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Räumungen wilder Camps sind keine Lösung

Bezirk in Berlin fordert mehr Notübernachtungsplätze, um Obdachlosigkeit zu reduzieren / Junge Flüchtlinge in die Prostitution abgerutscht

Der Bezirk Mitte hat einen Verein beauftragt, sich um die jungen afghanischen und iranischen Flüchtlinge zu kümmern, die rund um den Hansaplatz ihren Körper verkaufen. »Wir sind froh, dass der Verein KommMit, der Erfahrungen mit Afghanen hat, rasch Zugang zu den jungen Männern gefunden hat«, sagt Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) am Freitag. Medien hatten berichtet, dass junge volljährige Männer aus Afghanistan und dem Iran rund um den Hansaplatz leben. Sie sind obdachlos geworden, prostituieren sich und konsumieren Drogen.

Von Dassel: »Es handelt sich zum Glück um eine sehr kleine Gruppe und die Drogensucht ist noch nicht verfestigt. Die Männer sind auch bereit, sich helfen zu lassen. Aufgrund von Hinweisen aus der Kirchengemeinde, vom Runden Tisch Hansaplatz und den Medien konnten wir rechtzeitig handeln.« Dem Bezirksbürgermeister zufolge sind lediglich acht bis zehn Männer betroffen. »Einen haben wir bereits wieder zurück in eine Unterkunft vermitteln können. Bei den anderen muss erst Vertrauen aufgebaut werden, bevor sie über ihre Situation sprechen.« So müsse etwa geklärt werden, welches Bundesland zuständig ist und ob es Probleme im Asylverfahren gibt, um Hilfsangebote zielgerichtet einzusetzen.

Mit dem größeren Problem der Obdachlosigkeit im Tiergarten haben diese Männer allerdings nur am Rande zu tun. Der Bürgermeister schätzt, dass sich in Mitte rund 500 obdachlose Menschen aufhalten, die meisten von ihnen im Tiergarten. Sie seien überwiegend Deutsche und Polen. »Mit dem Amtsantritt der neuen polnischen Regierung hat sich das Thema noch einmal verschärft. Es lebt sich offensichtlich in der Obdachlosigkeit in Berlin angenehmer als in Warschau«, sagt von Dassel.

Ein Problem bestünde darin, dass die Träger für die Straßensozialarbeiter nicht vom Bezirk, sondern meist von der EU finanziert werden. »Demzufolge ist die Kommunikation dieser Träger mit dem Bezirk nicht selbstverständlich. Daran müssen wir arbeiten und vielleicht auch eigene Träger einsetzen.« Beispielsweise, um zu erfahren, ob und wie der Bezirk seine Regelleistungen niedrigschwellig gestalten kann. »Deutsche haben immer einen Anspruch auf Unterbringung und Sozialleistungen. Aufgrund ihrer psychischen Verfasstheit brauchen viele Obdachlose aber Sozialarbeiter, um Barrieren aufzubrechen.« Der Grüne-Bezirksbürgermeister wünscht sich mehr Notübernachtungsplätze – auch im Sommer.

Die Frage, ob der Bezirk die wilden Camps im Tiergarten räumt oder nicht, sei, so von Dassel, »das größte Dilemma überhaupt. Einerseits können wir das nicht tolerieren. Andererseits zerstören solche Räumungen das Vertrauensverhältnis in den Staat, das Sozialarbeiter gerade mühevoll aufbauen.« Und im Normalfall verschiebe eine Räumung das Problem nur um wenige hundert Meter. Stephan von Dassel, der täglich mit dem Fahrrad durch den Tiergarten zur Arbeit fährt, hat da eigene Erfahrungen. Eine obdachlose Frau hätte ihm mal von Verfolgungen durch Geheimdienste erzählt.

Immer hat der Bezirk das aber auch nicht in der Hand. So hatte kürzlich die Bahn eine Obdachlosensiedlung in der Nähe des Hauptbahnhofes auf einem bahneigenen Grundstück räumen lassen.

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