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Ost-West-Unterhändler fürs All

Sigmund Jähn, der erste deutsche Kosmonaut, wird heute 70

  • Von Jacqueline Myrrhe
  • Lesedauer: 4 Min.
Auch wenn er nach der harten Landung der sowjetischen »Sojus«-Kapsel im Sommer 1978 gleich von zwei Ländern einen Helden-Titel verliehen bekam, zum Helden fühlte sich Deutschlands erster Weltraumflieger, Sigmund Jähn, nie berufen. Deshalb wird er wohl nicht unglücklich sein, wenn es zu seinem heutigen 70. Geburtstag keinen »großen Bahnhof« gibt.
»So lebt man eben. Nicht nur vom Brot allein, sondern auch mit einer inneren Begeisterung für irgendetwas. Ich glaube, nur Leute, die solche Begeisterung noch haben und nicht nur auf die schnelle Mark aus sind, bilden die eigentlichen, tragenden Säulen einer Gesellschaft, wie immer diese auch aussehen mag.« Worte, die der erste Deutsche im Weltall 1998 an einen vollen Saal von Raumfahrtenthusiasten richtete. Jemand wie Sigmund Jähn, der es geschafft hat, sich nach der Wende in die von Grund auf andere Gesellschaft einzubringen, muss es wissen. Dabei sah es zunächst gar nicht so gut aus für ihn, der mit allen Makeln des kommunistischen Ostens behaftet war: öffentlich erklärter Bürger der DDR, Träger der höchsten Orden und dann auch noch Generalmajor der NVA. Es war sein westdeutsches Pendant, der erste Bundesbürger im All, Dr. Ulf Merbold, der nach der Wende auf ihn zukam. Beide kannten sich bereits davor persönlich. Zu einer Zeit, wo die Medien sie noch zu Rivalen stilisierten, waren der Astronaut und der Kosmonaut längst gute Bekannte, um nach der Vereinigung Freunde zu werden. Merbold war es dann auch, der Jähn in die gesamtdeutsche Raumfahrt einführte. Auf seine Empfehlung hin gewann die DLR, die Raumfahrtbehörde der Bundesrepublik Deutschland, Sigmund Jähn als Vermittler für die Kooperation mit Russland. Jähn rekapituliert: »Ulf hat mich 1990 gefragt, ob ich bei einem Treffen der Deutschen Raumfahrtagentur mit den russischen Kollegen nicht das Dolmetschen übernehmen könnte. Ich sagte zu, hatte aber gleichzeitig ein ungutes Gefühl. Ich kannte schließlich alle Leute von der russischen Seite und fürchtete, sie könnten mich als Überläufer betrachten. Als das Treffen dann begann, kam der Verhandlungsleiter sofort, nachdem er mich erkannt hatte, auf mich zu und umarmte mich herzlich. Mir fiel in diesem Moment ein Stein vom Herzen.« Jähn wurde zum Vermittler zwischen Ost und West, fungierte als Brückenkopf zwischen Bonn und Moskau. Er selbst sieht das eher nüchtern: »Ich organisierte dann Schritt für Schritt die Ausbildung der deutschen Raumfahrtkandidaten im Sternenstädtchen, kümmerte mich um den Stundenplan der Ausbildung und die Abstimmung der Inhalte.« Was ebenso wichtig war: Jähn half den Familien der angehenden deutschen Astronauten, sich in Russland zurecht zu finden. Nicht nur Ulf Merbold, auch Thomas Reiter, Reinhold Ewald oder Klaus-Dietrich Flade sind des Lobes voll über Jähns Arbeit. Thomas Reiter sagt über diese Zeit: »Sigmunds Erfahrung in der Zusammenarbeit mit den russischen Partnern, seine Kenntnisse der russischen Mentalität haben oft das Unmögliche möglich gemacht.« Bald darauf hat Sigmund Jähn auch die Astronauten der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA unter seine Fittiche genommen. Er koordinierte das Ausbildungsprogramm für den kurz vor Weihnachten mit Thomas Reiter von der ISS zurückgekehrten Schweden Christer Fuglesang genauso wie für Pedro Duque, den spanischen ESA-Astronauten, der im Oktober 2003 zur ISS flog. Sigmund Jähn sind nicht nur für seinen 9-tägigen Flug zur Raumstation »Salut 6« im Jahr 1978 unzählige sozialistische Ehrungen zuteil geworden. Dass er sich trotz aller Pflichtaufgaben und Protokollvorgaben die Sympathien der Menschen besonders in der DDR verdiente, lag vor allem an seiner natürlichen Art. Der inzwischen verstorbene Bundespräsident Johannes Rau würdigte Jähn 2003 anlässlich einer gesamtdeutschen Festveranstaltung zu Ehren des 25. Jahrestages des Raumfluges in Markneukirchen als einen Vermittler zwischen den Welten. Jähn und sein damaliger Raumschiffkommandant Waleri Bykowski sind denn auch zwei der Berliner Ehrenbürger aus DDR-Zeiten, die dies auch heute noch sein dürfen. Erst Anfang des Jahres wurde Jähn zudem Ehrenbürger seines einstigen Armeewohnorts Neuhardenberg in Brandenburg. Des weiteren trägt der »Planetoid 1998BF14« seit 2001 seinen Namen. Vor gut zwei Jahren hat sich Jähn zur Ruhe gesetzt - theoretisch jedenfalls. Man kann ihm dennoch häufig auf Tagungen und Konferenzen begegnen. Am letzten Märzwochenende zum Beispiel wird er in Mannheim einen Vortrag über die Raumfahrt als kulturelle Aufgabe halten. Es wäre schön, würde er dann wieder darauf hinweisen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt.

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