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Frankreich steht gar nicht so schlecht da

Die Wirtschaft in Frankreich ist über viele Jahre stärker gewachsen als in Deutschland - und bis zuletzt war die Armutsquote niedriger als hierzulande

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Frankreich habe zweifellos große wirtschaftliche und soziale Probleme, dennoch sei seine mentale Depression übertrieben, schrieb Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), kürzlich auf »Spiegel Online«. »Die französische Volkswirtschaft ist, gemessen an ihrem Bruttoinlandsprodukt, seit dem Beginn der Währungsunion 1999 um drei Prozent stärker gewachsen als die deutsche.« Auch die Produktivität habe sich besser entwickelt als hierzulande.

Schaut man genauer hin, sind zwei Phasen zu erkennen: Vom Beginn der Währungsunion bis zur Weltwirtschaftskrise 2008/2009 hat sich Frankreich insgesamt deutlich besser entwickelt als Deutschland: Die Wirtschaftsleistung und die Beschäftigung wuchsen stärker und die Lohnzuwächse waren höher. Die Erwerbslosigkeit war um die Jahrtausendwende noch sehr hoch und sank dann bis 2008 auf 7,4 Prozent. Deutschland verzeichnete damals exakt die gleiche Quote. Das Wirtschaftswachstum und der Jobaufbau waren möglich unter arbeitsrechtlichen Regeln, die nun in der Kritik stehen.

Seit der globalen Krise ist das Bruttoinlandsprodukt in Frankreich deutlich schwächer gewachsen als hierzulande, und die Arbeitslosigkeit ist - anders als in Deutschland - wieder gestiegen. Allerdings gilt dies für die meisten Länder im Euroraum. Im europäischen Vergleich schneidet Frankreich nicht besonders schlecht ab, die Wirtschaft des Landes entwickelt sich vielmehr - gemessen an der gesamten Eurozone - mittelmäßig. Das zeigen Daten der EU-Kommission, die der Leiter des Wirtschaftsforschungsinstituts IMK, Andrew Watt, für »nd« zusammengestellt hat, sowie Angaben der EU-Statistikbehörde Eurostat.

Das Bruttoinlandsprodukt ist in Frankreich seit 2008 jährlich im Schnitt um 0,6 Prozent gewachsen, in der Eurozone waren es 0,34 Prozent. Ein Grund für das insgesamt schwache Wachstum war die Sparpolitik, die auch Paris verfolgt hat, um die Maastricht-Kriterien der EU einzuhalten. Mittlerweile ist das französische Staatsdefizit von sieben Prozent auf 3,3 Prozent geschrumpft.

Die Arbeitslosenquote betrug in Frankreich zuletzt 10,1 Prozent, in der Eurozone lag sie im vorigen Jahr bei zehn Prozent und ist zuletzt auf 9,5 Prozent gesunken.

Die Lohnstückkosten - also die Arbeitskosten pro produzierter Einheit - wuchsen in Frankreich wie in der gesamten Eurozone sehr schwach, in den vergangenen Jahren mit Raten um ein Prozent. In Deutschland lag der Anstieg bei knapp zwei Prozent. Damit haben sich die Verhältnisse umgekehrt: Über viele Jahre sind die Gehälter hierzulande viel geringer gestiegen als in anderen europäischen Staaten. Dadurch konnten hiesige Firmen ihre Produkte im Ausland günstiger anbieten, die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen verbesserte sich. Seit einigen Jahren verbessern Frankreich und andere Euroländer allmählich ihre preisliche Wettbewerbsposition gegenüber Deutschland.

Besser als andere Länder schneidet Frankreich bei der Verteilung des Wohlstands ab. Die Armutsquote lag nach jüngsten Eurostat-Daten zuletzt bei 13 Prozent. In der Eurozone waren es 17 Prozent. In Deutschland ist die Quote fast ebenso hoch, obwohl die Arbeitslosigkeit sehr niedrig ist. Hierzulande sind extrem viele Erwerbslose armutsgefährdet, weil das Arbeitslosengeld seit den Hartz-Reformen nur für einen kurzen Zeitraum bezahlt wird.

Auch der Niedriglohnsektor ist in Frankreich viel kleiner als anderswo: 8,8 Prozent der Beschäftigten waren 2014 Geringverdiener, neuere Eurostat-Daten liegen nicht vor. Im Euroraum betrug der Anteil 16 Prozent, in Deutschland sogar 22,5 Prozent. »Die Ungleichheit ist in Frankreich längst nicht so stark gewachsen wie anderswo«, so Watt.

In jüngster Zeit mehren sich auch Hinweise auf eine wirtschaftliche Erholung in Frankreich: Die Wirtschaft wuchs im vorigen Jahr um rund 1,2 Prozent, auch die Zahl der Beschäftigten ist relativ stark gestiegen. Dazu beigetragen haben die lockere Geldpolitik der EZB sowie die Erholung von Handelspartnern wie Spanien und Deutschland, erklärt Watt.

DIW-Chef Fratzscher legt der französischen Regierung nahe, sich nun an der Agenda 2010 zu orientieren. Diese sei zwar »deutlich weniger maßgeblich für die wirtschaftliche Erholung Deutschlands, als viele heute glauben«. Sie habe jedoch zu einer starken Kooperation zwischen Staat, Unternehmen und gesellschaftlichen Gruppen beigetragen, meint der Volkswirt.

Eine breite Unterstützung gesellschaftlicher Gruppen würde Macron helfen, betont auch Watt. Die Regierung sollte aber eine Politik vermeiden, die zu mehr Ungleichheit führt. Mit Arbeitsmarktreformen allein komme Frankreich ohnehin nicht voran. Nötig sei eine stärkere Koordinierung der Wirtschaftspolitik in der Eurozone. Die deutsche Regierung könne zu einer stabileren Entwicklung in Europa beitragen, indem sie eine Investitionsoffensive startet und Gewerkschaften stärkt, damit sie höhere Lohnzuwächse durchsetzen können. Dann könnten auch in anderen Euroländern die Gehälter stärker steigen, ohne dass die Firmen an Wettbewerbsfähigkeit einbüßen.

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