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Schoten dicht!

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Mögen andere Niederlassungen gründen, Wolfgang Krause Zwieback gründet Niederlagen. Schon vor Jahren, im Solo-Stück »Dampferaufgang 6.13 Uhr«, ließ er ein Schiff im Hafenbecken untergehen - just während der Feier zur bevorstehenden Jungfernfahrt (»Wir sind in Gedanken versunken«). Mitten auf dem Schiff war die 30 000-köpfige Gala-Gesellschaft sozusagen »aufs Fest-Land gegangen«, dann bekam der Dampfer Gleichgewichtsprobleme, der Bug stand senkrecht, er hat im wahren Sinn des Wortes »in die See gestochen«.

Genau dies geschieht erneut. Der Kamenzer Kabarettist, Schauspieler und Theaterraumbildner bleibt dem Wasserdichten treu: also der Bodenlosigkeit. Er inszenierte im Studio des Schauspiels Magdeburg sein Stück »Elbes Quellgeist«, auch Bühne, Kostüme und Video sind sein Werk. Wir seien in der Lounge »well to well«, sagt Herr Kern, der pelzbesetzte Barpianist. Vor einer Leinwand mit wechselnden Wasserlandschaften wird die nahezu leere Bühnenfläche zum Turnplatz rätselhaft verschraubter Turn-, Tanz und Tranceübungen.

Ja, es wird gesungen, Klavier gespielt, man hängt in Schiffstauen, vollführt seltsame Pantomimen, liegt schnarchend am Boden, vereinzelt sich und findet zueinander, und mit Fingergriffen tief in eine Steckdose hinein spielt man sehr verschiedene Arten der Elektrisierung durch. Wir erleben (ja, was eigentlich?) den Körperausdruck einer fast lieblich erzählten Agonie. Ein Wunschkonzert nach dem Ende aller Wünsche. Je nach Laune kann der Zuschauer Krause Zwiebacks Vergeblichkeitsposse als höheren Blödsinn oder als tieferen Tiefsinn genießen. Oder einfach als Tiefseesinn.

Krause Zwieback - Erfinder dessen, was er selber »Kabasurdes Abrett« nennt - präsentiert skurrile Wesen; mit Fluss- und Lebens- und Stapelläufen treiben sie ein Spiel, das alles übertreibt, sich zur poetischen Träumerei mit Albträumen steigert, in denen uns aber weder Hören, vor allem nicht See vergeht. Monologe, Bruchstücke. Schiffbruchstücke. Untergang mit Wolfgang: Schiffs-Zwieback spielt Krause. Aller Sinn, wie er selbst einmal betonte, liegt im Un. Beckett und Jandl mit kombinatorischer Phantasie rettungslos vereinigt. »Alles ist im Fluss«, lautet die Losung, Elbes Quellgeist ist auch ein Quälgeist: Er weckt Gefühls- und Erinnerungswelten - jeder Ausfahrt im Leben antwortet irgendwann ein Fahrt-Aus. Und was uns Welt werden sollte, verbleicht eines Tages als Urlaubsgrußkarte an Bürowänden.

Sprache blüht auf, als sei sie entstanden aus wörtlicher Bestäubung. Sie spricht aus, was uns auf der Zunge lügt. Krause Zwieback ist ein Sprachkühnstler und Komma-dant im Buchstabsquartier. Seine Rederei lockt in die Meerdeutigkeit, lachend ersäuft man im Wörtersee. Schon die Titel seiner Abende sind seit jeher herrlich vertrackt: »Der Horizont ist eine Kugel isst eine Erdbeere - Albert Einstein bei seinem Unpraktischen Arzt«, »Wasser taucht nie auf«, »Woher ist Wohin - Der Lehrer der Türmer und die Tänzerin, ein Sinnspiel frei nach einem Gedankenausflug von Martin Heidegger«, »Leben auf der Baldrianrakete«. Und im Performance-Theater dieses Surrealisten tauchten bislang Typen auf wie der Politiker Albrecht Rostgrün (der die Lage der Ration einschätzt), der Arbeiter Nehmer, Schießfächerfabrikant Arnold Pulveregger, Quartalsschwuler Teo Lortzing undsoheiter.

Hier ist es der Kapitän Anderson-Andersman, den Raphael Kübler mit romantischer Pose und sturmsuchenden Blicken ins Wesenlose gibt; er studiert mit Inbrunst leere Seekarten: Der richtige Kurs im Leben bleibt Geheimnis und Gerücht. Die reizende Reisende der Maike Schroeter geht mit schöner, plötzlich schreispitzer Stimme auf Koloratour, räkelt sich sehnsüchtig, sie war unglücklich in einen Mann verliebt, der naheliegend Kai hieß; reisen und immer weiterziehen heißt: »die Geschichten an ihren Orten lassen«. Beglückung und Trauer. Iris Albrecht mit Schaumkronenperücke und Drillich als tänzelnde Wassa, das Wasser - es hat seinen speziellen Standort: »Ich bin überall.« Und Herr Kern - Ralph Opferkuch zwischen diabolischem Gründgens-Gestus und der beflissenen Tapsigkeit eines Eddi Arent - verkündet uns: »Heute Abend singt für Sie das Niveau.«

Knapp neunzig Minuten Entrückung, bizarres Schwelgen. Theater, das mit den Aktualitäten des Daseins und sämtlichen Realismen nur deshalb einen Vertrag schloss, um entschieden auf die Ausstiegsklausel zu pochen. Es ist das Herzpochen derer, die das Weite suchen: sich selber. Uferloses Unterfangen. Am Schluss zeigt die Videowand grauweißen Strand. Sand am Meer, Sand wie das Meer. Frei herumliegender Sand - noch nicht eingesperrt in Uhren, die jene Zeit verwalten, darin unser Leben versandet.

Noch einmal beschwört der Kapitän die Zukunft der Schiffe, und wir glauben ihm, wie wir jedem glauben, dessen Zuversicht aus erlebten Untergängen kommt. Natürlich schreckt dieses Theater vor keiner Albernheit zurück. Das Schiff der Zukunft wird ohne Gemüse, speziell die Bohne, nicht auskommen: »Schoten dicht!« Wassa kriecht den Zuschauern der ersten Reihe geradezu auf die Pelle: »Wasser umspielt die Füße.« Und was wahr ist, muss unbedingt gesagt sein: »Nichts ist größer als Gelb.«

Nächste Vorstellungen: 5., 25. Mai

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