Werbung

Deutschland, du Ökosauhaufen!

Wir sind nicht die Guten in der internationalen Klimapolitik, meint Tadzio Müller. Wir tun nur so.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Nach Angela Merkels national wie international berüchtigter Bierzeltrede, in der sie sich und gleich ganz Europa von den USA emanzipierte, nach dem NATO-Gipfel und erst recht nach Donald Trumps Abschied vom Pariser Klimaschutzabkommen geht ein fast schon hörbarer Seufzer durch die Bundesrepublik: »Endlich. Endlich sind wir nicht mehr die Bösen. Sondern die Guten!« Oder, wie Jan Fleischhauer auf »Spiegel online« voller Elan schreibt: »Dem Land geht es nicht nur ökonomisch so gut wie nie, auch moralisch sind wir Supermacht.« Dabei hängt sich Fleischhauer an die »Zeit«, jenes eitle Selbstdarstellungsorgan des gehobenen deutschen Bürgertums, in der Bernd Ulrich jauchzte, Deutschland sei »ökologischer, weiblicher, offener, föderaler«. Wann begann dieser deutsche Selbstbetrug, im Alltag anzukommen? Vermutlich ungefähr 2006, in der Zeit des »Sommermärchens« und des »Partypatriotismus«. Jüngst wurde er jedoch neu entfacht - durch eine bislang ungekannte Begeisterung für Ökologie.

Der Mythos des grünen Deutschland ist international weit verbreitet. Selbst auf internationalen Klimagipfeln begegnet er einem wirklich in jedem Flurgespräch: »Deutschland ist doch schon lange aus der Kohle ausgestiegen, oder?« »Deutschland hat doch einen grünen industriepolitischen Plan, oder?« Beides Fragen, die mir tatsächlich gestellt wurden, von gut informieren Klimaaktivist*innen. Der psychologische Grund, warum in der internationalen Debatte solche Mythen einen derartigen Raum einnehmen, ist einfach: Die internationale Klimapolitik funktioniert ein wenig wie eine hochfinanzialisierte Ökonomie - ganz viel hängt vom Vertrauen der Akteure in den Prozess ab. Wenn es dieses Vertrauen nicht mehr gibt, kollabiert das Ganze schneller, als ein Schneeball in der Sonne schmilzt.

Nun ist es so, dass der globale Klimaprozess fast keine Fortschritte hergibt. Seit seinem Beginn Anfang der 1990er verlaufen globale Emissionsraten ziemlich ungestört der Verhandlungen, die sie eigentlich regulieren sollen. Also muss irgendein rettendes Vorbild erfunden werden, dem alle nacheifern können. In dem Sinne fungiert Deutschland in der internationalen Klimapolitik ein bisschen so, wie der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano die Funktion einer Utopie definiert: Sie ist vor allem dafür da, ihr hinterherzulaufen.

Nur: Deutschland ist keine Ökoutopie - im Gegenteil. Es ist zwar richtig, dass soziale Bewegungen hier einige Erfolge erkämpft haben, vor allem den Atomausstieg und die Energiewende. Aber nicht einmal im Stromsektor, der wiederum nur ein knappes Drittel des gesamten Energiesektors darstellt, sind wir Ökovorreiter. Tatsächlich kommt bei uns immer noch mehr Strom aus Kohle (42 Prozent) als aus erneuerbaren Energien - was die ganze Sache mit der Elektromobilität noch einmal ein bisschen schlechter aussehen lässt. Tatsächlich sind wir Braunkohleweltmeister: Wir verbrennen in absoluten Zahlen mehr vom dreckigsten aller fossilen Brennstoffe als jedes andere Land der Welt, mehr sogar als China oder Indien.

Man könnte jetzt noch tiefer ins Detail gehen und zeigen, wie stark »Team Kohle« in staatliche Strukturen - von der nordrhein-westfälischen Landesregierung über den Deutschen Gewerkschaftsbund hin zur SPD-Fraktion - eingebunden ist. Oder über die Dörfer reden, die im Jahr 2017, im »Ökomusterland« Deutschland, von der Abbaggerung bedroht sind. Aber das sind alles eigentlich nur Nebenschauplätze. Die Bundesrepublik ist nicht nur Kohleland, sondern - egal, unter welcher Bundesregierung - vor allem Autoland. Sogar die Grünen, die angebliche Ökopartei, müssen sich damit arrangieren, dass Deutschlands internationaler Erfolg maßgeblich darauf basiert, dass wir betrügerische Dreckschleudern im Rest der Welt verticken, und so ziemlich jede politökonomische Maßnahme hierzulande darauf hinausläuft, noch mehr Autos verkaufen zu können.

Kurz: Deutschland ist kein Ökomusterland. Es ist, gerade wegen seines autobasierten Exportmodells (und dann noch ein bisschen wegen seines Status als Braunkohleweltmeister), ein stinkender Ökosaustall, an dem sich - inch' allah! - kein anderes Land der Welt orientieren sollte. Wir sind nicht die Guten. Wir tun nur so. Und irgendwie regt mich das fast noch mehr auf als die USA unter Donald Trump, die wenigstens dazu stehen, Ökoschweine zu sein.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen