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Lob der Peinlichkeit

Regisseur und Schauspieler Herbert Fritsch erhielt den Theaterpreis Berlin

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Jede Zeit ist eine schwerste Zeit. Und die Intellektuellen aller Zeiten übertreffen sich im Drang, ihrer jeweiligen Gesellschaft den Stempel der drückendsten Lasten, der größten geistigen Leere aufzudrücken. Nie stand es um die Dinge so ernst wie - jeweils heute. Aber Kultur ist doch auch, sich die unbesiegbare Entfremdung unserer Existenz - schönzuleben. Für diese Wahrheit springen die Inszenierungen von Herbert Fritsch über die Bühnenbretter. Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, sprach am Sonntag von Fritsch als einem »tiefen Künstler«, der selbstredend wisse, »dass es hinter jedem Schwarz ein noch weit schwärzeres Schwarz gibt«, der aber aus seinen grellen Farben Hoffnung und Zuversicht glühen lässt. Fritsch erhielt im Haus der Berliner Festspiele den diesjährigen Theaterpreis Berlin der Stiftung Preußische Seehandlung.

Vor wenigen Tagen hatte sich der Preisträger von 2013, Schauspieler Jürgen Holtz, in einem Zeitungsbeitrag zu Wort gemeldet. Er beklagte die vermeintlich vernichtete Tradition von Deutschem Theater, Volksbühne, Berliner Ensemble und schrieb: Man habe das Geschick der Häuser »dem Kultursenator der Stadt Berlin in die Hand gegeben«. Statt Ensemble: »kulturelle Stadtversorgung«. Und von den Künstlern sagt er: »So groß ist keiner mehr, dass er erwartet wird.«

Würde die Feierstunde darauf antworten? Ja, souverän: indem sie nicht in den Fehler des weiterführenden Lamentos verfiel und die Meinungswindmaschine in den Kulissen ließ. Laudator Frank Castorf zum Beispiel: kein Wort über seinen Nachfolger. Lieber erzählte er, dass Fritsch bereits am Anfang ihrer gemeinsamen Arbeit vor über zwanzig Jahren schnell wieder abdrehen wollte. »Nicht aus Unmut oder Desinteresse, nein, im Gegenteil: weil er sich wohlfühlte. Er hatte Angst vor der Enttäuschung, die ja immer irgendwann kommt, und dem wollte er vorbauen.« Castorf zitiert Dostojewskis Roman »Die Dämonen« herbei, in dem an die Stelle des Gottmenschen der Menschgott gesetzt wird. Also wieder: das Lebbare; das, was man mit der Welt, wie sie nun mal ist, aushandeln kann, um eines Tages nicht nur noch aus Kampfmuskeln zu bestehen. »Am Ende muss jeder Mensch nachdenken, wie er sich retten kann.« Das Rezept für alle Volks-Bühnen des Lebens? Das genau ist Fritschs Theater: sich verausgaben bis zur Erschöpfung und dann sehen, was noch möglich ist. Gut sein, das ist Ethik fürs Besserwerden, aber es ist auch Handwerk, um was auszuhalten.

Wie zur Bekräftigung tanzen, turnen, tollen, trampeln 21 Damen und Herren aus Fritsch-Inszenierungen durch die Veranstaltung. Der Tüll, die hochgesteckten Perücken, die Rotbäckchen, die betonfesten Frisuren. Es erklingt ein »Herbert«-Chor, der Begründungstext der Jury wird auf zerteilte Rollen zerhackt, und hervorlugen so die Grundbausteine dieses Spaßhorror-Regisseurs. Er zerjuxt Bildungsgut. Er zergrinst Innerlichkeitsgreinen. Er spielt, auf Biegen und Brechen - also: Die Darsteller biegen sich, die gängigen Maßstäbe brechen. Die Bodenhaltung macht den Menschen: Er stürzt, fällt, rutscht. Und wenn er hoch hinaus will, schlägt er lang hin.

