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In die Armut geflüchtet

WSI-Studie: 2016 stieg Zahl sozial ausgegrenzter Minderjähriger - besonders Einwanderer leiden Not

Im Wahljahr haben viele Parteien nur Themen im Blick, mit denen sich Stimmen holen lassen. Dass sich die Regierung aber auch um die Wähler von morgen kümmern sollte, zeigen aktuelle Daten. So hat das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung (WSI) ermittelt, dass seit Beginn des Flüchtlingszuzugs nach Deutschland die Zahl armer Kinder hierzulande deutlich gestiegen ist. Ab Sommer 2015 wanderten demnach viele minderjährige Asylbewerber ein, die auf staatliche Leistungen angewiesen sind. Dadurch stieg die Zahl der armen Kinder 2015 um rund 77 000.

Für 2016 - dazu liegen noch keine Zahlen des Mikrozensus vor - errechnete das WSI eine Steigerung der Kinderarmutsquote auf 20,2 Prozent - 0,5 Prozentpunkte mehr als 2015. Interessant ist vor allem die Verschiebung im Hinblick auf eingewanderte Minderjährige: Während nämlich laut WSI wegen der guten Konjunktur die Zahl armer einheimischer Kinder 2016 um rund 72 000 gesunken ist, wurden 154 000 Kinder von Einwanderern erstmals vom Mikrozensus erfasst. Damit erhöhte sich insgesamt die Zahl der armen Kinder um 82 000 auf rund 2,63 Millionen. Laut den Daten waren 2016 rund 58 Prozent der Kinder, die in die Bundesrepublik eingewandert sind, von Armut bedroht - eine Steigerung um knapp zehn Prozentpunkte binnen eines Jahres.

Allerdings warnte WSI-Experte Eric Seils auch vor Optimismus in Bezug auf die einheimischen Kinder: »Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die moderat positive Entwicklung bei den einheimischen Kindern den Anstieg der Kinderarmut dämpft, aber nicht abfangen kann.« Die Konjunktur schlage sich in den Familieneinkommen zu wenig nieder.

Das zeigen auch andere Zahlen: Laut Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit (BA), die die Linksfraktion im Bundestag angefordert hatte, sind immer mehr Kinder in Deutschland von Hartz IV abhängig. Von rund 1,54 Millionen im Dezember 2015 stieg die Zahl binnen eines Jahres auf 1,6 Millionen. Demnach sind inzwischen 522 000 Unter-15-Jährige länger als vier Jahre auf Hartz IV angewiesen (2013: 490 00).

Linksfraktionschef Dietmar Bartsch bezeichnete diese Entwicklungen als »Armutszeugnis für die große Koalition«. Es sei skandalös, dass Familienplanung heute oftmals ein Armutsrisiko für Kinder bedeute. Bartsch hatte im vergangenen Dezember mit Bundes- und Landespolitikern, Wissenschaftlern und Experten von Sozialverbänden das Netzwerk Kinderarmut gegründet.

Es bestehe dringender Handlungsbedarf, sagte er. Auch die WSI-Experten fordern weitere Anstrengungen zur Bekämpfung der Kinderarmut, dafür müssten genug Mittel bereitgestellt werden. Besonders junge Geflüchtete brauchten Hilfe: »Wenn wir jugendliche Einwanderer heute nicht ausreichend qualifizieren, werden sie als junge Erwachsene unter den armen Erwerbstätigen oder Arbeitslosen wieder auftauchen.«

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