Von Hermannus Pfeiffer

Der Mensch ist schuld

Naturkatastrophen belasten die Bilanz der großen Rückversicherer

Natur
Überschwemmte Straße in Neuseeland – Zyklon Debbie hatte im März 2017 teils schwere Schäden angerichtet.

Das Wetter kann es uns nur selten recht machen. So ist der Mai gefühlt viel zu kalt. Doch das Klima spielte schon früher öfter mal verrückt. Winter waren extrem kalt, Sommer verregnet. Missernten, Hungersnöte und Seuchen quälten die Menschen. Solche »kleinen Eiszeiten« liegen zwar Jahrhunderte zurück, doch auch weitere Extreme belegen laut Ansicht der Europäischen Union für Geowissenschaften in München, wie veränderlich das Erdklima auf einer kurzen Zeitskala ist. »Kurz« kann dabei durchaus einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten umfassen.

Dieses Auf und Ab der Natur erschwert Rückversicherern das Geschäft. Sie sichern Versicherer, Industriebetriebe und Häuslebauer gegen die materiellen Folgen von Naturkatastrophen ab. Dabei geht es um immense Summen. Für die Munich Re, Swiss Re oder Hannover Rückversicherung ist das Klima daher ein ganz großes Thema. So meldete der Münchener Rückversicherer am Dienstag für das erste Quartal einen Verlust in Folge von Naturkatastrophen von 156 Millionen Euro. Den größten Einzelschaden verursachte mit 100 Millionen Euro Zyklon Debbie, der im März in Neuseeland und Australien gewütet hatte. Im Vorjahresquartal hatte es in der Münchner-Rück-Bilanz noch ein kleines Plus von elf Millionen Euro gegeben.

Die Verluste sind für die globale Nummer eins, die im ersten Vierteljahr 2017 rund 13 Milliarden Euro an Beiträgen kassierte, noch überschaubare Summen. Doch mit einem Anteil von 24 Prozent haben Naturkatastrophenpolicen einen maßgeblichen Anteil am Gesamtgeschäft. Bereits 1974 stellte der Konzern daher den ersten Geowissenschaftler ein, Gerhard Berz.

Heute arbeiten zwei Dutzend Meteorologen, Hydrologen, Seismologen, Geologen und Geophysiker in der Geo-Risiko-Forschung. Andere Rückversicherer folgten dem Beispiel. Berz stimmte - im Gegensatz zu manchem Nachfolger - nicht in den schrillen Chor der Untergangspropheten ein. Dazu kannte er die Klimaverrücktheiten vergangener Zeiten zu gut. Doch zwei langfristige Trends bereiten dem Ehrenmitglied der Umweltorganisation Germanwatch Sorge: Die Zahl gefährlicher Naturereignisse und Katastrophen nimmt zu - immer häufiger auch als Folge gravierender Eingriffe des Menschen in die Natur.

Rückversicherer nennen dafür als Hauptgrund die Konzentration von Bevölkerung und Werten in immer mehr und immer größeren Städten. Viele - etwa Tokio oder San Francisco - liegen zudem in geologisch hochriskanten Gebieten, etwa an gefährdeten Küsten oder in Erdbebenzonen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es erst drei Millionenstädte, heute sind es bereits 400. Extreme Naturereignisse werden oft erst in Ballungsräumen zur Katastrophe. Teuer kommt zudem die erhöhte Anfälligkeit moderner Industriegesellschaften und - was die Schadenszahlungen für die Assekuranz erhöht - eine zunehmende Versicherungsdichte.

Trotz der im Trend steigenden Versicherungsrisiken herrscht in der Branche Ruhe. Vor dem Sturm? Zum 1. Januar wurden traditionell die neuen Verträge über Naturrisiken für das laufende Jahr abgeschlossen. Wegen »ausgebliebener marktverändernder Großschäden« kam es diesmal zu weiteren Ratenrückgängen, beklagt die Hannover Re. In den USA konnte die weltweite Nummer drei solche Preisreduzierungen durch höhere Anteile an profitablen Programmen ausgleichen. Daher erwartet Vorstandschef Ulrich Wallin trotz sinkender Preise steigende Gewinne - wenn das Wetter mitspielt. Auf der Hauptversammlung am Mittwoch in Hannover erhöhte Wallin sein Gewinnziel für das laufende Jahr von 950 Millionen auf über eine Milliarde Euro. Das wäre zum sechsten Mal in Folge ein Rekordergebnis.

Gegenwind erhielt der Vorstand auf der Hauptversammlung allerdings vom Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. »Hannover Rück hat sich an der Rückversicherung von so umstrittenen Großprojekten wie dem Wasserkraft-Staudamm Hidrosogamoso in Kolumbien und dem Rückhaltebecken der Firma Samarco in Brasilien beteiligt«, kritisiert deren Sprecher Christian Russau. Der Versicherer habe bis heute keine überzeugende Nachhaltigkeitsstrategie und die Respektierung der Menschenrechte sei »nicht solide und robust« in der Geschäftspolitik verankert. »Da besteht noch deutlicher Nachholbedarf.«

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken