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Jenseits von Rekorden

Ab Sonnabend gastiert das Internationale Deutsche Turnfest in Berlin - 80 000 sind dabei

Drei Frauen und zwei Männer strecken ihre Arme hoch in die Luft, ein Fuß auf dem Boden, das andere Bein angewinkelt. Ein ungewohntes Bild für die Touristen und Politiker, die sonst die Wiesen vor dem Reichstag bevölkern. Doch die Mitarbeiter des Internationalen Deutschen Turnfests lassen sich von den irritierten Blicken nicht stören. Sie wollen auf die Großveranstaltung aufmerksam machen, die am Sonnabend in Berlin ihren Anfang nehmen wird. Dann werden hier vermutlich Hunderte Menschen Yoga betreiben. »Mit Turnen verbinden die meisten immer noch nur Gerätturnen, wir haben aber 24 verschiedene Sportarten in unserem Verband«, sagt Kati Brenner, die für den Deutschen Turner-Bund (DTB) das Organisationskomitee leitet. Ganz nach dem Motto: »Wie bunt ist das denn!«

International und Deutsch: Seit 2005 passen die zwei Worte in Sachen Turnfest gut zusammen. Seitdem ist es auch für Gäste offen. Vom 3. bis 9. Juni werden unter den 80 000 Teilnehmern auf der größten Turnveranstaltung der Welt also auch 3500 ausländische Athleten sein. Die 7000 Helfer kommen aus zwölf Ländern.

Nach dem DFB-Pokalfinale und dem Evangelischen Kirchentag ist die Hauptstadt also erneut Gastgeber für ein Event der Superlative, nicht nur sportlich, sondern auch finanziell. Etwa 100 000 Eintrittskarten wurden schon verkauft. Das Gesamtbudget liegt bei 33 Millionen Euro, davon werden 22 Millionen vom Land Berlin übernommen. Der Bund beteiligt sich mit einer Million, Sponsoren liefern den Rest. »Ich hoffe, dass wir mit einer schwarzen Null aus dem Turnfest gehen«, sagte DTB-Präsident Alfons Hölzl am Mittwoch. »Das Turnfest in der Rhein-Neckar-Region 2013 hatte noch ein deutliches Minus gemacht«, erklärt der 48-Jährige, der sich auf sein erstes Turnfest als DTB-Präsident freut.

Zum fünften Mal findet das Turnfest in Berlin statt. Seit der ersten Ausgabe - 1860 in Coburg - hat sich das Ziel der Veranstaltung oft verändert. Jahrzehntelang folgte es der Philosophie des »Turnvaters« Friedrich Ludwig Jahn. Unter dem Motto »frisch, fromm, fröhlich, frei«, wurde Turnen eine körperliche Sublimierung des Deutschtums. Allmählich entwickelten sich die Zweige der Gymnastik dann zum Massenphänomen. Auch in der DDR gab es acht Turn- und Sportfeste in Leipzig. Eine Mischung aus begeisterndem Volksfest und dem Versuch, der Welt die Großartigkeit des Landes vor Augen zu führen. Die Messestadt wird 2021 auch der nächste Gastgeber sein.

Der Zweck des Turnfestes hat sich mittlerweile von der Glorifizierung einer politischen Ideologie entfernt. Die Tugenden des Sports sollen betont werden - im Rahmen einer vielfältigen Gesellschaft, in der aber die Hälfte der deutschen Bevölkerung keine regelmäßige körperliche Tätigkeit ausübt. »Ich glaube, es gibt auch für diese Stadt kein besseres Motto als ›Wie bunt ist das denn!‹«, sagt Organisatorin Kati Brenner. »All die unterschiedlichen Kulturen, Ansichten und Religionen finden hier beim Sport zusammen.«

Mit etwa 1750 Veranstaltungen, soll die Stadt eine Woche lang im Tempo des Breitensports beben. Jenseits von Rekorden, die während der deutschen Turnmeisterschaften der Profis womöglich auch fallen werden, bietet das Organisationskomitee viele Aktivitäten an, die meisten kostenlos. Die Besucher, egal ob jung oder alt, werden Gesundheitssportarten ausprobieren können, viele lokale Vereine öffnen ihre Türen. An den »Hotspots« Reichstagswiese, Kudamm, Hauptbahnhof oder Brandenburger Tor sind Freizeitaktivitäten ganz ohne teure Tribünenbauten geplant. Man braucht nicht viel, um Yoga, Gymnastik oder Fitness zu betreiben.

Zwar ist der DTB mit fünf Millionen Mitgliedern der zweitgrößte Sportverband in Deutschland, doch steht Turnen oft im Schatten anderer Sportarten, die als medienwirksamer gelten. Also zog das Organisationskomitee einen bekannten Botschafter an Land: Fabian Hambüchen. Der 29-jährige Hesse war schon 2007 Sportler des Jahres, eine Ehre die ihm nach dem Gewinn der olympischen Goldmedaille in Rio de Janeiro 2016 erneut zuteil wurde. Auch die »nd«-Leser wählten ihn im vergangenen Winter zu ihrem Lieblingssportler.

Hambüchens Erfolgsliste ist lang, seit er 2002 Junioreneuropameister wurde und an seinem ersten Turnfest teilnahm. 15 Jahre später kommt er nur als Botschafter zurück. »Meine Schulteroperation ist gerade mal zwei Monate her. Ich bin noch nicht so weit, dass ich mich in Berlin schon wieder ans Reck hängen könnte«, sagte er gegenüber »nd«.

International wird er vermutlich nicht mehr nach Medaillen streben. Im Rahmen des Turnfest-Stadiongala im Olympiastadion am 6. Juni wird daher seine Verabschiedung gefeiert. Ansonsten geht der deutsche Turnstar in seiner neuen Rolle als Botschafter auf: »Sport bewegt uns, Sport bringt uns zusammen. Ja über den Sport können wir viele Barrieren aus der Welt schaffen«, so Hambüchen.

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