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Technik wird in Gang gesetzt

Regisseur Jens Heuwinkel inszeniert in der Brotfabrik »In der Strafkolonie« nach Kafka

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Auf dem Großplakat an der Brotfabrik am Weißenseer Caligariplatz zeigt eine Katze Reißzahn. Drinnen auf der Bühne auch nichts Weichgespültes. Hier wird geprobt für die Premiere: »In der Strafkolonie« nach Franz Kafka. Würde der Text heute geschrieben, käme er sicher als Polit-Psychothriller heraus. Kafka schrieb ihn 1914, fünf Jahre später wurde er erstmals veröffentlicht. Er gleicht einem Alptraum, strotzt vor Grausamkeit, schockiert noch heute. Doch ist das nichts anderes als die Härte, mit der uns heute täglich Nachrichten aus aller Welt um die Ohren gehauen werden.

Ein Trio arbeitet an dem etwa einstündigen Schauspiel, in dem sich eine Forschungsreisende einem totalitären System gegenüber sieht. Sie besucht eine Insel, auf der sich die besagte Strafkolonie befindet. Der Strafvollzugsexpertin wird dort eine Maschine präsentiert, die dem Verurteilten stundenlang Worte seiner Verfehlung in den Leib ritzt, dann tötet. Perfide. Die Handlung steigert sich ins nahezu Unerträgliche. Denn Schilderungen überzeugen den Reisenden nicht. Die Technik wird in Gang gesetzt. Wie verhält sich der Besucher, nach dem, was er sah und wie, wenn er die Insel verlässt?

»Der intellektuelle Westeuropäer wird in eine Situation geworfen, in der er sich konkret verhalten muss oder sich überfordert sieht, sich verhalten zu müssen«, sagt Regisseur Jens Heuwinkel. Die Erzählung, deren Theaterfassung er erarbeitete, werfe ständig neue Fragen auf. So werde es ebenfalls beim Publikum sein. Etwa, wie man angesichts von Grausamkeit und Unrecht richtig handele oder wie und ob man sich der Verantwortung entziehe. Wie stellt man sich zur Todesstrafe, wie zur Rüstungsindustrie? Kann man heute mit scheinbar seichteren Mitteln jemanden in den Tod treiben?

Immer wieder spricht Heuwinkel von der starken bildlichen Kraft des Textes, die in den Köpfen der Zuschauer Assoziationen hervorrufen wird. Er scheint davon einen Kosmos zu haben. Die Bühne wird fast leer sein. Ob er beim Inszenieren die Fantasie des Publikums benutzen wolle, wurde er mal gefragt. »Selbstverständlich. Realer Raum und Gedankenraum spielen ihre Rolle.«

Heuwinkel hat Brotfabrik-Bühnenchef Nils Foerster als Dramaturg an der Seite. Zusammen wählten sie die Erzählung aus, gewannen die Schauspielerin Stefanie Steffen für das Monologstück. Die Künstler kennen sich vom 24h-Theater, das Regisseurin Kerstin Reichelt 2012 zusammen mit Foerster in der Brotfabrik begann. Kommenden Oktober startet es dort wieder. Ausgehend von einem aktuellen Zeitungsartikel, der Freitagnacht für Samstag schon vorliegt, schreiben vier Autoren über Nacht jeweils ein kurzes Theaterstück, das von vier Regisseuren inszeniert und von acht Schauspielern Samstagabend aufgeführt wird. Bis auf die Proben alles öffentlich.

Stefanie Steffen, erwies sich bei der jüngsten Ausgabe trotz der wenigen Probenstunden als sehr textsicher. In Ulm ausgebildet, arbeitete sie schon in den Theatern von Dinkelsbühl und Ingolstadt, wird im Sommer mit dem »Kulturmobil« mit Inszenierungen für Kinder in Bayern unterwegs sein. Die aktuelle Produktion, in der sich ein Alptraum verselbstständigt, verlangt ihr viel ab. »Ich stelle mich dem Schmerz. Das gehört zum Beruf.« Bedrückt komme sie aus den Proben. »Ich esse dann viel Süßes, brauche das, tanke auf.«

Der Regisseur treibt sie. Das gehört dazu. Jens Heuwinkel stammt aus Bielefeld. Er studierte Regie in London, begann am Hans Otto Theater Potsdam und ist nun von Berlin aus deutschlandweit unterwegs, sammelte auch Erfahrungen im Opernbereich. In der aktuellen Spielzeit inszenierte er u.a. in Ansbach »Zigeuner-Boxer« von Rike Reiniger. Nun will er sich auch bei Theaterscouting Berlin, dem Netzwerk von Künstlern der freien Theater- und Tanzszene einbringen, das mit interessanten Konzepten zwischen Künstlern und Publikum vermittelt. Das geschah beispielsweise gerade erst beim internationalen Kinder- und Jugendtheaterfestival »Augenblick mal«, das traditionell Gast des Jungen Staatstheaters Berlin war. Jetzt auch bei Kafka in der Brotfabrik. Momentan steht für Heuwinkel die Premiere im Vordergrund. Wenn auch durch sie künstlerisch eng verbunden, schenken sich die drei Profis nichts. Sie ringen miteinander um die Kraft des Stücks auf Kurs zu der grausigen Insel.

4. bis 7.Mai., 20 Uhr, Brotfabrik, Caligariplatz 1, Weißensee, Tel.: (030) 471 40 01

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