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Sehr geehrter AfD-Wähler, ich blockiere Sie nicht!

Robert J. De Lapuente möchte sich auf Facebook keine Filterblase aufzwingen lassen

Kürzlich erreichte mich mal wieder ein Aufruf bei Facebook. Besser gesagt: Eine Aufforderung. Irgendeiner meiner »Freunde« sei suspekt, teilte jemand seiner gesamten Freundesliste mit. Der Beschuldigte teile seltsame Postings, die gemeinhin auch von AfD-Ortsverbänden im Netz geteilt oder sogar erstellt würden. Wenn man dessen Chronik durchstöbert, erkenne man, dass es sich hierbei um einen AfD-Wähler handeln müsse. Deshalb sollte man ihm doch bitte die »Freundschaft« kündigen. Falls das nicht geschehe, sehe sich der Auffordernde leider dazu gezwungen, jeden von seiner Freundesliste zu streichen, der weiterhin diesem AfDler die Stange hält.

Das ist fürwahr ganz normaler Alltag in den sozialen Netzwerken. Solche Säuberungsaktionen der eigenen Gefilde gehören da wohl dazu. Besonders Beflissene säubern gleich noch vor der Haustüre der anderen mit und rufen zum großen Reinemachen auf. Wer nicht für Reinigung ist, der wird halt auch mal selbst entsorgt.

Was unfair und überzogen anklingt, was hier als virtuelle Blockwartmentalität unappetitlich auf einen einwirkt, ist wohl das Graswurzelgeklicke jeder gut funktionierenden Bubble - also jener Blase, in der sich jeder von uns mehr oder weniger bewegt, wenn er netzwerkt. Natürlich hat jeder grundsätzlich den Hang, sich mit Leuten zu verbinden, die ihm relativ angenehm sind, dieselben Ansichten teilen oder mit denen man politisch konform geht. Es ist ja auch nervig, überdies natürlich auch ärgerlich, wenn sich ein Ausreißer in der Bubble einnistet, der Statusmeldungen aus der Fakenews-Schmiede AfD-naher Kreise teilt.

Dabei müsste man gerade solche Charaktere unbedingt wahrnehmen und sie nicht ausblenden. Jedenfalls dann, wenn man sich selbst als demokratische Alternative zur Alternative für Deutschland und Konsorten versteht. Denn Andersdenkende wegklicken, ihre Meinung oder ihre Parolen nicht zumindest anzuhören und nach Ursachen für diese Denke zu forschen: Das ist demokratischer Konsens. Das muss man in einer demokratischen Gesellschaft schlichtweg ertragen können. Es für so unerträglich zu halten, dass man sich in einen Mikrokosmos an Konformität einigelt, das zeitigt gefährliche Tendenzen, denn es untergräbt die Überzeugungsarbeit und den politischen Kampf um Mehrheiten – und es suggiert stattdessen, dass eine Gesellschaft, die sich in ihrem Einheitsbrei abschottet, unter Umständen eine Alternative sein könnte.

Die Bubble ist insofern eine Traumwelt, weil sie einem vorspielt, dass das, was man selbst denkt und glaubt, ja von allen gedacht und geglaubt wird. Größtenteils zumindest. Dass da jemand Gegenteiliges denkt und glaubt, man ahnt es natürlich, kann es aber nicht so recht begreifen. Die Mechanismen der Bestätigung und des gegenseitigen Mutzusprechens wirken. Sie lähmen insofern auch die intellektuelle Grundvoraussetzung, für seine Überzeugungen zu streiten. Denn wenn die eigene Überzeugung dauerhaft bestätigt und ermutigt wird, streitet man nicht mehr für sie: Der Blasen-Avantgardist definiert stattdessen alle anderen als Dummköpfe, die noch nicht so weit sind, dies oder jenes eingesehen zu haben.

Man muss nun wirklich nicht zimperlich umgehen mit Leuten, die Schauermärchen über Flüchtlinge verbreiten. Den einen oder anderen kann man wohl auch wirklich aus Gründen des Selbstschutzes blockieren. Aber Säuberungswellen zur Reinhaltung der Bubble, die sollte man tunlichst unterlassen. Sie sind Ausdruck eines zutiefst undemokratischen Geistes und nähren ein völlig falsches Gefühl von Diskussionskultur. Sicher lohnt es sich auch, wenn man mit Gleichgesinnten diskutiert. Aber man sollte sich immer auch anhören, was die andere Seite denkt. Das was da dann kommt, das kann man ablehnen, bekämpfen oder sogar beschimpfen. Aber besser man fetzt sich mit Andersdenkenden, als dass man so tut, als gäbe es sie gar nicht.

Sehr geehrter AfD-Wähler, in diesem Sinne habe ich mich entschlossen, Sie künftig nicht gleich zu blockieren. Ich muss Sie ertragen. Lernen Sie auch gleich mal mich zu ertragen. Was Sie sagen, lehne ich ab – aber ich höre es mir an. In diesen Momenten werde ich mich nach der Blase sehnen. Aber der öffentliche Raum – und Facebook stellt eben, auch wenn es sich im eigenen Wohnzimmer abspielt, öffentlichen Raum dar – ist nun mal kein Zuckerschlecken.

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