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Tell mit Tumult

Zum 80. Geburtstag des Theaterleiters und Regisseurs Christoph Schroth

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Wenn ich an den Theaterregisseur Christoph Schroth denke, denke ich an einen Brecht-Satz: »In der Kunst genießen die Menschen das Leben.« Der Satz war eine DDR-Weile lang Motto des Schweriner Theaters. Kunst geht an den Nerv, aber es tut nicht weh. Kunst stürzt um, aber es kostet nicht den Kopf. Doch, den schon: freie Sicht, freie Wahl - ohne freies Denken ginge das nicht. Ginge nicht an den Grund, der uns aufreißt.

Am Schweriner Theater war Kunst eine Republikflucht: in die Welt. Für fünfzehn Jahre, von 1974 an, hat Intendant und Regisseur Christoph Schroth im Norden des Ostens auf eine Weise Theater gezaubert, gearbeitet, gewuchtet, die zum Fußball aufschloss: Das Publikum kam gleichsam in Sonderzügen. Zum »Faust« etwa: Das war eine vielfarbige Wollust, die kein einziges Gefühl der Erdenexistenz verheimlichte. Goethe als freches Gleichnis, als böser wie belebender Blick auf die brüchige, also bearbeitbare Gegenwart. Schroths Theater erteilte den Zeitungsausrufezeichen ein Hausverbot.

Eine Aufführung zehn Jahre vor Niedergang des roten Sterns: Mephisto trug an der linken Hand (links, wo das Herz ist, das Schmerzzentrum) einen roten Handschuh. Als sei Aufruhr nicht mehr utopische Stern-Stunde der Massen, sondern zynisches Faustrecht der Einzelnen. Vorausschau? 1989 der Schweriner »Wilhelm Tell«, über dessen Gastspiel in Berlins Volksbühne Heiner Müller schrieb: »Tumult unter Zuschauern - das war im Oktober 1989 das Freiheitsdrama«. Schroth machte Volkstheater. Ohne Ruch des Herabkömmlichen. Aber auch ohne jene Verklärung der Köchin zur Staatenlenkerin.

1937 in Dresden geboren, studierte er Journalistik, entrann dem Beruf. Wurde Assistent am Gorki-Theater, ging 1966 nach Halle, wo die berühmte Inszenierung »Zeitgenossen« (von Stolper/Gabrilowitsch/Raisman) entstand, mit Kurt Böwe, Martin Trettau. Ein Bühnen-Bestseller ganz aus Glut für die sozialistische Arbeitsethik. Halle damals: das in der DDR weltberühmte Zeitgenossen-Theater. Ursula Werner, Gerd Grasse, Wolfgang Winkler, Jürgen Reuter, Marie Anne Fliegel. Sie trugen gern Lederjacke: der stämmige Böwe, der klug lenkende Schönemann, der literarische Dramaturg Stolper, der drängend-kämpferische Schroth. Sie gehörten zusammen, und Gerhard Wolfram war ein fühlsamer Intendant. Aber just Schroth steht für den Riss.

Denn jene, wenn man so sagen darf, Geburtsurkunde des neuen Theaters in der mitteldeutschen Industriestadt wurde in den Augen dieses Regisseurs rasch zerrissen: Vereinbart war, Dialektik ernst zu nehmen, das Bild der Gegensätze offen hinzuknallen, das Unvereinbare als Zusammengehöriges zu zeigen. Schönemann inszenierte die Bühnenfassung der »Aula« von Hermann Kant, Schroth wollte dunklere Farben gegen jedes pure Staatsbejahungstheater setzen. »Ich erinnere mich an heftige Auseinandersetzungen und das erdrückende Gefühl, eine Schlacht verloren zu haben.« So der Regisseur vor Jahren im nd-Interview. »Meine Inszenierung der ›Landshuter Erzählungen‹ von Sperr wurde abgesetzt, Lorcas ›Yerma‹ bereits während der Proben beargwöhnt, behindert, abgewürgt. Ich musste mir den Vorwurf machen, nicht konsequent gegen die herrschende Parteilinie aufgetreten zu sein.«

