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Er will nur spielen

Peter Waschinsky feierte in der Schaubude sein 50-jähriges Bühnenjubiläum

Fröhlich endete mit Künstlerkollegen die fünftägige Werkschau beim 50-jährigen Bühnenjubiläum nach fünfstündigem Gala-Abend in der Schaubude. Mario Ecard zeigte das Schauerspiel »Das Phantom der Operette« das unter Regie des Bühnenjubilars entstand. Peter Waschinsky trug seinen »Internet-Song« noch mal vor. Claudia Koch, Harry Reich und Karsten Troyke spielten und sangen. Obwohl man schon nicht mehr wusste, wie man schmerzfrei sitzen sollte, hätte es so noch länger gehen können.

Peter Waschinsky, dem die künstlerische Leitung des Theaters die Möglichkeit eingeräumt hatte, ausgiebig sein Bühnenjubiläum wie bereits sein 40. hier zu feiern, kennt das Haus an der Greifswalder Straße noch als staatliches Puppentheater im DDR-Berlin. Mehrfach erwähnte er das und blickte auf eigene dortige Stücke zurück. Auch auf die damalige eiskalte Abwicklung, die Künstler fix in ABM-Kräfte verwandelte.

Harte Worte fand er als rebellierender Rentner dafür am Vorabend der Gala mit seiner Premiere »Bombig«. Wut galt als Thema des Abends. »Menschen verboten« war am Tuch zu lesen, hinter dem er spielte. Wut auf an Kulturgeld sparende Politik, der er in Ankündigung des Auftritts auf von ihm handgefertigten Programmzetteln, die für ihn typisch sind, seinen Hut mit brennender Lunte Richtung Rotes Rathaus warf. Zorn darüber, dass er nicht mehr so oft die Gelegenheit habe, in der Schaubude zu spielen. Doch hauptsächlich darüber, wie sich das Puppentheater durch zunehmendes Schauspiel der Puppenspielkünstler verändert habe. Deshalb ließ er sich an diesem Abend auf der Bühne nicht sehen, blieb immer hinter dem aufgespannten Tuch, von wo aus die verbalen Pfeile flogen. Er liebt ohnehin Theatervorhänge jeglicher Art. Schließlich verließ er hinter einem schwarzen Tuch verborgen den Saal. Sichtbar blieben nur die Hände, seine Schuhe und die runden Waden, die er immer zeigt, weil er seit Menschengedenken seine ledernen Knickerbocker trägt.

Peter Waschinsky fürchtet wohl nix und niemand. Zur Geschichte des 1950 in Halle an der Saale Geborenen gehört, dass er sich mit anderen kritisch anlegt, sich ihnen mitunter wieder annähert. Alle Künstlerwelt weiß das. Träte er in der Szene plötzlich als guter Onkel auf, würde er unglaubwürdig. Als Enfant terrible der Puppenspieler ist er etabliert, lebt damit. Er will nur spielen. Tritt man an ihn heran, ist er freundlich, wirkt fast verletzlich. Künstler durch und durch. Dieser hier greift eben dann und wann an, lässt sich nur von wenigen Leuten etwas sagen. Wie nah geht ihm ein Echo eigentlich? Über die Presse beschwert er sich nicht. »Bei mir war die Kritik im Allgemeinen friedlich.« Doch er nimmt sich die Presse vor. Findet sich ein Fehler, prangert er das in seinem im Internet erscheinenden »Generalanzeiger« an. Als Generalredakteur.

Was sie über das Puppenspiel wisse, habe sie von ihm gelernt, konnten Besucher der Gala per Video in einem Ausschnitt eines Interviews aus den 90er Jahren mit der damaligen künstlerischen Leiterin der Schaubude, Silvia Brendenal, hören. Damit dürfte sie nicht allein sein. Da erzählt sie, sie sei bei einem Besuch in Amerika sehr oft nach ihm gefragt worden. Waschinsky hatte 1980 in Washington D.C. beim Festival der weltweiten Vereinigung der Puppenspieler, UNIMA (Union Internationale de la Marionette), beeindruckt und traf auf Jim Henson, den Erfinder von Sesamstraße und Muppet-Show. Wie auch immer die beiden sich einig wurden - der Puppenspieler aus dem Berliner Osten trat als TV-Gast in der Muppet-Show auf. Unter seinen verfilmten Arbeiten, die am Gala-Abend gezeigt wurden, war das nicht. Solche Tantiemen kann kein Puppenspieler zahlen. Doch man sah - und das räumte Waschinsky dann auch ein -, dass er es war, der damit angefangen hatte, Puppenspieler auf der Bühne sichtbar zu machen.

»So, det wird jetzt hier die Katze«, informierte Waschinsky am Gala-Abend von der Bühnenrampe aus, zottelte und riss an einer Zeitung, faltete sie auseinander - da war die Katze. Seine schönen Arbeiten aus Papier - wie eine Tänzerin oder Masken - sind weithin bekannt. Waschinsky besitzt neben dem Puppenspiel, das er in den 70er Jahren studierte, viele Talente. Die zeigte er in 50 Jahren auf vielen kleinen Bühnen, auch auf großen, die er »Edelbühnen« nennt. Heimat war ihm das Hackesche Hoftheater von 1993 bis 2006, das sein Lebensgefährte Burkhart Seidemann führte. Zum Andenken an Seidemann, der 2016 starb, führt Waschinsky das kleine »Hack-B-Theater« in der Stargarder Straße 74.

Waschinsky ist Gesamtkunstwerker, führt Regie, schreibt, singt, rappt und steppt. Bei der Gala gab er eine kurze Lesung. Seine Texte werden immer besser. Dazu, dass er nicht dauernd in der Schaubude auftreten könne, meinte er letztlich milde: »Wir sind eben sehr viele Puppenspieler in Berlin.« Ob er selbst geglaubt hatte, dass er das hinkriegen würde? Letztlich hat er es geschafft.

Nämlich - Wut in Kunst umzuwandeln.

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