Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Willi Bredel erfolgreich umgezogen

Die Hamburger Geschichtswerkstatt zum sozialistischen Schriftsteller hat noch viel vor

  • Von Folke Havekost, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.

In der U-Bahn nach Fuhlsbüttel offeriert ein Junggesellenabschied etwas penetrant »Pfeffi«, Jahrgang 98. Die zehn Jahre ältere Willi-Bredel-Gesellschaft (WBG) bevorzugt Crémant und Kanapees, um nach turbulenten Monaten ihren Umzug zu feiern. »Als wir hier mit den Kisten standen, war das ein ganz schöner Stress«, sagt der Vorsitzende Hans Matthaei, »aber wenn wir nach der Arbeit auf den Wochenmarkt gegangen sind und eine Currywurst gegessen haben, hat es auch Spaß gemacht.«

Seit Sonnabend hat die Geschichtswerkstatt zum sozialistischen Schriftsteller wieder geöffnet, einen Kilometer vom alten Standort in einem historischen Freibadgebäude. Uwe Levien singt Joni Mitchells Ökoklassiker »Big Yellow Taxi« - ein Seitenhieb auf den alten Vermieter, die Bäderland GmbH. Das städtische Unternehmen hatte im Mai 2016 die Kündigung des Mietvertrags von 1992 angekündigt, um auf dem ehemaligen Freibadgelände ein Hallenbad und Wohnungen zu bauen.

Mit Kundgebungen und Aktionen erreichte die rund 110 Mitglieder starke Gesellschaft einen Aufschub bis ins Frühjahr. »Man kann Leute mitnehmen, wenn sie sehen, was man vorhat«, sagt Holger Schultze aus dem WBG-Vorstand: »Dass man sich auch dafür einsetzt, ein Schwimmbad zu zivilen Preisen zu betreiben.« Schultze organisiert gerade eine Ausstellung zu den Curiohaus-Prozessen gegen NS-Kriegsverbrecher, die im Oktober eröffnet werden soll.

Hendrik Heiler liest derweil den Prolog aus der »Prüfung«, dem Bredel-Roman von 1934, in dem das KPD-Mitglied seine Zeit im KZ Fuhlsbüttel thematisiert - das erste Werk, das international auf die Lager aufmerksam machte. Seine Trilogie »Verwandte und Bekannte« ist für 25 Euro zu erwerben: drei von 4000 Büchern in den Regalen der WBG. In der Ecke steht der Schreibtisch Bredels aufgebaut, komplett mit der Rheinmetall-Schreibmaschine des 1901 in Hamburg geborenen Eisendrehers, der 1964 als Präsident der Akademie der Künste der DDR starb.

Der aktuelle, 68 Seiten starke Rundbrief der Gesellschaft ist etwa zur Hälfte Bredel und verwandten Themen gewidmet. Als Geschichtswerkstatt betrachtet die WBG aber auch die nähere Umgebung, wie eine Führung durch den Innenhof zeigt: Sie verläuft über das Dach eines teilweise unterirdischen Kinos, das 1938 erbaut und Ende der 1960er-Jahre geschlossen wurde. Die einstigen Alstertal-Lichtspiele sind heute ein Bettengeschäft. Die Verkäuferinnen grüßen freundlich, als sich der Trupp die Stahlbetonrippen-Konstruktion des 600 Plätze umfassenden Kinosaals anschaut. Sie haben sich an die neugierigen Nachbarn gewöhnt.

»Uns geht es einerseits um antifaschistische Gedenkpolitik, andererseits um das Bewahren historischer Bauten«, erklärt der pensionierte Berufsschullehrer Matthaei: »In Hamburg wird alles abgerissen, dabei sollte die wachsende Stadt vor allem eine lebenswerte Stadt sein.« Nach dem Rundgang um den »Kinoblock« ist auch Hans Gaertner eingetroffen: Der 91-jährige Jurist, Neruda-Übersetzer und Auschwitz-Überlebende hat brieflich bei Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz Partei für die WBG ergriffen; drei Tage zuvor war er - wie Scholz - bei der Einweihung des Gedenkorts »Hannoverscher Bahnhof« in der HafenCity, der an die Deportation von 8000 Juden, Roma und Sinti ab 1940 erinnert.

Kaffee, Crémant und Kanapees gehen langsam zur Neige, für die WBG gibt es kurz nach dem Umzug schon genug zu tun: Am Wochenende richtet die Gesellschaft die 7. Antifaschistischen Hafentage aus, am 4. Juni findet die nächste Führung durch die Zwangsarbeiterbaracken am Fuhlsbütteler Flughafen statt.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln