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Gestohlenes Gedenken

Immer wieder verschwinden Stolpersteine - und werden wieder neu verlegt

  • Von Jens Albes, Boppard
  • Lesedauer: 2 Min.

Mit seinem bekanntesten Projekt will der Aktionskünstler Gunter Demnig Passanten über die Folgen des Nazi-Terrors stolpern lassen - und wird dabei manchmal von Diebstählen seiner kleinen Messingtafeln überrascht. Zuletzt geschehen in zwei Fällen in Boppard (Rhein-Hunsrück-Kreis), der Polizei zufolge vermutlich aus politischen Gründen. Die Stolpersteine mit Namen und Lebensdaten von NS-Opfern liegen vor deren letztem frei gewählten Wohnsitz; darunter Juden, Behinderte, Sinti, Roma, Homosexuelle und politisch Verfolgte.

Bisher sind in einem Vierteljahrhundert etwa 61 000 Stolpersteine in 1100 Orten in 21 Ländern verlegt worden. »Rund 600 sind rausgerissen worden«, sagte der 69-Jährige aus Frechen bei Köln. In Greifswald seien einmal ausgerechnet in der Nacht zum 9. November, dem Jahrestag der NS-Pogromnacht 1938, Stolpersteine gestohlen worden, berichtete Demnig. »Im Internet war dann von einer «stolperfreien» Zone die Rede.«

Im südhessischen Seeheim-Jugenheim wurden nach seinen Worten einst Fenster des Rathauses mit gestohlenen Stolpersteinen eingeworfen. In der Nähe gab es eine Fotoausstellung zum Alltag jüdischer Kinder während des Holocausts. Woanders in Deutschland habe es zudem Zerstörungen und Übermalungen von Stolpersteinen gegeben, berichtete Demnig, der nach eigener Aussage im Laufe der Jahre auch drei Morddrohungen bekommen hat.

»Wenn ein Stolperstein gestohlen wird, machen wir so schnell wie möglich neue. Dafür lege ich auch Nachtschichten ein«, erklärte der Künstler. Die Aufklärungsquote bei diesen Straftaten sei seines Wissens sehr niedrig. 95 Prozent der rund 61 000 Stolpersteine habe er selbst verlegt. »Wenn Farbe drauf gekippt wird, bekomme ich das oft gar nicht mit, weil sich meist die Nachbarn sofort ums Säubern kümmern.« Auch die Spendenbereitschaft für den Ersatz gestohlener Stolpersteine sei häufig hoch. »In Greifswald waren elf Steine betroffen und mit den Spenden konnten wir 36 neue Steine verlegen«, sagte Demnig. Grundsätzlich kann jeder für 120 Euro eine Patenschaft für Herstellung und Verlegung eines Stolpersteins übernehmen.

In Boppard waren erst am 13. Mai 16 der zehn mal zehn Zentimeter großen Plaketten verlegt worden. Bereits in der Nacht auf den 15. Mai verschwanden zwei davon. Sie erinnerten an die 1941 in die USA geflohene Sally Siegler und die 1942 in Osteuropa ermordete Lina Mayer. Ein Polizeisprecher sagte, ein Video zweier Überwachungskameras zeige, wie ein wohl 40 bis 60 Jahre alter Dieb die vorerst nur lose verlegten Steine gestohlen habe. »Wir gehen von einem Täter aus der Region aus.« Für eine Fahndung mit dem Video müsse die Polizei aus datenschutzrechtlichen Gründen erst noch grünes Licht vom Amtsgericht Koblenz bekommen, da die Kameras eines Geschäfts auf den öffentlichen Raum gerichtet gewesen seien. dpa/nd

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