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Artgerechte Bezahlung gefordert

Mitarbeiter von Zoo und Tierpark traten am Montag in einen zweistündigen Warnstreik

Am Montag um 12 Uhr legen rund 75 Mitarbeiter des Zoologischen Gartens ihre Arbeit nieder. Mit Transparenten und Trillerpfeifen protestieren sie vor dem Löwentor, im Hintergrund läuft das »Einheitsfrontlied« und Techno-Musik. Der Ausstand ist gut vorbereitet. »Die Tiere haben alle Futter und Wasser«, sagt Tierpfleger Tobias Buchwitz, der im Vogelhaus arbeitet. »Nur Aufgaben wie Hallenreinigung oder Scheibenputzen haben wir heute liegen gelassen.«

Der Warnstreik überschneidet sich ohnehin mit der Mittagspause. Deswegen sind neben den Gewerkschaftsmitgliedern auch unorganisierte Kollegen rausgekommen, erklärt Tierpfleger Rouven Schulze, der sich um die Elefanten kümmert. Neben den Tierpflegern sind auch Kollegen von der Kasse, dem Garten und der Zooschule dabei. Zur gleichen Zeit sind 50 Mitarbeiter aus dem Tierpark in Friedrichsfelde ebenfalls für zwei Stunden in den Warnstreik getreten.

Das Problem ist einfach zu verstehen. Mit roter Sprühkreide steht auf dem Bürgersteig vor dem Tor: »Niedriglöhne im Zoo.« Denn der Gewerkschaft ver.di zufolge verdient ein ausgebildeter Tierpfleger mit drei Jahren Berufserfahrung nur 1900 Euro brutto. Buchwitz rechnet vor, dass er jeden Monat rund 1300 Euro mit nach Hause nimmt. Beim Zoo Eberswalde - 60 Kilometer entfernt in Brandenburg - kann das Gehalt 600 Euro höher liegen. Und beim Berliner Zoo steigen die Löhne nur geringfügig mit der Arbeitserfahrung. Dabei hat die Hauptstadt den meistbesuchten Zoo Europas - eine Einrichtung mit Weltruf, die jedoch Niedriglöhne zahlt.

Der Tierpark erhält öffentliche Zuwendungen. »Wenn ein Betrieb aus Landesmitteln finanziert wird, dann sollen Löhne wie bei Landesbeschäftigten bezahlt werden«, sagt Verhandlungsführer Benjamin Roscher von ver.di dem »nd«. In öffentlichen Zoos in Deutschland wird in der Regel nach dem Tarifvertrag öffentlicher Dienst (TVöD) bezahlt - private Zoos haben Haustarifverträge mit vergleichbarem Lohnniveau. Nur in Berlin liegen die Gehälter deutlich darunter. Tariflichen Konfliktstoff gibt es zudem, weil Beschäftigte, die vor 2008 im Zoo oder Tierpark gearbeitet haben, noch »Besitzstände« genießen - also die etwas besseren Löhne des alten Tarifvertrags. Auch diese liegen unter TVöD-Niveau.

»Wir haben auch die niedrigsten Eintrittspreise«, entgegnet Christiane Reiss, Sprecherin des Zoos. Eine Tageskarte ist momentan für 14,50 Euro zu haben. Die Forderungen von ver.di seien nur zu erfüllen, wenn die Preise erhöht werden, so Reiss. Das Management bietet eine zwölfprozentige Lohnerhöhung an, verteilt über die nächsten drei Jahre. Doch die Beschäftigten teilen diese Argumentation nicht. »Wir sind ein reicher Zoo«, sagt ein Tierpfleger, der anonym bleiben möchte, »also sollen sie sich nicht so haben.« Im Sommer kommen Pandabären, was viele zusätzliche Besucher anlocken wird.

Auch Azubis schwenken ver.di-Fahnen. Für sie ist das Problem nicht nur die schlechte Bezahlung, sondern auch die Unsicherheit. Nur etwa ein Drittel eines Jahrgangs wird übernommen, und selbst dann nur befristet auf ein Jahr. Es ist auch nicht gerade einfach, einen vergleichbaren Job in einer anderen Einrichtung in Berlin zu finden. »Man könnte sich selbstständig machen und die Meerschweine der Nachbarn pflegen«, sagt ver.di-Mann Roscher scherzhaft.

Alle paar Minuten fahren Busfahrer der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) an der Kundgebung vorbei - auch sie arbeiten für einen Landesbetrieb, der Niedriglöhne zahlt. Immer wieder hupen sie aus Solidarität. Die 75 Zoo-Kollegen ziehen weiter zum Verwaltungsgebäude, bevor sie nach zwei Stunden zur Arbeit zurückkehren. Die nächsten Verhandlungsrunden sind für diesen Dienstag sowie für den 25. Mai angesetzt.

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