Von Hans-Dieter Schütt

Engel, in Panik geraten

»Venedig für Skeptiker« - Gunnar Deckers nd-Feuilletons als Buch

Die Belebung toter Winkel geschieht nicht durch flüchtige Reisen. Es summiert sich nicht automatisch dort Erfahrung, wo Fahrtenbücher geführt werden. Hans Magnus Enzensberger schreibt in einem Gedicht über Bogotá, Mindelheim an der Mindel, Fidji, Helsinki, Turin und Bujambara, er erlebt Kälte, Restaurant-Ruhetage, strömenden Regen, ausgebuchte Hotels, Straßensperren und streikende Müllfahrer - sein Fazit: »Noch am ehesten auszuhalten/ war es unter dem Birnbaum/ zuhause.«

Mancher, der reist, will gar nicht reisen, sondern ist nur gern fort. Irgendwie weg zu sein, ohne sich in Bewegung setzen zu müssen, das wär’s. Ich spekuliere, Gunnar Decker denkt so. Um sicherzugehen, reist man dann doch - den Schreibtisch im Kopfgepäck, das passiert kostenfrei noch jeden Flughafenschalter. Decker stellt Nietzsche voran: »Ein paar Bücher bringe ich mit.« Da wird das Ziel unwichtig. Aber muss es ausgerechnet Venedig sein? Dieses abgegraste Areal? Zum wiederholten Male: Lagunen-Litaneien, Thomas Mann, die Morbidität, natürlich Wagner und die ewige Wasser-Wehmut, beschädigt vom Schmutz aus Teuerung und trampelndem Tourismus.

Warum nur immer wieder diese Stadt? Und also der aufkeimende Verdacht, unter den schreibenden Einzelgängern gäbe es so etwas wie einen unbegreiflichen Kollektivismus. Kurzum: Ich habe dieses Venedig-Büchlein mit kampflustiger Bereitschaft zum Widerspruch gelesen. Und wusste doch bald: Ich steige ein, ich gehe mit - ja, die von Jens-Fietje Dwars herausgegebene Edition Ornament ist um ein Kleinod reicher. Decker nennt seine Notizen »Seitenblicke«, es sind überarbeitete Fassungen jener Kolumne, die jahrelang sommers in »neues deutschland« erschien.

Belichtung ist ein Fotografen-Wort. Wenn man dieses Wort mit bewusster Befremdung ausspricht und es auf diese Texte anwendet, erschließt sich sein Sinn auf besondere Weise. Es ist ein Schöpfungsvorgang. Wie Bebauung, Bepflanzung, Benetzung, Belebung. Belichtung: Es wird da etwas mit einem Leuchten versehen, das es so bislang nicht gab. Wie heißt es so klassisch: Du wirst, was du siehst. Gunnar Decker schreibt über die gesamte schöne und hässliche, duftende und stinkende, erhebende und niederdrückende Menschenfülle dieser Stadt, aber: Der Autor behauptet inmitten des Trubels eine Einsamkeit, mit der er sich von jener Wirklichkeit isoliert, die er dann wieder einfängt. Es ist die eigene Tochter, die bei einem Besuch in der Stadt den »wunden Punkt einer Autorenexistenz« aufreißt: »Wie könne ich überhaupt über Venedig schreiben, meinte sie tadelnd, wenn ich gar nichts erlebe?« Für Decker Anlass, »eine in Vergessenheit geratene Kulturtechnik« zu beschwören: das Lesen. Und so kommen sie alle vor, von Mark Twain bis Donna Leon, von Lord Byron bis Ezra Pound; und immer mal wieder Sartre. Die Gegenwartsprominenz? Ulrich Tukur brüllt über die Promenade: »X ist so ein Arsch ...«, und Decker schließt die Kolumne - gegenüber dem neugierigen Leser unverzeihlich! - mit dem Satz: »Wer X ist, verrate ich aber nicht.«

Venedig erscheint einmal mehr als jener »Schauhof der Geschichte« (Botho Strauß), dessen Stein, dessen Tagesfinsternisse und dessen Nachtschein den langen Atem der Jahrhunderte aufrufen. Der ein kühler Hauch ist über den Pflastern und Dächern, in den Kanälen und Gassen. Majestätische Weichzeichnung wechselt mit hartem Schattenspruch der Gemäuer. Und aus dem Dunst der Lagunen steigt immer wieder jene entfremdete Existenz, die keine Zeit - gebärde sie sich noch so neu - je mindern oder mildern konnte. Und so ist, folgen wir den Notizen, zu bilanzieren: Was immer sich der Blick an Schönheit antun darf, es schlägt ihn zugleich ins Unheimliche zurück. Und so steht der Autor mit beiden Füßen fest auf dem rutschigen Boden eines mysteriösen Niemandslandes - und weiß und vermittelt uns, dass dieser Ort überall ist.

