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Neurosen und Würste

Im Kino: »Einsamkeit und Sex und Mitleid« von Lars Montag

Du bist einzigartig!» So schallt es uns aus der Konsumgüterindustrie entgegen. Diese Werbestrategie ist nachvollziehbar: Die angebliche Einzigartigkeit muss mit entsprechenden Artikeln sichtbar gemacht und unterstrichen werden, was ein großes Geschäft ist. Für den Warenabsatz ist also durch die westliche Philosophie (oder besser: Illusion) der extremen Individualisierung gesorgt. Und für den Menschen? Muss ihn seine angebliche Auserwähltheit nicht maßlos überfordern? Und muss es ihn nicht endgültig verwirren, wenn gleichzeitig alle anderen ebenfalls auserwählt sind? Und wie kann man sich noch verlieben, wenn jeder in seiner einzigartigen Welt lebt, in der er sich still und leise optimiert, um dann noch schnell ein Selfie mit gequältem Lächeln zu schießen?

Das sind zentrale Fragen unserer Zeit, und Regisseur Lars Montag hat daraus kein philosophisches Quartett gemacht. Stattdessen hat er sie in der grellen Satire «Einsamkeit und Sex und Mitleid» bildgewaltig und erbarmungslos behandelt. Helmut Kraussers 2009 erschienener Bestseller ist die Vorlage für diesen Film, den Montag als «bunten Strauß menschlicher Wurstabschnitte» bezeichnet. In schärferen Miniaturen wurden die Neurosen deutscher Großstädter lange nicht erforscht.

Zunehmend staunend und belustigt, hin und wieder frontal vor den Kopf gestoßen, folgen wir scheinbar wahllos herausgegriffenen Exemplaren einer hysterischen Mittelschicht: Supermarktleiter, Ex-Lehrer, Callgirl, Polizist, Künstlerin, Ärztin und Teenager in der Pubertät. Keine Stars, aber ein starkes Ensemble, «das sich wie in einem Spinnennetz mit jeder Bewegung weiter verheddert», wie Montag treffend beschreibt.

Der Film pendelt episodenhaft zwischen Pedro Almodóvars «Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs» und Robert Altmans «Short Cuts». Hier und da - etwa bei der Episode um einen extrem verklemmten und durch die Kirche traumatisierten jungen Messdiener - klingen auch die Abgründe eines Ulrich Seidl an. Anders als bei «Short Cuts» werden nicht alle Charaktere des sich im Laufe des Films kunstvoll verwebenden Ensembles gleich zu Beginn eingeführt. Zudem sind zahlreiche der 36 Figuren der Romanvorlage weggekürzt worden. Helmut Krausser gefällt das Ergebnis trotzdem: «Ein Film, der auf die Kacke haut, ohne über das Ziel hinauszuschießen.»

Rassismus, Mobbing, Pornografie, Sekten, Abstiegsängste - eine Leistung des Films ist es, diese Widrigkeiten unserer Gesellschaft nicht den «Abgehängten» und «Frustrierten» anzuhängen, wie Benachteiligte heute geschimpft werden. «Einsamkeit und Sex und Mitleid» holt die ganze Erbärmlichkeit der menschlichen Existenz bei den Neonazis im Plattenbau ab, und knallt sie der Mittelschicht vor die Füße, die doch dachte, sie erfolgreich verdrängt zu haben. Wohl auch, weil es politisch wenig opportun ist, das aktuelle Feindbild Unterschicht so zu entlasten, hatte sich die Finanzierung des Films extrem schwierig gestaltet.

Das mehr oder weniger arrivierte Personal des Films ist vom permanent gepredigten Einzigartig-Sein so kirre, dass die wichtigste Frage ist, wie man die (durch unerfüllbare Ansprüche an sich und die heilige Individualität) entstandene Wut abreagiert, ohne jemanden zu verletzen. Robert Pfennig (Rainer Bock) etwa wird von Frau und Töchtern gar nicht mehr wahrgenommen. Sein Frustpotenzial lässt sich auch durch seine Imkerei nicht mehr kontrollieren - also zertrümmert er im mietbaren «Anger Room» Wohnzimmereinrichtungen mit dem Baseballschläger. Im Datingportal wird eine graue Maus zur «Nixe 74» und der Supermarktleiter zum «Brandbeschleuniger XL». Thomas Stern (Jan Henrik Stahlberg) dagegen ist auch ohne Pseudonym ein ganzer Mann, der Ausländer «IS-Kanaken» und «Bimbos» nennt, und seine Neurose (fast) erfolgreich kaschieren kann. Die Jugend weiß es auch nicht besser: Zwischen Youporn und Islam verlieren sich die Teenager in einem heillosen Verwirrspiel.

Die Stadt bleibt anonym, wohl um die Geschichte universell zu halten, und provinziellen Kinogängern nicht die Möglichkeit zu geben, sich von einem «Berliner Sündenpfuhl» zu distanzieren. Denn hier ist, jenseits von Herkunft und Status, wirklich jede(r) angesprochen, der sich schon mal einsam gefühlt hat, wie der Darsteller Stahlberg zusammenfasst: «Diese Einsamkeit, die eint glaube ich alle Figuren in diesem Film. Dass man immer denkt, ich muss das alles alleine schaffen. Und ich glaube, dass Menschen darauf keinen Bock haben. Wir sind nicht so gestrickt, wir sehnen uns nach Gemeinsamkeit. Und sie fehlt.»

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