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Schlösser, Särge und ein sprechendes Ärschlein

Eine Reise mit Kind durch Kassels Park- und Museumslandschaften abseits der Documenta. Von Geraldine Friedrich

  • Von Geraldine Friedrich
  • Lesedauer: 4 Min.

Zahnschmerzen glaubte man im Mittelalter mit einem Sargnagel heilen zu können«, weiß Gerold Eppler, Kunstpädagoge im Museum für Sepulkralkultur in Kassel, und fügt hinzu: »Der Leidende musste mit dem Nagel in dem kaputten Zahn herumstochern.« Eine andere Behandlungsvariante bestand darin, mit den eigenen Zähnen die verbliebenen Zähne eines Totenschädels herauszubrechen. Und wer eine brennende Kerze, deren Wachs aus Menschenfett stammt, in einen Totenschädel stellte, kann die Lottozahlen vorhersehen.

Tim, sieben Jahre alt, schaut den 57-jährigen ungläubig an. Stimmt das? Eppler nickt und grinst. »Da gibt’s unglaubliche Geschichten, die stehen alle im Handbuch des Aberglaubens.« Tatsächlich weist der bemalte, mit dem Namen des Toten versehene Schädel keinen Zahn mehr auf.

Sepulkralkultur - der Zungenbrecher bezeichnet alles, was sich mit Tod und Begräbniskultur beschäftigt. Das in Deutschland einzigartige Museum hat sich zudem die Vermittlung der Toten- und Begräbniskultur an Kinder und Jugendliche zur Aufgabe gemacht. Kinder können dort sogar ihre Geburtstage feiern. Särge, Schädel und Kinder - wie passt das zusammen? Eppler: »Kinder interessieren sich brennend für den Tod, und aus pädagogischer Sicht spricht überhaupt nichts dagegen. Wir zeigen ja keine Horrorfilme, sondern klären altersgerecht auf.« Zwischendurch streichelt Tim ein weinrotes Gebilde, das an ein Ufo erinnert: Es ist ein Sarg des Designers Andreas Spiegel. 75 Minuten später ist die Führung zu Ende. Wir Eltern waren nur die Nebendarsteller, im Mittelpunkt stand unser Sohn, mit dem sich der Pädagoge die ganze Zeit unterhielt und diskutierte.

Ganz anders der Besuch in der Grimmwelt. Das erst 2015 eröffnete Museum, das sich der Märchensammlung der Gebrüder Grimm widmet, liegt gleich neben dem Museum für Sepulkralkultur und ist auf dem neuesten Stand interaktiver Ausstellungskunst. Hier braucht es keine Führung - Tim flitzt los und verschwindet hinter hohen, grünen Säulen, die mit einer Art grobem Plastikrasen ummantelt sind. Sie erinnern an die Walzen einer Autowaschanlage und sind so eng gesetzt, dass es piekst. »Das ist die Dornenhecke aus Dornröschen, die muss schon etwas pieksen«, klärt der Museumsaufseher auf. »Überall, wo ihr blaue Punkte seht, passiert was, wenn ihr euch drauf setzt oder stellt.«

Gesagt, getan. Als da wäre der Stuhl mit blauem Punkt im Haus der Großmutter aus »Rotkäppchen«. Ich setze mich rauf, Tim guckt durchs Fenster rein und freut sich diebisch, als mich der Wolf aus dem Bett anspringt - rein virtuell, versteht sich. Als Liebling der Ausstellung entpuppt sich das »Ärschlein«, eine schwarze Riesentröte, in die Tim wild erfundene Schimpfworte hineinruft wie: »Du elender Bratzenratzer.« Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: »Sackesel«, tönt es zurück.

Nach so viel Sarg- und Sprachkultur braucht es eine geistige Auszeit. Die findet der Nachwuchs im Kletterzentrum Nordhessen, nicht weit vom Zentrum. Bouldern, also das ungesicherte Klettern in Sprunghöhe, ist angesagt. Anderthalb Stunden geht es auf diversen Parcours hoch und runter, auch Papa Michael versucht sich. So lässt sich das Kind auch bei schlechtem Wetter müde spielen. Bei schönem Wetter besteigen wir den Bergpark Wilhelmshöhe. Besteigen deshalb, weil der Eingang des Parks auf etwa 280 Höhenmeter liegt und die Herkulesstatue oben auf 515 Höhenmetern thront. Gerade ältere Menschen unterschätzen die Steigung gerne, so dass sie manchmal regelrecht gerettet werden müssen. Da passt es doch, dass Kassel nach 19 Jahren Pause seit 2017 wieder eine eigene Bergwacht hat.

Die brauchen Tim und Papa Michael allerdings nicht. In 15 Minuten schaffen sie den Aufstieg zur Löwenburg. Das Bauwerk aus Tuffstein ist ein Geschenk des Kurfürsten Wilhelm I. an sich selbst. Es sieht aus wie eine überdimensionierte Playmobil-Ritterburg. Ganz Kind im Mann, staffierte der Kurfürst die mittelalterlich aussehende Burg - tatsächlich wurde sie von 1793 bis 1801 gebaut - mit allerlei Schnickschnack aus, darunter eine Waffenkammer mit 400 originalen Rüstungsteilen sowie halb verfallenen Türmchen, die bereits als Ruine erbaut wurden. Dort verbrachte Wilhelm die Sommermonate mit seiner Mätresse Karoline von Schlotheim; eine wohl glückliche Liaison, aus der 13 Kinder hervorgingen.

Tim interessiert sich allerdings mehr für die schwarze Rüstung samt Federpuschel auf dem Helm, die rechts vom Eingang steht. Wer den »Schwarzen Ritter« berührt, soll nicht mehr lange auf Erden weilen, heißt es. 30 Minuten später steht Tim mit Papa vor dem imposanten Herkules, der für seine 300 Jahre noch gut in Form ist. Hier oben liegt einem Kassel nicht nur zu Füßen, sondern es gibt im Café Herkules jede Menge hausgemachte Torten, Kuchen und Waffeln. Wer weiß - vielleicht kommen die mittelalterlichen Zahnheilmethoden bald doch noch zu ihrem Einsatz?

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