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Kroatien nähert sich Russland an

Neustart der Beziehungen nimmt mit Teilnahme am internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg Fahrt auf

  • Von Elke Windisch, Dubrovnik
  • Lesedauer: 4 Min.

Deutschland hält sich in St. Petersburg eher bedeckt. Auf dem internationalen Wirtschaftsforum ist wegen der abgekühlten Beziehungen zum Russland unter Putin wenig Anwesenheit angesagt. Ganz anders Kroatien: Die geballte Präsenz des jüngsten EU-Mitglieds an der Newa ist Teil eines Neustarts der Beziehungen, wie ihn der kroatische Außenminister Davor Ivo Stier vergangene Woche in Moskau mit seinem russischen Amtskollegen Sergei Lawrow aushandelte. Beide fanden dabei für den jeweils anderen nur lobende Worte. Das Treffen, so der Russe auf der gemeinsamen Pressekonferenz, sei außerordentlich fruchtbar gewesen, Stier, sonst eher spröde, sprach gar von »herzlich« und einer neuen Phase nach elfjähriger Stagnation.

Kroatien und Russland vereinbarten vor 25 Jahren die Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Doch die vergangenen zwei Jahre war Kroatiens ranghöchster Vertreter in Russland nur ein Geschäftsträger. Erst seit April residiert wieder ein Botschafter in Moskau. Auch die vergangene Plenartagung der gemeinsamen Regierungskommission liegt mehr als sieben Jahre zurück. Die Folge: Russische Unternehmen investierten bisher in Kroatien schlappe 250 Millionen Dollar, kroatische Konzerne in Russland nicht einmal die Hälfte davon. Nun stehen unter anderem der gemeinsame Bau von Wärme- und Wasserkraftwerken in Kroatien auf der Agenda. Die Verträge sollen in St. Petersburg unterzeichnet werden - trotz der EU-Sanktionen und Moskaus Gegenmaßnahmen rund um den Ukraine-Konflikt.

Kroatiens Landwirte und Lebensmittelhersteller leiden schwer unter dem russischen Einfuhrstopp für EU-Lebensmittel. Er, so Stier in kroatischen Medien, habe in Moskau dennoch die EU-Haltung vertreten. Moskau verstehe und respektiere das. Russland sei jedoch ein »wichtiger Spieler in Südosteuropa«. Ebenso die Türkei, mit der ebenfalls ein Neustart der Beziehungen angestrebt werde. Schon vor den Verfolgungen nach dem missglückten Putschversuch im Juli 2016 wahrte Kroatien zu Ankara eine ähnlich kühle Distanz wie einst zu Moskau. Der Grund in beiden Fällen: historisch gewachsene Animositäten.

Der derzeitige Klimawandel im kroatisch-russischen Verhältnis hat handfeste wirtschaftliche Hintergründe. Zwei staatsnahe russische Banken - Sberbank und WTB - sind die wichtigsten Gläubiger des Lebensmittelriesens Agrokor. Der Konzern ist das größte private Unternehmen in Kroatien und eines der mächtigsten in Südosteuropa mit mehr als 60 000 Beschäftigten. Weil Moskau im Januar den Geldhahn zudrehte, schrammte Agrokor nur knapp an der Insolvenz vorbei und wird seit April durch einem von der Regierung eingesetzten externen Manager saniert. Der Streit um das Krisenmanagement hätte die Regierung in Zagreb, die erst seit September 2016 im Amt ist, um Haaresbreite aus dem Amt gefegt. Premier Andrej Plenkovic flüchtete sich in aktive Vorwärtsverteidigung und ersetzte Minister und Staatssekretäre von Juniorpartner Most durch eigene Leute. Das Gespenst vorgezogener Neuwahlen, so Experten, gehe indes nach wie vor um. Es wären die dritten in nur drei Jahren.

Zwar dementierte Lawrow Vorwürfe, die russischen Banken hätten die Frischzellen-Kur für Agrokor auf Weisung des Moskauer Außenamts gestoppt. Plenkovic hatte Ende November die Ukraine besucht und dort die Hilfe Kroatiens auf dem Weg nach Europa und bei der friedlichen Reintegration der prorussischen Separatistengebiete im Osten angeboten. Und war dafür von Moskau heftig kritisiert worden.

Doch Anfang Februar - auf dem Höhepunkt der Agrokor-Krise - traf Kroatiens Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz den russischen Außenminister und vereinbarte mit ihm den Neustart. Dazu gehört auch ein Gipfel beider Präsidenten. Es wäre der erste überhaupt. Zu Details - darunter Möglichkeiten, Sanktionen und Gegenaktionen zu umgehen - wird bereits verhandelt, die Umstände sind günstig.

Kroatien hatte Russland die Unterstützung Serbiens während der jugoslawischen Teilungskriege in den Neunzigern extrem übel genommen. Inzwischen herrscht zwischen Zagreb und Belgrad weitgehend Normalität. Dazu kommt, dass die regierende christlich nationale Kroatische Demokratische Union (HDZ) einen ähnlich erzkonservativen Wertekanon hat wie Kremlchef Wladimir Putin.

Auch sei unklar, wie der Westen es künftig mit Russland halten werde, glauben Beobachter in Zagreb. Kleine Staaten wie Kroatien würden versuchen, aus der derzeitigen Unsicherheit und den wachsenden Differenzen zwischen Europa und US-Präsidenten Donald Trump möglichst viel eigenes Kapital zu schlagen.

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