Wir erforschen die sichtbare Welt, um dann, nach Enthüllung, Entlarvung, Ernüchterung und Entblätterung, doch weiter von tausend geheimnisumwitterten Welten zu träumen, die uns leider unbekannt bleiben. Aber wer den Traum sehen will, zerstört ihn. Das erzählt auch der Tourismus, der sich über Venedig ergießt. Die Stadt, so schreibt Decker, war schon immer eine europäische Weltstelle, wo sich »die Unschuld des Traums von Arkadien am schärfsten brach«, weswegen die Rede auch von Müll, Hydranten und Presslufthämmern geht. Ebenso von Mücken, einem Skorpion im Badezimmer und des Autors Entwicklung hin zu einem Spezialisten für Fledermäuse - und gegen Miethaie. Und das Geräusch flatternder Tauben erinnert »an eine Legion in Panik geratener Engel«.

Im Übrigen schafft ein pfiffiger Witz schöne Sätze, etwa wenn es heißt, »dass man mit der Schönheit nie wirklich allein ist«. Oder Decker feststellt, dass Richard Strauss es »nicht ganz geschafft hat, ein Wagner zu werden«. Oder: »Wer anderen zu viele Freiheiten einräumt, schädigt sich immer nur selber.« Der Feuilletonist entdeckt, aber er recherchiert nicht. Recherche kommt aus einem Untersuchungsdrang ins Fremde hinein, nicht aus Beobachtungsinteresse an sich selber. Decker betreibt Aussicht, die von der Innensicht kommt. Aus ihm redet der Wanderer, jener Streuner also, der das Glück genießt, auftragsfrei zu bleiben. Solcherart Schreibender schaut in die Welt, und zugleich ist er sich selber - die Welt. Weil er keinen Auftrag hat, kommt er der Welt so nahe. Die hat ja auch keinen.

Beigegeben sind acht Zeichnungen von Dieter Goltzsche. Kuppeln, Löwe, Treppen: schauen und spüren, dass Striche perlen können. Es gibt eine Monumentalität der luftigsten Geräusche und Momente in diesem Buch - und wenn man hindurchgeweht ist? Man weiß ein bisschen besser: Alles ist Leben, aber überall dazwischen oder daneben oder darüber steckt Sehnsucht. Jeder tut und erleidet etwas; und wie etwas geschieht, so vergeht es. Das macht melancholisch - ja: skeptisch. Vielleicht ist dies der Zugang zum Lebenskünstler: der im Augenblick lebt und das Empfinden der Gleichzeitigkeit hat von einem ersten und letzten Mal - gerade deshalb, weil er immer wieder den gewohnten Ort aufsucht.

Der Autor reist nicht, um sich zu zerstreuen, aber ein wenig verlieren möchte er sich schon. Und greift zu seltsamsten Mitteln: Tatsächlich, er joggt! Wie gesagt, er reist nicht wirklich, aber seine Beobachtungen und Reflexionen bekräftigen dennoch: Es sollte sich gehören, dass jeder einmal im Jahr dorthin fährt, wo er nicht hingehört. Bis einem das Eigene wieder etwas fremder wird. Bis man den, der man daheim ist, nicht mehr so fraglos versteht und hinnimmt. Da fallen einem sofort Politiker ein - ihnen sollte geradezu abgenötigt werden, einmal im Jahr ins Gegenteil zu reisen. Immer nur in den eigenen Wänden, das ist, so schreibt Martin Walser, »die Villa Verfolgungswahn«. Also: Ausfahrt und Einkehr - ein Hin- und Hergerissensein.

So bleibt sie, die Frage nach Sinn und Unsinn des modernen Reisens - bei dem man längst nicht mehr fährt, sondern eher transportiert wird. Der ganz aufs Fußläufige eingestellte Dichter Robert Walser lehnte es ab, sich von Walter Rathenau zu einer Fahrt in die Südsee einladen zu lassen. Bäume reisen nicht, soll er gesagt haben. Genial. Was sollen mir ferne Gefilde, wo es den heimischen Garten gibt? »Was hat ein Gärtner zu reisen?«, so Goethe. Als er das sagte, war er in Venedig.

Gunnar Decker: Venedig für Skeptiker. Seitenblicke. Mit Zeichnungen von Dieter Goltzsche. Edition Ornament, hrsg. von Jens-Fietje Dwars. quartus Verlag Bucha bei Jena. 168 S., engl. Broschur, 16,90 €. Im Rahmen unseres Pressefests »nd-live« liest Gunnar Decker am 20.5., 16 Uhr, aus seinem Buch.

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