Von Samuela Nickel

Im Alltäglichen das Besondere entdecken

Die »Villa Kuriosum« ist in Lichtenberg ein Anker der Kunst

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Kneipenkultur – Kulturkneipe Serie zu Bier, Wein, Kunst und Theater in Berlin dasND.de/kneipenkultur Abb.: 123rf/majivecka, panaceadoll [M]

Auf der Friedrichshainer Seite des S-Bahnhofs Frankfurter Allee gibt es immer mehr sanierte Altbauten. Hier und da stechen aber noch Reminiszenzen an eine frühere Zeit wie Graffiti an verbrauchten Häuserwänden hervor. Auf der Lichtenberger Seite der Eldenaer Brücke hingegen fällt der Blick auf Plattenbauten. Kurz hinter der Brücke steht über blauen Spanplatten in großen Lettern »Villa Kuriosum« geschrieben. Die Häuserwand am Eingang des Geländes ist mit einem psychedelischen Gesicht aus schwarz-weißen Wellenlinien bemalt, dessen Augäpfel bunt gestreift sind.

»Die Villa erwacht gerade langsam aus der Winterpause«, sagt Claire Terrien, eine der Mitbegründerin des Ortes. Die »Villa Kuriosum« gibt es seit 2008, damals war sie noch eine Ateliergemeinschaft. Die Künstler und Künstlerinnen, die dort gearbeitet haben, waren vorher in den Ateliers des ehemaligen Hausprojekts der »Schreiner5« in Friedrichshain aktiv. Als 2007 das Haus in der Schreinerstraße saniert wurde, mussten auch die Ateliers gehen. Auf der Suche nach einem Ersatzobjekt fanden die Künstler und Künstlerinnen in Laufnähe ihrer alten Gemeinschaft die Lichtenberger »Apfelvilla«, wie sie die ehemalige »Station Junger Naturforscher« aus der DDR nannten. Die vielen Obstbäume auf dem Gelände gaben dem Haus seinen Namen. Der Versuch der offenen Nutzung als kollektive Ateliers habe damals aber nicht nicht gut funktioniert, da sie nur sporadisch in Anspruch genommen wurden. Aus den Ateliers wurde dann später ein Kunstareal, das 2012 in »Villa Kuriosum« umbenannt wurde.

Terrien sieht das ganze Haus »als Kuriositätenkabinett«. Kuriositäten können dabei auch ganz alltägliche Dinge sein, wenn man sie nur in einen anderen Kontext übertrage, erklärt die Bühnenbildnerin. Auch gewöhnliche Erinnerungen, reale Objekte oder auch Orte, die mittlerweile verschwunden sind, können somit zu Sonderbarem werden. Benoit Ribot, der bis eben noch in dem Proberaum der Villa zugange war, findet, dass viele Orte in der Stadt bereits verschwunden sind. So könne die »Villa Kuriosum« auch als Musealisierung eines Berliner Bezirks zur jetzigen Zeit verstanden werden.

Das verwinkelte Gebäude der »Villa Kuriosum« beherbergt auf 170 Quadratmetern einen Kostümfundus, Werkstätten für Siebdruck, Proberäume und ein Kuriositätenkabinett. Im Kabinett hängen Vogelkäfige und ausgestopfte Tiere. Clownsfiguren, Schmetterlinge und Puppenköpfe sind in Apothekenschränken und Kisten ausgestellt. In einem Marmeladenglas schwimmt eine Karotte aus dem Garten in Formaldehyd.

»Die Villa kann man erweitern und wieder kleiner machen. Bei Hausinszenierungen sind aber oft alle Räume offen« sagt Ribot. Diese Inszenierungen sind die sogenannte Alltagskammer: Kunstprojekte jeglicher Kunstrichtung werden im gesamten Haus durchgeführt. Das Alltägliche wird dabei als Besonderes in museumsartigen Zusammenhängen in Mischformaten der bildenden Kunst, in Filmen, Zirkusdarbietungen, Tattoos oder Performances präsentiert und inszeniert. »Alle, die in der Villa sind, haben verschiedene Schwerpunkte. Jeder kann sich auf seine Weise mit einbringen«, sagt Claire Terrien.

Insgesamt engagieren sich zehn bis 20 Mitglieder aktiv in der »Villa Kuriosum«. Finanziert wird sie durch Einnahmen aus Konzerten, Festivals, Ausstellungen, Performances und anderen Veranstaltungen. Inzwischen gibt es davon jedoch weniger. »Wir haben nicht die Infrastruktur, ständig Betrieb zu machen, da wir uns alle ehrenamtlich engagieren«, erklärt Terrien. Deswegen sei die »Villa Kuriosum« auch nicht mehr durchgängig geöffnet. »Die Villa sucht sich noch,« sagt Terrien und lacht.

Auf einem 2000 Quadratmeter großen Areal erstreckt sich der Garten. Zwischen den Obstbäumen stehen Badewannen, Bettrahmen und Fahrradfelgen, die als Begrenzung für die Beete dienen. Baumhäuser, Holzskulpturen und kleine Rückzugsorte lassen sich hier entdecken, mit Bänken zum Verweilen und einer Aussicht auf die Gleise der Ringbahn.

Der Garten beherbergt mehr als 800 Pflanzensorten: Äpfel, Kirschen, Birnen, Mirabellen, Beerensträucher, Kräuter und Heilpflanzen wie Salbei oder Brennnessel und auch Sumpf- und Wasserpflanzen. Carsten Remde, von allen Toxo genannt, ist zuständig für den Garten. Der Toxikologe ist spezialisiert auf Giftpflanzen und seit 2010 der Botaniker der Villa, der auch Tollkirschen und blauen Eisenhut zieht. »Giftpflanzen faszinieren mich am meisten«, sagt er. »Denn in geringer Dosis heilen sie genau das, was sie in hoher Dosis verursachen. Ich finde es blöd, wenn man sie verteufelt und verbannt.«

Am Rand von Lichtenberg eröffnet sich die »Villa Kuriosum« als Gesamtkunstwerk. Der Bezirk sei zwar ein hartes Pflaster, nicht wie Friedrichshain oder Kreuzberg. Für viele Bewohner ist das Kunstprojekt ein UFO, sagt Terrien. »Manchen sind wir fremd und bleiben auch fremd.« Aber im Gegensatz zu der Schnelllebigkeit in überlaufenen Szenekiezen ist die »Villa Kuriosium« ein Anker der Kunst in Lichtenberg, der nicht mehr wegzudenken ist. »Wenn Leute hier herkommen, geschieht das nicht zufällig«, sagt Ribot. Manchmal kämen auch Nachbarn zum Kirschenpflücken vorbei. Und die älteren Anwohner freuen sich, dass das Gelände noch existiert. Terrien und die anderen Ehrenamtlichen bemühen sich darum, auch Veranstaltungen zu organisieren, die die Nachbarn und Nachbarinnen mit einbeziehen. Kürzlich wurde in diesem Sinne das neue Erwachen der »Villa Kuriosum« mit einem großen Frühlingsfest zur Kirschblütenzeit gefeiert.

Villa Kuriosum, Scheffelstraße 21, Lichtenberg

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