Werbung

Wenn der Klang aus dem Fleischwolf kommt

»Million Miles« - Die Retrofuturisten untersuchen in der Schaubude im Spiel mit Objekten das Rätsel der Zeit

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

»Hoppeln gegen die Zeit«, lautet das Motto von Roscha Säidows neuer Produktion »Million Miles«. Anders als bei den gefeierten Inszenierungen am Puppentheater Magdeburg und am Theater Dortmund, als Welthits aus Film (Fritz Langs Klassiker »M - Eine Stadt sucht einen Mörder«) und Literatur (Herman Melvilles Jahrhundertroman »Moby Dick«) Grundlage sehr eigenständiger szenischer Deutungen waren, wagen die Berliner Regisseurin und ihr Team der Retrofuturisten sich nun ganz ohne geborgtes Textgeländer auf die Bühne.

Das ist durchaus ein Zeichen von Courage. Dass es bei »Million Miles« um das Überthema der Zeit und das Verrinnen derselben wie auch das Sich-Verrennen darin geht, erhöht den Courage-Faktor sogar noch. Säidow und der erstmals mit ihr zusammenarbeitende Ausstatter Jonathan Gentilhomme fangen die Zeit in einem mehrteiligen Kabinett ein. Acht hohe Tische, von der Grundfläche so klein, dass sie eher wie Pulte wirken, sind im Bühnenraum platziert. Vom Flohmarkt stammende Fundstücke wie Plattenspieler, Fleischwolf, Rechenbrett und Kalenderblätter sind darauf positioniert.

Hauptprotagonist ist indes ein kleiner Plastikhase mit Aufziehmechanismus. Performerin Franziska Dittrich hantiert zuerst an ihm herum. Sie will ihn schneller, besser machen. Sie agiert mit Stoppuhr und Übungsanweisungen wie eine Trainerin. Wie eine zunehmend überforderte Trainerin. Denn der Aufziehmechanismus des kleinen Plastikhasen lässt eben nur begrenztes Tempo und begrenzte Reichweite zu. So hoppelt er dann aus, fällt vorzeitig hin und unterliegt in dieser ersten Episode der Zeit.

Von Siegen gegen die Zeit kann man auch bei den anderen Episoden an den anderen Tischen nicht sprechen. Aber die Retrofuturisten, schon dem gewählten Namen nach Zeitreise-Spezialisten, finden schöne Variationen für das Thema. Am Rechenbrett werden Stunden in Minuten und Sekunden heruntergebrochen. Die Kügelchen fliegen nur so auf dem Stab, können das von ihnen Bezeichnete aber nicht einholen.

Später wird durch Nachrichten auf dem Anrufbeantworter der Verlauf einer Reise einer zunehmend angestrengt wirkenden Person rekonstruiert. Ein schönes Moment liefert auch der Fleischwolf. Durch ihn dreht Dittrich akustische Informationen und verändert so die Klänge. Auch der rotierende Plattenteller mit der Erdhalbkugel darauf ist ein prächtiges Objekt. Allerdings hätte man sich insgesamt mehr Interaktion der Performerin mit den Objekten gewünscht, und auch mehr präzisere Interaktion.

Denn die Anordnung der Tische und der schmalen Lichtschächte über ihnen gibt dem gesamten Raum eine interessante Strenge vor, auf die Dittrich mit ihrem überhastet wirkenden Spiel leider nicht eingeht. Weder nimmt sie sie auf, noch kontrastiert sie sie. Sie fällt einfach nur heraus. Aber das ist ein Aspekt, an dem man arbeiten kann. Von der Anlage her ist »Million Miles« ein schönes kleines und auch tief gehendes Kabinettstück über die Zeit und über den hastenden Umgang der Menschen damit.

Man mag in ihm auch Anleihen der Computerspielarchitektur sehen: Der Gang von Tisch zu Tisch und der dabei zuweilen eingesetzte akustische Countdown erinnern an das Versprechen vom immerwährenden Aufsteigen von Level zu Level. Allerdings wäre diese lineare Struktur der Computerspielprodukte dann doch zu simpel für ein Spiel mit der Zeit. Und der Bühnenraum des Kabinetts schlägt dann auch ganz andere Verknüpfungen vor.

Im letzten Bild, am letzten Tisch, auf dem finalen Level, wird deutlich, dass auch der Tod, ja selbst der Nachtod, gehetzten Charakter hat. Dittrich füllt da Formulare eines Bestatters aus und soll schon wählen zwischen traditionellen Begräbnisarten und unkonventionelleren wie See- oder Luftbestattung. Sie soll ankreuzen, ob die Bestattung mit oder ohne Feier begangen werden soll, und viele andere Dinge mehr, die Bestatter so wissen wollen.

Man lernt aus Dittrichs zunehmend angestrengter werdendem Ausfüllen der Formulare: Eilt man der Zeit zu weit voraus, will man im Leben auch schon den Tod ordnen, dann ist man schnell überfordert. Da liefert das Millionen-Meilen-Rennen gegen die Zeit gleich noch eine Botschaft. Säidow hat das Stück festivaltauglich inszeniert: eine Spielerin, kleine Objekte, die nicht viel Platz wegnehmen. Selbst setzt sie zum Sprung in die großen Häuser an. Ihre Produktion »M - Eine Stadt sucht einen Mörder« wurde von der neuen Intendanz des Berliner Ensembles unter Oliver Reese bereits eingekauft. Und eine neue Koproduktion zwischen ihr als Artist in Residenz in Magdeburg, dem Magdeburger Theater und dem Berliner Ensemble ist bereits vereinbart. Objekttheater erobert also immer mehr auch die großen Theatertanker. Alles nur eine Frage der Zeit.

Nächste Vorstellungen: 12. und 13. Mai

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!