Die den Geldbeutel ausmisten

Theatertreffen: Im HAU zeigen Forced Entertainment ihre skurrile Performance »Real Magic«

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 4 Min.

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Irgendwann droht die Stimmung zu kippen. Während sich manche seit dem Beginn des Spektakels nicht mehr einkriegen vor Lachen, vermittelt einem das anschwellende Unzufriedenheitsgemurmel in den Zuschauerreihen spätestens nach einer Dreiviertelstunde das Gefühl, auf einem kurz vor dem Ausbruch befindlichen Vulkan zu sitzen. Jederzeit könnte jemand ausrasten, aufspringen, protestieren, die Spielenden zum Aufhören drängen. Nichts dergleichen geschieht. Stattdessen geht die ewige Wiederkehr des Immergleichen in die nächste Runde.

Die drei englischsprachigen Performer Jerry Killick, Claire Marshall und Richard Lowdon tun so, als trügen sie eine Gameshow aus. Unter Anleitung der Moderation soll der eine erraten, an welches Wort der andere gerade denkt. Das steht auf einem für das Publikum sichtbaren Pappschild geschrieben. Nach drei gescheiterten Versuchen darf es ein anderer versuchen. Abwechselnd schlüpfen sie in die Rollen des Kandidaten, Gegenkandidaten und Quizmasters. In jeder Konstellation kommen die gleichen Antworten in der gleichen Reihenfolge: erst »Electricity« (Elektrizität), dann »Hole« (Loch) und schließlich »Money« (Geld). Und die jedes Mal falschen drei Antworten werden überspielt mit Lachern aus der Konserve.

Am Anfang könnten sich unvoreingenommene Theatertreffenbesucher bei diesem Gastspiel von Forced Entertainment im Hebbel am Ufer noch verarscht vorkommen oder aber auf diesen einen Clou warten, der die Absurdität bricht. Dass ein solcher nicht eingeplant ist, wissen nur Eingeweihte. Denn die Gruppe arbeitet seit mehr als 30 Jahren an der totalen Auslöschung des Sinns am Theater. Obwohl sie im Betrieb längst eine ganz große Nummer sind und häufig in Berlin auftreten, wurden die Avantgardekünstler in diesem Jahr erstmals zum Theatertreffen eingeladen.

Auf der Bühne stehen sechs Neonröhren, ein einsamer Stuhl und ein Mikrofon samt Ständer. Auf dem Boden liegt nichts als ein kleiner Kunstrasenteppich. Und das Trio präsentiert seine skurrile Endlosschleife, wechselt die Klamotten, variiert das Tempo und kreiert im Sprachduktus mehrmals eine neue emotionale Atmosphäre, die am ehesten so etwas wie eine Karikatur des Massenmediengewerbes sein könnte.

Wie viele Durchläufe es insgesamt sind, das kann niemand ernsthaft zählen. Dafür sind die meisten zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Auffallend viele versuchen, ihre Langeweile zu bekämpfen. In der dritten Reihe haben offenbar gleich zwei Leute den Kartenkauf als Möglichkeit entdeckt, endlich mal wieder jenseits des Alltagsstresses ihren Geldbeutel auszumisten. Zwischen der vierten und der achten Reihe kämpfen einige gegen das Einnicken an. Dazwischen sitzt ein gackerndes Grüppchen, in dessen Zentrum eine hornbebrillte ältere Frau sich besonders laut bemerkbar macht und dem Hintermann aufgrund ihres großen schwarzen Turbans die Sicht erschwert. Was diesen kaum zu stören scheint, blickt er doch verständnis- bis fassungslos im Saal umher. Drum herum fallen Menschen auf, die sich tuschelnd oder kopfbewegend nach Zustimmung sehnen. Aber auch besonders arme Seelen mit großen Augen sind zu entdecken, deren unauffällige Flucht das Eingezwängtsein in der Mitte ihrer beinfreiheitsfreien Reihe verunmöglicht.

Dabei hat diese Inszenierung durchaus etwas für sich, nachdem der tote Punkt nach 45 von 90 Minuten überwunden ist, die Akteure in ein Hahnenkostüm gestiegen sind und dilettantisch zu tanzen beginnen. Segensreich: Angesichts dieses selbstverständlich komplett nutzlosen, dafür aber angenehm hirnrissigen Interludiums ist der Aufmerksamkeitstank im Raum wieder gefüllt, und die Wiederholungsparade darf sich mit Billigung selbst der zuvor am lautesten geflüstert habenden Kostverächter fortsetzen. Plötzlich wird die Show lustig. Zum Beispiel, wenn Richard Lowdon der Kandidatin Claire Marshall bei jedem Rateversuch sein Schild mit der Aufschrift »Sausage« (Wurst) unter die Nase hält, ihr das Wort entgegenpispert, es sogar pantomimisch darstellt und sie trotzdem wieder Elektrizität, Loch und Geld rät.

Seine Groteske treibt das Klamaukkollektiv so weit, dass irgendwann sogar Penis- und Kopulierwitze nicht mehr fehlen dürfen. Das alles ist im Sinne der Theatertreffen-Jury bemerkenswert, aber eben auch ziemlich platt. Eingeschlafen, und das ist nun wirklich als großes Kompliment gedacht, ist trotz hartnäckiger Blickrecherche im Publikum niemand.

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