Schroth verlässt Halle, arg bedient von einer Gegenwartsdramatik, »die stets mit dem richtigen, leicht hingeworfenen Wort« liebedienerisch zur Stelle war, und »mit der es einem leicht gemacht wurde, Verlogenheit zu bejahen, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Politik mitzutragen, birgt immer Lüge in sich, man nimmt Schaden. Weil man vorbeigeht am Widerspruch.« Es folgen Schwerin, die Berliner Volksbühne. Und eines Tages, in der sehr späten Zeit der DDR, rumorten unerträglich laut, unmittelbar vor Beginn der Schatrow-Aufführung »Blaue Pferde auf rotem Gras« am Berliner Ensemble, Motorräder über den Theater-Vorplatz. Rowdys? Sie gehörten zu Schroths Inszenierung - sein feuriges Revolutions-Traktat hatte dem erschreckten Publikum den Benzinhauch einer so ganz anderen Jugend vorgesetzt, die von den Apologeten des angeblich lohnenswerten Staates nichts mehr hören wollte. Die sich am Schiffbauerdamm den Weg freiknatterte, der ansonsten verbaut schien.

Es war eine Zeit, da wäre der Name Schroth vielleicht eine Aussicht aufs neue, reformierte Berliner Ensemble gewesen. Aber dafür fehlte Kulturpolitikern (und Rivalen!) der Mut. Der Regisseur ging nach Cottbus, »dorthin, wo ich gewollt werde«. Ein Intendant von 1992 bis 2003. So wurde Schroth einer der letzten Langzeit-Leiter deutscher Bühnen. Der Ruhepunkt als Basislager der »unberuhigten vernunft« (Volker Braun). Der nun allgemein werdende panische Wachstumshype nach dem Ende der DDR - alternativ herübergenommen in eine produktive Schonung, wo ganz anderes wächst, wenn es denn langsam wachsen darf: Vertrauen, Gemeinsinn. Ideen, die mehr sind als Quotenjäger. Und Schauspieler-Kontur, sei es in Schwerin, sei es in Cottbus. Lore Tappe, Wolf-Dieter Lingk, Barbara Bachmann, Kai Börner, Thomas Harms, Stephanie Schönfeld, Sigrun Fischer.

Schroth rückte Cottbus ins überregionale Licht. Hielt auch dem Spektakel die Treue, das in Schwerin »Entdeckungen« hieß, im Brandenburgischen »Zonenrandermutigung«. Dramatiker wie Trolle, Brasch, Seidel verdankten ihm Öffentlichkeit. Gegenwart verwechselte er nie mit Aktualität. Und: Mit Geist und Einfallsreichtum hat sich dieser Regisseur nie über Dramentexte erhoben. Es gibt eben eine Intelligenz des Dienens, die lockt ein Stück gleichsam aus sich selbst heraus. Text, der Souverän bleibt, ohne dass eine Regie zur schwachen Partnerin werden muss. Schwierige Kunst. Schroth hat sie stets beherrscht.

Und da war auch wieder ein »Faust«. Eine Cottbuser Inszenierung, die auf dem Teppich blieb - was hier aber das Gegenteil des Gemäßigten, Unspektakulären war: Auf dem Teppich kniete Gretchen. Gen Mekka gerichtet. »Meine Ruh ist hin.« Gretchen als streng und weiß Verschleierte. Die Liebe aber schafft es, dass die Muslimin den Gebetsteppich mit den Füßen, aufgeregt und erwartungsvoll, wegstoßen wird. Mit Faust gemeinsam löst sie das Schleiertuch. Die Haare Gretchens fallen, sie fallen ihr auf die Schultern, als breche ein Damm: eine große dunkle Welle Schönheit. Er und sie jetzt unter dem Schleier, beide unter wohligstem Schock, die Burka als Baldachin ganz aus Leichtigkeit; das neue Himmels-Zelt.

Am Ende, in der Todeszelle, die wieder Fausts leere hohe Arbeitsgruft ist, wird Gretchen das Schleiertuch zusammenballen und wie ein Kind wiegen, wird dieses weiße Tuch knüllen oder wehen lassen, als könne daraus ein fliegender Teppich werden. Kein Teppich für die Flucht in reale Welten, aber ein Märchenteppich hinein in den Traum harmonisierender Religionen. »In der Kunst genießen die Menschen das Leben.«

Christoph Schroth steht für ein Theater, in dem sich ein großes Vertrauen auslebt, in die alles umwerfende Kraft der Liebe. Aber in dieses Theater ist auch das Wissen eingewebt um das, was uns fremdsteuert, was uns festnagelt, was unseren Traum vom Eigentlichen immer wieder gefährdet, was uns leider dazu treibt, unser klopfendes Unbewusstes zu leugnen und zu züchtigen. An diesem Freitag wird Christoph Schroth 80 Jahre alt.

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