Massenquartier im kalten Keller

In Wiesbaden schlagen üble Unterkünfte für osteuropäische Wanderarbeiter hohe Wellen

  • Von Hans-Gerd Öfinger, Wiesbaden
  • Lesedauer: 3 Min.

Menschenunwürdige Unterkünfte und Mietwucher für Arbeiter aus Südosteuropa und ihre Familien beschäftigten zunehmend Wiesbadener Kommunalpolitiker. So befasste sich der für den citynahen Stadtteil Westend zuständige kommunale Ortsbeirat am Mittwochabend mit dem Thema. Das Gremium forderte die Stadtregierung auf zu prüfen und zu berichten, »wie der vermuteten missbräuchlichen Wohnnutzung von dafür ungeeigneten Räumen entgegengewirkt werden kann«.

Das Westend mit einem hohen Migrationsanteil zählt bundesweit zu den Großstadtbezirken mit der höchsten Bevölkerungsdichte. Was Anwohner ahnen oder hinter vorgehaltener Hand weiter sagen, bekamen die Ortsbeiratsmitglieder jetzt schwarz auf weiß zu lesen. So ist in dem einstimmig beschlossenen SPD-Antrag die Rede von unbeheizten Kellerräumen in verschiedenen Gebäuden ohne sanitäre Anlagen, in denen nach Insiderberichten Arbeiter aus Rumänien und Bulgarien regelrecht zusammengepfercht würden. Neben horrenden Monatsmieten müsse jeder Einzelne in einem Gebäude an der Frankenstraße für einen Briefkasten zusätzlich 100 Euro an den Vermieter entrichten.

»Dem Vernehmen nach sollen regelmäßig bulgarische Männer um 6.30 Uhr mit Pkw und Transportern abgeholt werden, um auf den Frankfurter ›Arbeiterstrich‹ verfrachtet zu werden. Rumäninnen sollen regelmäßig auf diese Weise dem Frankfurter Straßenstrich zugeführt werden«, so die Antragsbegründung. Die kommunalen Gremien dürften »nicht tatenlos zusehen, wie EU-Bürger in prekärer Lebenslage durch geldgierige Ausbeuter ohne vertragliche Regelung schamlos ausgenutzt werden«. Diesem Treiben müsse mit Hilfe von Sozialarbeitern, Ordnungskräften und Gewerbeaufsichtsbehörden ein Ende gesetzt werden.

Was im Wiesbadener Westend jetzt für Aufregung sorgt, beschäftigt Ortsbeirat, Anwohner und Behörden im Vorort Dotzheim bereits seit Wochen. Dort hatte der ehrenamtliche Betreuer Rainer Monzheimer im Februar erstmals dem Ortsbeirat seine Eindrücke hinter den Mauern eines Anwesens an der Aunelstraße geschildert. Nach seinen Angaben waren in einem ehemaligen Bauernhof mit fast 30 teilweise renovierungsbedürftigen Räumen und gemeinschaftlich genutzten Badezimmern bis zu 85 Personen gemeldet. Der als Mieter dieser Räumlichkeiten in Erscheinung tretende örtliche Geschäftsmann verlange von seinen Untermietern völlig überhöhte Beträge, die deutlich über dem Niveau des Mietspiegels der Stadt für vergleichbare Räume lägen. Teilweise müssten aus Bulgarien stammende Arbeiter hier pro Schlafplatz und Monat 250 Euro zahlen. »Die Miete wird jeweils bar abkassiert ohne Quittungen. Notfalls wird einer Familie auch schon mal der Strom abgestellt«, so Monzheimer. Er hat errechnet, dass der Unternehmer mit seinen Geschäftspraktiken von den dort hausenden bulgarischen Staatsbürgern ein Vielfaches der von ihm entrichteten Monatsmiete für die Altbauanwesen einnehme und sich so »eine goldene Nase« verdiene. »Die Menschen haben Angst, ihre Wohnung zu verlieren«, so Monzheimer, der diese Notlage auch im Zusammenhang mit der zunehmenden Wohnungsnot im Ballungsgebiet Rhein-Main und mit dem drastischen Rückgang des sozialen Wohnungsbaus seit Jahrzehnten sieht.

»Diese Menschen müssen oftmals mit ihrer Arbeit fünf oder mehr Familienangehörige in ihren Heimatdörfern ernähren, haben Angst und nehmen daher alles hin«, beschreibt ein in Rumänien geborener und seit Jahrzehnten in Wiesbaden wohnender Insider auf nd-Anfrage die Hintergründe. Alles sei auch Folge der Prekarisierung des Arbeitsmarktes seit den 1990er Jahren. So seien viele Menschen als »Gewerbetreibende« gemeldet. Zu den offenkundigen Profiteuren dieser Notlage gehörten neben den Einsatzbetrieben und gewissenlosen Vermietern oftmals auch private Arbeitsvermittler. Die eingeschüchterten Wanderarbeiter würden vielfach auf Baustellen, im Landschaftsbau und auch bei Paketdiensten eingesetzt.

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