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Global Player in Mexikos Wüstensand

In der Boomtown Ciudad Juárez gelten Arbeitsrechte nicht viel. Streiks und Organisierungsversuche gibt es dennoch

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Gregoria »Goya« Medina stammt aus einem kleinen Dorf in Durango. Ihre Eltern zogen sie mit Eselsmilch auf. Als sie vier war, ging die Familie nach Ciudad Juárez, in eine staubige Wüstenmetropole an der US-Grenze mit Arbeit für Zugezogene aus dem ganzen Land. Mit 14 Jahren gab Goya an, älter zu sein, um auch in der Maquila, wie sie hier die Weltmarktfabriken nennen, arbeiten zu können. Dort, wo alle arbeiten. Heute, nach zwei Dekaden am Fließband und mittlerweile 13 Jahren in der gleichen Firma, am gleichen Arbeitsplatz Tintenpatronen befüllend für den US-amerikanischen Druckerhersteller Lexmark, wurde Goya entlassen. Sie hatte für sechs Pesos mehr Lohn am Tag gestreikt, umgerechnet sind das 30 Eurocent.

Streiks sind keine Seltenheit in den Maquilas von Ciudad Juárez. Doch Vorarbeiter und Personalmanager reagieren schnell und konkret. Mit sofortigen Entlassungen, mit Isolierung am Arbeitsplatz, mit Drohungen und Einschüchterungen. Selten kann ein Streik so lang aufrecht erhalten werden wie im letzten Jahr gegen die Unternehmen Lexmark, Foxconn und Eaton. Selten bewilligen die multinationalen Firmen minimale Lohnerhöhung. Klagen müssen schon massiv sein, damit Abfindungen gezahlt werden. Die Gründung von Gewerkschaften, die sich von gelben Gewerkschaften durch eine tatsächliche Interessenvertretung der Arbeitenden unterscheiden, werden durch bürokratische Hürden gekonnt verhindert.

Dabei reicht das Geld kaum zum Leben. Goya wohnt mit Mann und Kindern bei ihren Eltern, in einem Haus mit Lehmfußboden im Süden der Boomtown. Die Großeltern passen auf die Kinder auf, denn Goyas Mann hat die Morgenschicht und sie selbst arbeitete in der zweiten Schicht bis Mitternacht. Die Maquilas stehen niemals still. »Wenn ich mich nachts ins Bett lege, sage ich, da bin ich, Schatz. Und wenn mein Mann morgens geht, sagt er, ich bin dann weg, Schatz.« Ein Familienleben fand nur am Sonntag statt, samstags machten sie Extraschichten in anderen Fabriken. Die Unternehmen teilen die Arbeit auf, um keine höheren Ausgaben zu zahlen.

Doch jetzt ist die Schichtarbeit Vergangenheit für Goya, auch wenn ihre Augen noch immer von den ewigen Tonerdämpfen tränen. Sie steht auf einer schwarzen Liste. Keine der 319 Montagefabriken in Ciudad Juárez wird sie mehr einstellen. Sie verkauft mit ihrem Vater vor dem Haus Secondhand-Kleidung aus den USA, aus dem Land, zu dem sie von ihrem Viertel aus hinüberblicken kann. Das angrenzende El Paso ist nur getrennt vom schmalen Rinnsal des Río Bravo und den endlosen rostbraunen Stelen der Mauer. Trumps umstrittenes Bauvorhaben steht hier schon längst.

Dass US-Präsident Trump Firmen zwingen könnte, den Standort Juárez zu verlassen - davon ist nicht auszugehen. Zu gut sind die Konditionen, um vor Ort Gewinne zu erwirtschaften. Fast 300 000 qualifizierte Industriearbeiter werden hier wie Tagelöhner bezahlt. 680 Pesos die Woche sind hier ein Durchschnittsverdienst, dies sind umgerechnet rund 33 Euro. Während Produktionskosten an der Lohnschraube nach unten gedreht werden, fahren leitende Angestellte Neuwagen und wohnen im beschaulichen El Paso.

