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Briten taktieren an der Wahlurne

Weil das Rennen zwischen Labour und den Konservativen knapp ist, könnte taktisches Wählen einen Einfluß auf die Wahlen in Großbritannien haben

  • Von Moritz Wichmann
  • Lesedauer: 5 Min.

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»Wenn du ein Labour-Wähler bist und wenn in deinem Wahlkreis die einzige Chance den konservativen Kandidaten zu schlagen ein Liberaldemokrat ist, dann leih mir deine Stimme«. So wirbt der Vorsitzende der Liberaldemokraten Tim Farron um die Stimmen von denjenigen, die bei der Parlamentswahl in Großbritannien taktisch abstimmen wollen. Weil die Umfragen in den letzten Tagen eine Labour-Aufholjagd gezeigt haben und die Wahl so doch noch zum engen Rennen geworden ist, könnte taktisches Wählen eine erneute Mehrheit der Konservativen verhindern oder zumindest schmälern.

Bei der Parlamentswahl am Donnerstag werden alle 650 Sitze neu vergeben. Weil es in Großbritannien ein Mehrheitswahlrecht gibt, gewinnt der Kandidat mit den meisten Stimmen einen Wahlkreis. Unterlegene Parteien bekommen dagegen keine Sitze gemäß ihrem proportionalen Stimmenanteil, wie es etwa in Deutschland der Fall ist.

Wer die Mehrheit im Parlament gewinnt, entscheidet sich letztlich an nur einigen Dutzend Sitzen. Es gibt es viele »sichere Sitze« - Wahlkreise, in denen traditionell immer Labour oder immer die Konservativen gewählt wurden. Rund drei von zehn (29 Prozent) Wahlkreise wurden sogar seit 1945 von Abgeordneten der gleichen Partei vertreten. Doch zusätzlich zu diesen rund 188 Wahlkreisen gibt es viele Wahlkreise mit klaren Favoriten. Entscheidend werden für beide Parteien die »knappen Sitze« werden, die in der Vergangenheit von Konservativen oder Labour nur knapp gewonnen oder verloren wurden, oder wo aktuelle Umfragen ein enges Rennen zeigen.

»Wenn wir taktisch wählen, können wir die Tories stoppen«. Mit diesem Slogan mobilisiert die Organisation »Tactical 2017« jene, die bereit sind, ihre Stimme einer anderen Partei zu »leihen«. Auf der Homepage der progressiven Graswurzelinitiative können Briten ihre Postleitzahl eingeben und bekommen dann eine Wahlempfehlung, um fünf weitere Jahre Konservativen-Herrschaft zu verhindern.

Gleich mehrere Organisationen wie »More United«, »Stop the Tories« und auch der Guardian werben um diese Wechselwähler, die das kleinere Übel wählen wollen. Die von der Fonds-Managerin Gina Miller geführte Organisation »Best for Britain« wirbt dafür, in aktuell von den Konservativen vertretenen Wahlkreisen, die mehrheitlich beim Brexit-Votum für einen Verbleib in der EU votiert haben, pro-europäische Kandidaten von Labour und den Liberaldemokraten an die Macht zu bringen. Die »Progressive Alliance« hingegen will die »repressive Rechte« schlagen und mehr Gerechtigkeit und Demokratie im Land.

Die Idee einer progressiven Allianz, eines Bündnisses aller fortschrittlichen und linken Kräfte, wird in Großbritannien schon länger debattiert, doch bislang ist die praktische Umsetzung recht einseitig. Laut Informationen des Independent haben die Grünen in 29 Wahlkreisen ihre Kandidaten zugunsten eines Labour-Kandidaten zurückgezogen, die Liberaldemokraten in zwei. Labour hat sich bisher allen Versuchen eine progressive Allianz zu bilden widersetzt. In South West Surrey südwestlich von London wurden sogar langjährige Parteimitglieder aus der Partei ausgeschlossen, weil sie mit den Grünen und den Liberaldemokraten eine Allianz bilden wollten, um dem konservativen Gesundheitsminister Jeremy Hunt seinen Parlamentssitz abzujagen.

Trotzdem profitiert vor allem Labour von den bisherigen Versuchen einer progressiven Allianz. Rund 70 »Wechselwahlkreise«, wo taktisches Wählen einen Einfluss haben könnte, hat »Tactical 2017« ermittelt. In 50 davon ruft Tactical zur Wahl des Labour-Kandidaten auf, in 26 zur Wahl von Kandidaten der Liberaldemokraten. Nicht darunter ist Sitz Nummer 490 in St. Albans, den der Liberaldemokraten-Chef Farron einer Konservativen abnehmen will.

Aber zum Beispiel im westenglischen Bath bei Bristol: Hier rufen alle fünf Organisationen – mit Ausnahme von »More United« – zur Wahl der Liberaldemokraten auf. In Peterborough nördlich von London hingegen wird die Wahl von Labour empfohlen. Die Bemühungen der Wahltacktierer könnten einen Einfluss haben. Dieses Jahr wollen mehr Briten als sonst taktisch Wählen. 30 Prozent gaben das in einer Umfrage des Instituts ORB an.

Maximal rund 30 Sitze könnten bei perfekten taktischen Wählen an eine progressive Koalition gehen, berechnete ein Journalist des Guardian. Trotzdem könnte dies einen Einfluss haben. 326 Sitze brauchen die Konsevativen für eine Mehrheit. Aktuell halten die Konservativen 331 Sitze, Labour stellt 232 Abgeordnete. Verschiedene Vorhersagen über die Sitzverteilung sehen die Konservativen bei rund 360 Sitzen (Lord Ashcroft) oder nur bei rund 300 Sitzen (YouGov).

Erste Umfrage würde bedeuten, das Theresa May ihre Mehrheit und dafür ihr Mandat für einen »harten Brexit« verbessern könnte. Im zweiten Szenario würden die Konservativen ihre Mehrheit verlieren. Das Ergebnis könnte aber auch irgendwo dazwischen liegen. Auch dann hätte May ihr Ziel eine größere Mehrheit zu gewinnen verfehlt.

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