat und Computer hinzuweisen, nur drei von tausenden Dingen, die es zu Marxens Zeiten noch nicht gab, genau damit immer weitermachen müssen: dem »erforschen«.

Der Philosoph Wolfgang Fritz Haug hatte um die Jahrtausendwende »eine seltsame Scheu« entdeckt, »die Wandlungen des Kapitalismus unter dem Gesichtspunkt der Produktivkraftentwicklung und ihrer dialektischen Beziehung zu den Produktionsverhältnissen anzugehen, kurz, neue Phänomene im Zusammenhang einer Wandlung der Produktionsweise zu analysieren«. Und heute? Ist die »Selbstblockade« gelockert? Wie ist der Stand des Nachdenkens über den »neuen Kapitalismus«? Was muss womöglich neu bedacht, was anders in Begriffe gefasst werden? Nachdenken über 150 Jahre »Kapital« schließt auch ein Lob des Revisionismus ein, denn dieser entspricht Marx wohl mehr als alles andere, was sich in den vergangenen 100 Jahren als reine Lehre dünkte.

V.

Marx selbst konnte, solange er lebte, nicht einmal sein Hauptwerk auf sich beruhen lassen, er unterzog es ständiger Revision. Mit dem Begriff Revisionismus wird heute auf der linken Welthalbkugel vor allem Eduard Bernstein in Verbindung gebracht, weil der Tendenzangaben aus Marxens Werk breitenwirksam in Frage stellte, woraus sich nach 1900 eine veritable Streiterei in der Sozialdemokratie ergab. Eine Debatte, in der Bernstein etwa davor warnte, »auf den großen Zusammenbruch zu spekuliren«, weil die Wirklichkeit einen solchen vielleicht erhoffen ließ, aber gar nicht ankündigte.

Bernstein deshalb auf die Parole zu reduzieren, er habe »außerordentlich wenig Sinn und Interesse« an dem, »was man gemeinhin unter ›Endziel des Sozialismus‹ versteht«, kurzum, ihn zum »Reformisten« par excellence zu machen, drängt beiseite, was ihn daneben eben auch auszeichnet: In dem Bemühen, die Anwendungsmöglichkeiten der Marxschen Theorie unter den seit Niederschrift des Buches schon gründlich veränderten Bedingungen auszuloten, war er dem Alten methodisch, politisch, intellektuell näher als viele der »selbstgerechten Theorie-Bewahrer«, von denen die Historikerin Helga Grebing einmal sprach. In Bernsteins eigenen Worten: Sich Widersprüche, Lücken, Veränderungen bewusst machen und das Bedürfnis empfinden, damit aufzuräumen. Darin, »nicht im ewigen Wiederholen der Worte der Meister beruht die Aufgabe ihrer Schüler«.

Natürlich, Bernstein beging selbst wieder Irrtümer, schoss über Ziele hinaus, verstolperte sich in parteipolitischen Fallstricken. Aber hätte sich Marx daran gestoßen? Der sei »kein Baby, das in der Wiege plärrt, und kein bärtiger Geselle, der die Priester in Furcht versetzt«, schrieb der italienische Denker Antonio Gramsci zum 100. Geburtstag von Marx.

Dietmar Dath hat mit Blick auf den alten Zwist darüber, was und wie viel am »Kapital« von Friedrich Engels stammt, der die Veröffentlichung des zweiten und dritten Bandes auf Basis von Manuskripten besorgte, einmal geschrieben: »Engels hat es mit den ihm anvertrauten Texten Marxens einfach so gehalten, wie Marx es mit der Welt zu halten empfahl: Er hat sie, wo ihm das nötig erschien, verändert, statt sie nur je und je verschieden zu interpretieren. Wenn damit heute niemand weitermachen will, sind alle diese Schriften Altpapier.«

Das also und nicht die Frage »Hatte Marx doch recht?« wäre heute zu bedenken. Freilich muss man an dieser Stelle dann auch Antonio Labriola zitieren, einen anderen Italiener und einen der ersten großen Marxisten. »Verstehen heißt überwinden«, so der Italiener. »Aber es scheint mir doch, notwendig, hinzuzufügen: Überwinden heißt verstanden haben.«

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