Die Arbeitenden sind in ihrer Mehrheit Frauen, viele alleinerziehend. Ihr Verdienst reicht kaum aus, um die Familie durchzubringen. Nach 20 Jahren Schichtarbeit tragen sie häufig körperliche Schäden davon, die von der Krankenkasse nicht als Arbeitsfolgen anerkannt werden. Es gibt auch immer wieder Unfälle in den Maquilas: Anfang des Monats traten bei den Firmen Flex und Lear im Industriepark Omega Ammoniakdämpfe über die Lüftungssysteme aus. Mindestens 150 ArbeiterInnen zeigten Vergiftungserscheinungen; 25 wurden ins Krankenhaus eingeliefert. Wenn die Eltern nicht mehr können, brechen die ältesten Kinder häufig die Schule ab und springen als Hauptverdiener ein.

»Ein Kreislauf der Misere«, sagt Susana Prieto, Anwältin für Arbeitsrecht. Dieser ist sichtbar in den unendlichen Häusermeeren im Süden der Stadt - winzige Sozialbauten, für die die vermeintlichen Eigentümer horrende Schuldenberge abstottern, oder aus dem Schutt der Maquilas zusammengezimmerte Hütten am Rande der Wüste. Die Marge zwischen den Gewinnen der hier angesiedelten Global Player und den Löhnen der Arbeitenden ist laut Rechtsanwältin Prieto gigantisch. »Bei IBM oder Hyundai genauso wie beim deutschen Konzern Bosch: Die Ausbeutung hat System«, bemerkt die selbstsichere Frau mit lauter Stimme, Highheels, rotgeschminkten Lippen und sehr viel Wut im Bauch. Den Schreibtisch voller Akten und den Kopf voller Einsprüche gegen Arbeitsrechtsverletzungen.

Aktuell vertritt Susana Prieto, die aufgrund zahlreicher Morddrohungen ein Bodyguard begleitet, 640 ehemalige Angestellte von Johnson Controls. Der Auto- und Gebäudetechnikhersteller fusionierte letzten September mit Tyco International, was in Juárez zu Entlassungen sowie zur Absage an Schadensansprüchen und Abfindungen führte. »Für die Maquilaindustrie ist Juárez ein Paradies, denn die Lokalpolitik hält ihr den Rücken frei.« Die riesigen, wie glänzende Raumschiffe im Wüstensand liegende Fertigungshallen sind hermetisch nach außen abgeschottet. »Die Nachrichtensperre zu Arbeitskämpfen ist absolut«, so Prieto.

Ein unabhängiges Komitee versucht deshalb, ein Netzwerk von Berichterstattern in allen Weltmarktfabriken der Stadt aufzubauen und so eine gewisse Transparenz zu schaffen. Doch wer Videos von Vorfällen über soziale Medien verbreitet, muss mit Konsequenzen rechnen. Mit dem Winkel der Aufnahme wird der Arbeitsplatz des Filmenden ermittelt.

Auch wenn knapp ein Viertel der Bevölkerung der 1,3 Millionen-Stadt Juárez in den Maquilas arbeitet, finden sie ihre Interessen nicht in der Politik vertreten. Die wirtschaftliche Elite hat die Stadtpolitik fest in der Hand. Und diese wiederum ist eng verknüpft mit dem sogenannten Juárezkartell. Eine Maquilaarbeiterin jedoch hatte den Traum, dies zu ändern. Antonia »Toñita« Hinojos ist monatelang mit Kolleginnen durch die staubigen Viertel hinter den modernen Fabrikhallen gezogen, um Unterschriften zu sammeln. Für eine Aufstellung zur Bürgermeisterkandidatin hat es dennoch nicht gereicht. »Aber das war erst der Anfang«, beteuert die alleinerziehende Mutter mit dem Aufdruck einer hochgereckten Faust auf dem T-Shirt. »Wenn wir nicht selbst für unsere Rechte kämpfen, wird es niemand tun.«

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