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Berliner Jugendzentren vor dem Aus

Dem Schöneberger Norden droht der Verlust der linken Treffs Potse und Drugstore

  • Von Alexander Isele
  • Lesedauer: 3 Min.

Schönes Wetter ist der Feind jeder Innenveranstaltung, zumindest zu Beginn der Freiluftsaison. Auch die Jugendzentren Potse und Drugstore bekamen das am vergangenen Montag zu spüren. Bei sommerlichen Temperaturen über 20 Grad verlieren sich nur wenige Gäste am Abend in die Räumlichkeiten in der Potsdamer Straße 180 im Schöneberger Norden, wo das D.I.T.-Café wie jede Woche einlädt, gemeinsam Ideen zu verwirklichen. »Do it together«, - »zusammen machen« - ist eines der kostenlosen Angebote der Jugendzentren, wo bei Siebdruck, im Bandproberaum oder in der Fahrradwerkstatt Jugendliche und Junggebliebene ihre Kreativität ausleben können.

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Elena, Paul und Domi kennen das. Jedes Jahr, sobald die ersten Abende warm genug zum Sitzen im Freien sind, gingen die Menschen lieber in den Park. »Das ist aber nur am Anfang des Sommers so. Sobald sich alle an das schöne Wetter gewöhnt haben, kommen sie wieder«, sagt Elena, die seit zehn Jahren ehrenamtlich in der Potse mitwirkt. Wie lange sie ihr gesellschaftliches Engagement weiterführen kann, ist aber ungewiss.

Denn Berlins ältesten selbstverwalteten Jugendzentren droht das Aus. Das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg hat den Machern von Potse und Drugstore mitgeteilt, dass es die angekündigte Mieterhöhung nicht tragen wird und die Nutzungsverträge daher nicht verlängert werden. Zum Jahresende müssen die Jugendzentren ausziehen.

Und das, obwohl die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jugendzentren lange mit Bezirk und Landesebene verhandelt haben. In den Gesprächen sei ihnen Wohlwollen und Respekt entgegengebracht worden, erzählt Mitarbeiter Paul. Außer der AfD wollten alle in der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg vertretenen Parteien Potse und Drugstore erhalten. Auch die CDU bedauere das drohende Ende des im Kollektiv verwalteten Freiraums, der seit 1972 existiert. Doch: »Bisher wurde weder eine Lösung noch ein Ausweichobjekt gefunden«, sagt Paul. »Der Schöneberger Norden ist Gentrifizierungsgebiet.«

Dabei ist der Verlust der Jugendzentren, die organisatorisch unabhängig sind, aber eng zusammenarbeiten, hausgemacht. 1994 verkaufte der Bezirk das Gebäude Potsdamer Straße 180-182 an die Berliner Verkehrsbetriebe, die das Gebäude wiederum 2006 an einen privaten Investor veräußerten. Die »Potsdamer Straße 180-182 GmbH«, im Besitz eines internationalen Firmengeflechts, hatte schon vor zwei Jahren die Miete erhöht, damals konnte der Bezirk die Jugendzentren retten, indem das ebenfalls im Haus untergebrachte Kinder- und Kulturhaus »PalasT« Räume an den Vermieter zurückgab - gleichbleibende Miete bei kleinerer Nutzfläche. Die Räume stehen seither leer. Nun droht wieder eine Mieterhöhung: Gewerbemieten sind nicht an die Mietpreisbindung gehalten. Wenn ein Vertrag ausläuft, kann der Vermieter die Miete mit einem neuen Vertrag beliebig erhöhen.

Der Bezirk fürchtet, dass Protestaktionen der Jugendzentren die Verhandlungen mit dem Vermieter erschweren und haben den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern deshalb geraten, sich ruhig zu verhalten, erzählen diese. Das kommt für sie aber nicht in Frage: »Wir können nicht ewig darauf warten, dass wir eine Entscheidung bekommen. Dann stehen wir am 31. Dezember da und müssen raus«, meint Elena.

Um ihren Forderungen nach Erhalt von Potse und Drugstore Nachdruck zu verleihen, laden sie an diesem Samstag zum Tag der offenen Tür ein. Dabei sind alle Besucher eingeladen, einen der letzten selbstverwalteten Freiräume für die Jugend zu entdecken. Zudem laden »Kritischen Geographen Berlin« und die Naturfreunde zum Kiez-Spaziergang ein. Ab 13 Uhr führen sie vom U-Bahnhof Nollendorfplatz vorbei an den Orten der Verdrängung im Schöneberger Norden bis hin zu Potse und Drugstore. Danach wird gefeiert.

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