Händchen klein

Die peinlichen Machtgesten des US-Präsidenten Donald Trump zeigen nicht nur seinen pathologischen Narzissmus

Über den Händedruck Donald Trumps herrscht in der Trumpologie längst Einigkeit: Der Präsident zieht seine Gegenüber gern nach vorne und nach unten, reißt sie dadurch aus dem Gleichgewicht, legt seine Hand auf ihre, tätschelt gönnerisch, kurz, demonstriert Macht, aber auf eine derart offensichtliche und ungeschickte Art und Weise, dass man sein Verhalten von der Karikatur kaum trennen kann.

Als der kanadische Premierminister Justin Trudeau zum ersten Handshake antrat, erzeugte eine Analyse des Händedrucks im Stil einer Sportreportage Heiterkeit. Trudeau hatte Trumps Händedruck offenbar vorab studiert und sich Trumps Unterwerfungsgeste durch vortrainierte subtile Gegenmaßnahmen verweigert. Trump ging als Verlierer aus dem Ring. Als Merkel Trump den Händedruck anbot, verweigerte er ihn - womöglich aus Angst, auch dieses Duell zu verlieren. Auf dem Laufsteg in Saudi-Arabien reicht er dann Melania Trump die Hand, sie schlägt sie mit einer wischenden Geste aus - nicht das erste Mal. Sie demonstrierte ihre Unabhängigkeit: Auch wenn sie drei Schritte hinter ihm geht, lässt sie sich nicht von ihrem Mann paternalistisch an die Hand nehmen. Sie »schlug« ihren Mann in einem Land, in dem nur Männer ihre Frauen schlagen dürfen.

Eine raffinierte Montage im Internet suggeriert nun, dass Trump beim Papstbesuch Jorge Bergoglio händisch belästigt hätte. Bei den CNN-Aufnahmen steht Trump sehr dicht an Bergoglio, schiebt sich halb vor ihn, so dass sein rechter Arm den linken des kleineren Mannes verdeckt. Er hält sich selbst für den Mächtigeren, der sich seiner Macht durchs Vordrängeln bestätigen muss. Soweit, so authentisch. Dann der Schnitt, Großaufnahme, die Fälschung: Auf einmal streicht eine Hand, die vorgeblich die Trumps ist, fragend mit dem kleinen Finger zweimal über die Außenseite einer linken Hand in Soutane und versucht sofort danach, seine Hand in die andere zu zwingen. Melania Trumps Geste wird wiederholt: Die »Hand des Papstes« schlägt die »Hand Trumps« energisch weg. Vermutlich aufgrund der kommunizierten Homophobie erfreut sich das Video großer Beliebtheit im Internet. So rächen sich satirische Nachrichtenfälscher am König der Fake-News.

Nun weckt es fast Mitleid, wie die Schrullen von Politikern heute sämtlich und permanent von Kameras überwacht werden. Allerdings lässt sich gerade diese Empathie mit dem vermeintlichen Opfer der kontrollierenden Medien auch manipulieren: In der faschistischen Propaganda ist der Verweis der prospektiven Führer auf ihre kleinen Makel längst Standardprogramm. Man gibt sich den Anhängern als kleiner Mann mit Fehlern zu erkennen, der gerade deshalb eher zur Identifikation neigt als der stählerne Held. Der Handshake-Komplex Trumps ist jedoch derart manifest und authentisch, dass eine Inszenierung auszuschließen ist. Die Analysen seiner peinlichen Machtgesten sind Trump sicher nicht entgangen. Vermutlich ist die Abwehr des Handshakes mit Merkel ein Resultat der Filme. Trump scheint einen neuen Modus zu suchen. Wenn er in Saudi-Arabien plötzlich Melania die Hand anbietet, so sieht man auch einen kleinen hilflosen Jungen nach der Hand der Mutter haschen.

An kleinen Jungen ist nichts per se Ungefährliches oder Harmloses, aber das Moment der Muttersehnsucht ist nicht zufällig auch im gefälschten Video präsent: Das fragende Streicheln, das Bedürfnis neben dem Mann im Rock Hand in Hand stehen zu dürfen, ein unangemessen überlaufendes Bedürfnis nach Intimität - das wäre Trump ebenso zuzutrauen gewesen wie die Unterwerfungsgeste im »hand rape«. Bergoglios ungefälschter Gesichtsausdruck zeigte schon vorher jene Antipathie, die Trump an Gegenübern nicht verstehen kann. In seiner aggressiven Menschenfeindlichkeit versucht er stets, dummdreist Jovialität für die Kameras zu demonstrieren, kann aber nicht einmal Männerfreundschaft simulieren, sondern muss sich noch vor den Papst drängeln. Diese neurotisch wiederholte Einheit von Harmoniesehnsucht und Unterwerfung ist ein Merkmal des pathologischen Narzissmus, den Trump auch in seiner Propaganda demonstriert: Sadismus ist Fürsorge. Das zugrundeliegende innerliche sadomasochistische Verhältnis neigt klassisch zur Aufspaltung, zur Selbstbestrafung am anderen Objekt. Das lässt sich in einem echten Film vom NATO-Treffen beobachten. Da schiebt Trump Dusco Markovic, den Premierminister Montenegros, rabiat zur Seite und positioniert sich mit einem lächerlich autoritären, verächtlichen Gesichtsausdruck vor ihm. Hier karikiert er ungewollt das übermächtige Vaterbild, das er in sich trägt. Eine reife Männlichkeit des Gentlemans scheint ihm unmöglich, er verachtet als Mächtiger oder gewährt Nähe als Mächtiger. Es ist die reizbare Unsicherheit darin, die gefährlich macht.

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