Dann steht Herbert Fritsch selber auf der Bühne. Er fühlt sich »umgerührt«. Konfettiregen. Wieder kein Wort Volksbühnen-Ostalgie. Aber klar zu spüren in jedem verlegenen Räuspern, in jedem aufgeregten Atemholen: Da weiß einer, was sein Körper in 25 Jahren am Rosa-Luxemburg-Platz aushalten musste. Aushalten wollte. Der 1951 in Augsburg geborene Schauspieler war am Haus der gnadenloseste Exzentriker. Mit Gebärdendrang ohne Grenzen. Spillrig, widerhakenfingrig, schlangenzüngig bis in die Zehen. Er gespensterte als Nosferatu des Absurden. Ein Verstörungs-Maniker. Ein Tobsuchts-Kobold. Einer, der drei Sätze auf eine halbe Stunde zerdehnen konnte und es gegen jedes Publikumsmurren noch zäher betrieb (man warf sogar Bierflaschen nach ihm). Der Verstörungs-Maniker, der eines Tages wohl auch unter der Strapaze litt, dauernd nur außer sich sein zu müssen. Castorf hatte an einen Experimentalstreifen des frühen Fritsch erinnert: Der filmte sich viele Stunden selbst, nackt auf einer Liege: wie die Haare wachsen, wie der Schweiß kommt, wie der Körper die Regie übernimmt - über den Kopf. Das Manna der Überforderung; das Gefühl von Wahrhaftigkeit, wenn der Geist an die Kreatur übergibt.

Thomas Oberender hatte in seiner großartig leisen klugen Art von dieser Ästhetik Fritschs gesprochen: raus aus der »Ideendramatik«, hin zu dem, »was nur Schauspieler können«. Körper-Artisten. Ein Verweis auf das, was dem Theater bleibt, wenn alle Regisseure ihrer Bilder-Abenteuer längst müde sind. Fritsch selbst sagt: »Die Peinlichkeit ist mein Geschäft.« Es ist jene »Schamlosigkeit an der Rampe« (Castorf), der viel Überwindung vorausgeht. Überwindung für etwas Menschenschönes: »Ich möchte«, sagt Fritsch, »auch dann, wenn mir ganz anders zumute ist, spielen; ich möchte, auch wenn mir zum Weinen ist, doch lachen oder sogar grinsen - und im Spiel zeigen, dass ich etwas anderes will.« Ein anderes Ich, eine andere Welt.

Beim »Theatertreffen Berlin« ist Fritsch seit einigen Jahren ein Dauernominierter. Ist diesmal eingeladen mit »Pfusch«, seinem letzten Abend an der Volksbühne. Dreizehn Teletubbies schauen da wahrlich in eine große Röhre - aus der sie herausgekrochen waren. Die Röhre als das Nichts, auf dem man balancieren, das einen niederwalzen kann. Wo ist das Licht am Ende des Tunnels, wo überhaupt ist das Ende? Ein Ende ist schnell erreicht. Das Ende der Geduld bitte nicht. Die muss man hier haben. Beim unablässigen Ein-Ton-Hämmern auf vielen Klavieren. »Heute gibt’s nur Achtel!« Oh, Text gibt es auch, und gleich so viel. Ein Sprungbrett bricht, das Wasser im Schwimmbecken ist Schaumgummi, ein Pfeil schwingt über allen wie eine Abrissbirne.

Berlins Kultursenator Klaus Lederer sagt in seinen sehr persönlichen, gescheiten Worten zur Preisübergabe (man merkt sofort, ob ein Politiker öfter ins Theater geht oder nicht): »Pfusch« enthalte wenige, aber starke Worte, die nachklängen: »Schöön« und (jeder Spieler sagt es zum Schluss) »Tschüß!« Dieses letzte Wort sei so traurig wie trotzig, und Herbert Fritsch möge »an den Bühnen seines weiteren Weges eine offene Tür finden.« Für ein Dada-Theater, das dem emsigen Stolpern, dem sinnlosen Ideen-Irrwitz, dem törichten Tatendrang, dem fleißigen Scheitern des Menschen weiter ein höchstmögliches Lied singt. So ein Lied singen jetzt auch die so anarchischen wie verklemmten Kunstspielfiguren dieser Feststunde: »Das ist lustig, das ist schön, / das ist das Zugrundegehn.« Das Fritsch-Erlebnis: abends über die Fragen zu lachen, vor denen man tagsüber Angst hat.

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