Werbung

In wessen Macht …

China Miéville führt in eine abstruse Welt voller Geheimnisse und Ängste

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Es beginnt wie ein Kriminalfall: Ein kleiner Junge rennt schreiend einen Bergpfad hinunter. »Meine Mutter hat meinen Vater umgebracht!« Aber bald ist er sich nicht mehr sicher. Es könnte auch umgekehrt gewesen sein oder ganz anders. Jedenfalls ist es eine Tragödie für das Kind, als es wieder in das Haus ganz oben im Berg zurückgebracht wird - zu dem Mann, der behauptet, seine Frau wäre »bloß« gegangen. Aber der Junge hatte den Vater schon oft Tiere töten sehen …

Wenn der klassische Kriminalroman vom Vergnügen lebt, bei der Lösung von Rätseln dabei zu sein und dadurch das Schaurige zu bannen (das man womöglich tief verborgen in sich selber fühlt), hier wabern die Geheimnisse so dicht wie die Nebel um den Berg, auf dem der Junge wohnt. Unheimlich ist alles, was ihn umgibt, nicht nur der Vater, auch die Mutter war undurchschaubar, und die Leute unten im Dorf sind es ebenso. Allein die Straßenkinder scheinen sich einer wilden Freiheit zu erfreuen, aber das könnte Illusion sein. Armut in einer zerstörten Welt: Von Kriegen ist die Rede, von Maschinenstürmerei. Dass in der Landschaft kaum Grün zu sehen ist, deutet auf eine Umweltkatastrophe. Dörfliches Leben wie in ferner Vergangenheit. Der Vater hat sein Auskommen, indem er »Schlüssel« fertigt. »Seine Kunden kamen aus dem Dorf herauf und baten um Dinge, um die Menschen üblicherweise bitten - um Liebe, Geld, darum, etwas zu öffnen, die Zukunft zu erfahren, Tiere zu heilen, Sachen zu reparieren, stärker zu werden, jemanden zu verletzen, zu retten, zu fliegen - und er machte ihnen einen Schlüssel dafür.«

Ein Zauberer? Jedenfalls kam er aus einem anderen Land. Es scheint, als müsse er sich verstecken. Jemand ist ihm auf der Spur: »Dieser Volkszähler«, der dem Buch den Titel gibt? So wird es wohl sein. Der Junge, verunsichert, traut dem Fremden. Auch später noch, als er in seinen Diensten steht?

Abgesehen von all den merkwürdigen Details, das größte Rätsel ist das des Erzählers. Wird verlässlich aus der Sicht des Jungen berichtet oder fabuliert er, inzwischen erwachsen, aus der Erinnerung? Die Perspektiven wechseln, Einzelheiten sind stimmig, doch von »verlässlich« kann eigentlich nicht die Rede sein. Manches könnte sich auch anders zugetragen haben. Denn er schreibt in fremdem Auftrag. »Ich bin Ehrengast hier, weshalb zwei Wachen vor meiner Tür stehen, die auf mich aufpassen sollen, während ich arbeite.« Man könnte diesen Satz auf Seite 28 leicht überlesen. Er müsste eigentlich Motto des Buches sein, aber der Autor will, dass wir selber etwas entschlüsseln. Der Ich-Erzähler im Buch hat jedenfalls die Order zu schreiben und jede Freiheit dabei, mit Papieren umzugehen, die seine »Vorgängerin« hinterließ. Eine Frau, die verschwand, als ihr klar wurde, »dass etwas nicht stimmt«. Dieser Halbsatz auf Seite 104 ist ernst zu nehmen.

China Miéville, 1972 in Norwich geboren, so erfahren wir aus dem Klappentext, gelte als einer der wichtigsten Autoren der zeitgenössischen Fantastik, als Politikwissenschaftler mit sozialistischen Ambitionen. Wer bisherige Bücher von ihm kennt, wird bei diesem neuen zweifelsohne im Vorteil sein. Nicht, um politisch zu punkten, würde er seine Fantasy-Geschichten schreiben, wird Miéville bei Wikipedia zitiert, sondern, »weil ich Monster leidenschaftlich liebe genauso wie bizarre und schreckliche Geschichten … Aber weil ich das alles aus einer politischen Perspektive betrachte, sind die Welten, die ich kreiere immer auch eingebettet in die Befürchtungen, die ich hege …«

Diese Befürchtungen wird man spüren - als Warnung vielleicht. Vor einer Zerstörung der Welt, wodurch auch immer, aber vor allem wohl davor, sich fremden Zwecken dienstbar zu machen, auch wenn das im Moment Sicherheit verspricht.

Die Eltern haben womöglich viel gewusst, doch sie haben geschwiegen. Der Sohn blieb allein mit seinen Ängsten - und später mit seiner Schuld.

China Miéville: Dieser Volkszähler. Novelle. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind. 173 S., geb., 18 €.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!