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Der Gegenentwurf zu Paris St. Germain

Gernot Rohr über den Champions-League-Halbfinalisten AS Monaco und die Renaissance des französischen Fußballs

Kam für einen aufmerksamen Beobachter des französischen Fußballs der Einzug von AS Monaco ins Halbfinale der Champions League überraschend?
Im Gegenteil: Auch wenn viele natürlich zuerst Paris St. Germain auf dieser Bühne erwartet hätten, ist es keine Überraschung, auch wenn sie sich als drittes französisches Team erst durch die Qualifikation gegen Fenerbahce Istanbul kämpfen mussten. Monaco war vor dieser Saison mit Paris schon Topfavorit auf die Meisterschaft, und das bestätigt sich nun.

Was macht diese Mannschaft so stark? Die Kombination aus hohem Tempo, großer Wucht und gesunder Härte?
Dazu sehr viel Talent; gerade mit Thomas Lemar und Kylian Mbappé, hat sie zwei Stürmer mit ungeheurer Dynamik. Sie haben in Monaco ein stressfreies Leben und beste Bedingungen, sich auf den Fußball zu konzentrieren. Das Team ist derzeit Tabellenführer der Ligue 1 (drei Punkte Vorsprung auf Paris und ein Spiel weniger, Anm. d. Red.) und immer erfolgreich, wenn es darauf ankommt. Dabei scheint die Spieler nicht einmal zu stören, dass sie ihre Heimspiele bis auf zwei, drei Ausnahmen in einem halbleeren Stadion austragen.

Wäre der AS Monaco für das Champions-League-Finale am 3. Juni in Cardiff fußballerisch ein größerer Zugewinn als Juventus Turin?
Ja. Sie sind spielerisch so stark, dass der Fußballfan hoffentlich Monaco im Finale sieht. Auch weil der Verein eine gesunde Transferpolitik betreibt. Sie haben Scouts in ganz Europa und versuchen aus europäischen Spitzentalenten Topspieler zu machen.

Schon jetzt ranken sich die Spekulationen, welche dieser Spieler im Sommer wechseln könnten. Klubs aus England, Spanien und Deutschland stehen angeblich bei einigen Schlange. Kann der Klub einen Ausverkauf im Sommer verhindern?
Das, was im Jahr 2015 mit Anthony Martial geschah (er wechselte für eine Ablöse von 50 Millionen Euro am letzten Tag der Transferperiode von Monaco zu Manchester United, Anm. d. Red.), könnte in diesem Sommer mit Mbappé passieren. Monaco hat zudem sehr gute Abwehrspieler wie die Außenverteidiger Djibril Sidibé und Benjamin Mendy. So einfach wird es aber nicht, sie wegzulocken: Immerhin müssen die Spieler im Fürstentum keine Steuern zahlen. Und Monaco muss auch niemanden verkaufen, um Geld zu verdienen.

Der Klub gehört seit 2011 dem russischen Oligarchen Dmitri Rybolowlew, der mit viel Geld Monaco aus der zweiten Liga wieder nach oben geführt hat. Turins Abwehrspieler Giorgio Chiellini bestritt in der »Süddeutschen Zeitung« aber, dass dies eine Begegnung zwischen den Neureichen und dem alten europäischen Geldadel sei, weil Monacos Mannschaft ein Ergebnis solider Planung sei. Hat er Recht?
Ja, sie sind sogar der Gegenentwurf zu PSG geworden. 2013 gab der Verein noch fast 170 Millionen Euro für Stars wie Radamel Falcao, James Rodriguez oder Joao Moutinho aus. Vor zwei Jahren wurde die Transferpolitik dann umgestellt: Es wird jetzt lieber in junge Talente investiert, vorrangig in französische Spieler. Es war ein Zusammenspiel des Präsidenten mit dem Trainer Leonardo Jardim. Jetzt ähnelt das Transferkonzept dem von Borussia Dortmund.

Apropos Dortmund: Die Viertelfinalbegegnungen gegen den BVB standen unter dem Eindruck des Attentats auf den Dortmunder Mannschaftsbus. Später wurde die Entscheidung des europäischen Verbands heftig kritisiert, nur einen Tag später wieder antreten zu lassen. Wie wurde das in Frankreich gesehen, einem Land, das von Anschlägen gebeutelt ist?
Dass die Entscheidung richtig war. Es geht weiter - es muss weitergehen: Das drückt die Stimmung in Frankreich aus, gerade nach den Attentaten vom 13. November 2015. Man will seinen Werten auch in solchen Situationen treu bleiben. Es war gut, dass gleich danach gespielt wurde, auch wenn Monaco sportlich sicher etwas profitiert hat. Das war aber nicht der Hauptgrund fürs Weiterkommen.

Hätte es Monaco also auch ohne diesen Anschlag ins Halbfinale geschafft?
Das ist schwer zu beantworten. Im Hinspiel hätte der BVB sicherlich besser ausgesehen.

Der AS Monaco stand 2004 sogar im Endspiel der Champions League. Ist der Verein mittlerweile beliebter geworden, so dass ganz Frankreich die Daumen drückt?
Ja, sie werden zu 100 Prozent unterstützt. Natürlich wurde oft über den Steuervorteil als ein Stück Wettbewerbsverzerrung diskutiert, aber den meisten Menschen gefällt es, dass ein Verein mit vielen französischen Spielern so weit gekommen ist. Er ist einen anderen Weg als Paris gegangen - mit mehr Arbeit, weniger Geld und kluger Strategie. Deswegen erhält Monaco viele Sympathien, auch aus der Hauptstadt übrigens.

Das EM-Finale 2016 im eigenen Land hat Frankreich verloren. Was würde ein Sieg in der Königsklasse bedeuten?
Er kann sicher nicht für das verlorene EM-Endspiel entschädigen, weil dieses Ereignis viel bedeutender ist. Aber ich sehe den französischen Fußball auf einem guten Wege. Es gibt drei Mannschaften - neben PSG, Monaco auch noch OGC Nizza mit Trainer Lucien Favre - die das Niveau nach oben gezogen haben. Und in der Europa League steht Olympique Lyon auch im Halbfinale.

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