Afghanistan - ein unsicheres Land

Nordkirche fordert bundesweiten Abschiebestopp Zahl der US-Luftangriffe verdreifacht

Kiel. Die Leitung der evangelischen Nordkirche fordert einen bundesweiten Abschiebestopp von abgelehnten Asylbewerbern nach Afghanistan. Das solle die Innenministerkonferenz auf ihrer nächsten Sitzung (12. bis 14. Juni) in Dresden beschließen, erklärte die Nordkirche am Montag. »Eine Abschiebung in Sicherheit und Würde scheint uns in Afghanistan derzeit nicht gewährleistet zu sein«, heißt es in einem Brief, den Nordkirchen-Landesbischof Gerhard Ulrich an den Vorsitzenden der Innenministerkonferenz, Sachsens Ressortchef Markus Ulbig (CDU), geschickt hat. Landesbischof Ulrich appellierte in seinem Schreiben an den Vorsitzenden der Innenministerkonferenz, »zu einer guten, verantwortlichen Entscheidung« zu gelangen. Die Innenminister sollten die Sicherheitslage in Afghanistan aktuell bewerten und die humanitären Gesichtspunkte besonders berücksichtigen.

Mehr als 100 000 auf der Flucht

In dem Land sind seit Jahresbeginn rund 103 000 Menschen vor Gefechten zwischen radikalislamischen Taliban und Sicherheitskräften aus ihren Heimatdörfern geflohen. Zwangsvertreibung gebe es in 29 der 34 Provinzen, heißt es in einem am Montag veröffentlichten Bericht der UN-Agentur zur Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA). Im früher als eher ruhig geltenden Norden, wo die Bundeswehr lange Schutzmacht war, würden mittlerweile 42 Prozent aller Kriegsvertriebenen registriert, heißt es in dem Bericht weiter. Allerdings sei die Zahl der Binnenflüchtlinge 2017 verglichen mit dem gleichen Zeitraum 2016 um 36 Prozent zurückgegangen.

OCHA-Analysten sagen, das liege an verschiedenen Faktoren. Zum einen gingen einige Kämpfe dort weiter, wo sie 2016 schon getobt haben. Viele Menschen seien dort schon geflohen. Zum anderen steige die Armut. Die Menschen hätten oft kein Geld mehr, woandershin zu gehen. Ein weiterer Grund sei, dass auch die Großstädte, die zuvor als sicher galten, mit mehr Anschlägen nun keine Zuflucht mehr böten.

Zivile Opfer steigen dramatisch

Die Zahl der US-Luftangriffe auf radikalislamische Taliban und die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Afghanistan hat sich im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdreifacht. Das bestätigte der Sprecher der US-Streitkräfte in Kabul, William Salvin. Zwischen Januar und Ende April habe die Luftwaffe 898 Luftangriffe geflogen. Im gleichen Zeitraum 2016 seien es weniger als 300 gewesen. Aus jüngst veröffentlichten Statistiken der US-Luftwaffe geht hervor, dass Piloten bis Ende April 917 Geschosse abgefeuert hatten - zumeist Raketen. Im ganzen vergangenen Jahr waren es rund 1300 gewesen.

Gleichzeitig häufen sich die zivilen Opfer. Die UN hatten im ersten Vierteljahr 72 tote und 76 verletzte Zivilisten gezählt - fast das Fünffache der Opferzahl im vergangenen Jahr. Schon 2016 war die Anzahl ziviler Opfer von Luftangriffen laut UN stark gestiegen - um 99 Prozent auf 250 Tote und 340 Verletzte. Agenturen/nd

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