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Leichte Geschichtsvergessenheit bei der IG BCE

Ein Gewerkschaftsmitglied wurde auch für seine Zeit in der Deutschen Arbeiterfront geehrt/ Wo bleibt das antifaschistische Grundverständnis?

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.

Das Geschichtsbewusstsein und die Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung vieler Aktivisten und Funktionäre während der NS-Diktatur von 1933 bis 1945 sind in deutschen Gewerkschaften oftmals verblasst. Dies kam Anfang Mai in einer Meldung des Kölner Stadtanzeigers (KStA) aus dem rheinischen Braunkohlerevier zum Ausdruck. So ehrte nach Angaben des Lokalblatts die Ortsgruppe Sindorf-Ahe-Heppendorf der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) ein hochbetagtes Mitglied für 80 Jahre Gewerkschaftszugehörigkeit. Der Mann war 1937 als junger Arbeiter in die NSDAP-Unterorganisation »Deutsche Arbeitsfront« (DAF) eingetreten und hatte sich nach Kriegsende den BCE-Vorläuferorganisationen angeschlossen - ein für viele seiner Generation nicht unüblicher Werdegang.

»Mehrere Punkte lassen diesen Bericht skandalös erscheinen«, meint der Kölner Publizist Elmar Wigand, der über die Website www.arbeitsunrecht.de Solidarität mit Betriebsräten und Gewerkschaftern organisiert, die Mobbingopfer geworden sind. So betrachte die IG BCE-Ortsgruppe offenbar die DAF als eine Art Vorgänger, deren Mitgliedschaft bei Jubiläen angerechnet werde. Dabei war die DAF eine undemokratische Massenorganisation nach dem Führerprinzip, die Streiks, Mitbestimmung und Betriebsräte strikt ablehnte. Unverständlich sei auch, dass die zuständige KStA-Regionalredaktion »diesen Stuss auch noch ungefiltert abdruckt«, so Wigand gegenüber »nd«. »Es ist sicher verfrüht, in dieser Peinlichkeit mehr zu sehen als Geschichtsvergessenheit, mangelnde Bildung und ein Absinken journalistischer Qualität. Wir sind gespannt, was weitere Recherchen ergeben.« Wigand erinnert daran, dass führende Kohlemanager an Rhein und Ruhr zu den energischsten Förderern Adolf Hitlers gehörten und sich von ihm eine Zerschlagung der Gewerkschaften erhofft hätten.

Wenn die DGB-Gewerkschaften vor Ort und in ihren Medien Mitglieder für langjährige Treue zur Organisation ehren, wird die Schar derer immer kleiner, die bereits vor der Zerschlagung des ADGB (Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund) durch die NS-Diktatur am 2. Mai 1933 organisiert waren. Dieser Personenkreis ist inzwischen rund 100 Jahre alt. Wer erst in die am 10. Mai gegründete Deutsche Arbeitsfront (DAF) eintrat, bekam und bekommt nach dem antifaschistischen DGB-Grundverständnis bei Ehrungen die DAF-Mitgliedschaft in der Regel nicht angerechnet. »Das haben wir nicht in unserer Erinnerungskultur«, erklärt der IG BAU-Sprecher Ruprecht Hammerschmidt auf »nd«-Anfrage.

Eines der ältesten und treuesten Mitglieder seiner Gewerkschaft ist Theodor Bergmann (101). Er trat nach eigenen Angaben schon vor 1933 in eine ADGB-Gewerkschaft ein und emigrierte als NS-Gegner 1933 nach Palästina, in die Tschechoslowakei und später nach Schweden. 1946 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde später Professor für Agrarwissenschaften in Stuttgart. 2016 Jahr ehrte ihn seine Gewerkschaft feierlich. Er versteht sich als »antistalinistischer Kommunist« und tritt bis heute als Zeitzeuge der Arbeiterbewegung auf.

Wenn in DGB-Gewerkschaften als Eintrittsdatum vereinzelt noch die Jahre 1933 bis 1938 angegeben werden, bezieht sich das meistens nicht auf die DAF. Einige dieser »Veteranen« stammen aus deutschsprachigen Grenzregionen der damaligen Tschechoslowakischen Republik, wo es bis zum Anschluss an Nazi-Deutschland 1938 traditionelle Gewerkschaften gab.

Übrigens blieb die Lokführergewerkschaft GDL, die jüngst ihr 150-jähriges Bestehen feierte, in der NS-Zeit jahrelang von der Zerschlagung verschont - im Gegensatz zu den ADGB-Organisationen. Während sozialdemokratische GDL-Funktionäre von den Nazis verfolgt wurden, stützte sich das Regime hier auf kooperationswillige NSDAP-Mitglieder. Die GDL gab sich 1933 wieder den alten Namen »Verein Deutscher Lokomotivführer« und wurde erst 1937 aufgelöst.

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