Werbung

Integration als Spießrutenlauf

Menschen mit türkischem Migrationshintergrund haben es schwer, in Deutschland akzeptiert zu werden

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Mein Kollege Serkan ist Türke und lebt seit Jahrzehnten in Deutschland. Nun, eigentlich müsste ich an dieser Stelle den heutigen Hiob abwürgen, denn er fängt schon mit demselben Missverständnis an, mit dem auch Serkan hin und wieder in seinem Alltag zu tun hat. Er ist nämlich gar kein Türke. Serkan hat den deutschen Pass, seinen türkischen hat er irgendwann nicht mehr verlängert - der bürokratische Aufriss hat ihn genervt. In den Wochen des Referendums fragte ihn jemand am Arbeitsplatz: »Du, sag mal, was ist denn da in deinem Land los?« Bevor er antwortete, fiel ich ihnen unfreundlicherweise ins Wort: »Was in seinem Land los ist? Im September wird die Kanzlerin wiedergewählt, das ist in seinem Land los!«

Das war zugegeben ein bisschen theatralisch, hat aber vermutlich ganz gut dargelegt, was ich damit sagen wollte: Der Mann türkischer Abstammung kann in Deutschland über Jahrzehnte leben, sprechen wie ein Deutscher, sich in Vereinen engagieren und auch die Staatsbürgerschaft seiner Eltern ablegen – er wird immer als der Türke identifiziert. Serkan hat nicht mal abgestimmt, obwohl er eine klare Meinung dazu hatte: Hayır! Andere, die abstimmen durften und es dann auch taten, mögen ganz ähnliche Erfahrungen in einem Land gemacht haben, dessen autochthone Bevölkerung nicht müde wird zu behaupten, dass die Türken sich einfach nicht integrieren wollen.

Als dann das Resultat des Referendums bekannt wurde, als die deutsche Öffentlichkeit herausfand, dass angeblich etwa 60 Prozent der Deutschtürken Erdoğan wählten, da betonte man fast geschlossen in rechten, konservativen und den Leitmedien mal wieder, dass da was mit der Integration gescheitert sein müsse. Wobei man zur Stützung dieser These freundlicherweise unterschlug, dass nur etwa 30 Prozent aller wahlberechtigten Deutschtürken und nur 13 Prozent aller Türkischstämmigen überhaupt im Lande für diesen »größten Türken aller Zeiten« stimmten. Die meisten von ihnen fühlten sich wohl nicht in der Lage, eine politische Entscheidung für ein Land zu treffen, in dem sie gar nicht leben.

Natürlich ist die Integration falsch gelaufen, wenn viele Menschen türkischer Abstammung einen Mann wie Erdoğan stärken, weil sie damit glauben, endlich türkische Potenz beweisen zu können. Via YouTube zirkuliert ein Video durch die Netzwerke, in dem ein Türke aus Deutschland kundtut, dass er für seinen Präsidenten ist. Er spricht viel von dicken Eiern, die der Mann habe und die die Osmanen nun von ihm verliehen bekommen. Das Video ist in seiner ganzen Peinlichkeit auch deshalb so beliebt, weil der Kerl kaum zu verstehen ist, er radebricht Deutsch und stärkte mit diesem Auftritt die These, dass die Türken nicht integrationswillig seien.

Dabei geht es gar nicht um den Willen, sondern tatsächlich darum, wie man Integrationspolitik in Deutschland verstand und noch versteht. Sie wird einseitig auferlegt, man verlangt Assimilierung und tut es schon als Anzeichen fehlender Integrationsbereitschaft ab, wenn islamische Kinder in der Schulmensa ein Ausweichgericht bekommen sollen, in dem kein Schweinefleisch verarbeitet ist. Man spricht auf Schulhöfen Fremdsprachenverbote aus und wundert sich hernach, dass die Kleinen da nicht ihre Liebe zur deutschen Leitkultur entdecken. Das sind alles Maßnahmen, die Integration nicht ermöglichen, sie treiben einen davon weg. Und wenn dann einer den starken Türken mimt, kann man das schon mal falsch interpretieren und ihm zujubeln.

Nun haben wir von den schlechteren Arbeitsmarktchancen von Ausländern speziell mit türkischen Wurzeln und der Enttäuschung aufgrund fehlender NSU-Aufklärung gar nicht gesprochen. Das sind auch so Pfeiler, die belegen, dass die Integration nicht so einseitig gescheitert ist, wie uns das bestimmte Medien weismachen wollen. Man könnte im Hinblick auf die Zahlen zum Referendum sogar feststellen, dass sie besser gelungen ist, als die politischen und gesellschaftlichen Grundvoraussetzungen vorher versprachen. Trotz der seit Jahren einseitigen Integrationsaufforderungen ist die Integration der Türken ganz gut gelungen.

Serkan erhielt Beileidsbekundungen. Eigentlich hätte es gereicht, wenn er die am Morgen des 25. September dieses Jahres erhalten hätte.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen