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Kipping für »neues Leitbild« bei Arbeitszeit

WZB-Studie: Jeder Zweite würde gern längere Auszeit vom Job nehmen / Linkspartei: Sabbaticals »wichtiger Baustein für wirkliche Zeitsouveränität«

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Berlin. Nahezu jeder zweite Bundesbürger würde gern einmal eine längere Auszeit vom Job nehmen. Doch nur jeder zehnte Betrieb bietet die Möglichkeit, die so genannten Sabbaticals sind also selten. Damit wird auch ihre »wichtige familien- und sozialpolitische Funktion« an den Rand gedrängt, das ist ein Ergebnis einer aktuellen Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Die Forscher Philip Wotschack und Claire Samtleben haben darin untersucht, »ob und unter welchen Bedingungen ein Rechtsanspruch hier zu Verbesserungen beitragen kann«.

Das Ergebnis: »Ein finanziell und sozial abgesicherter Rechtsanspruch könnte dazu beitragen, dass die Nutzungsquote für Sabbaticals in Deutschland erhöht würde.« Dazu brauche es aber »flankierende institutionelle Verbesserungen«, so die Studie, die von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert wurde. Nicht zuletzt ginge es darum, auch Geringverdienern eine Teilnahme zu ermöglichen und eine ungleiche Nutzung von Sabbaticals durch Männer und Frauen zu vermeiden.

Die Vorsitzende der Linkspartei, Katja Kipping, nannte gesetzlich garantierte Sabbaticals einen »wichtigen Baustein für wirkliche Zeitsouveränität«. Dabei gehe es »um die kostbarste Ressource in unser aller Leben, denn Zeit ist für alle begrenzt. Es geht um nichts Geringeres als unser Leben«, sagte die Bundestagsabgeordnete bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Sie verwies darauf, dass im Wahlprogramm der Linkspartei die Forderung nach einem Recht auf mindestens zwei Sabbathjahre für jede und jeder in seinem Arbeitsleben Eingang gefunden habe. Es gehe unter dem Strich um »ein neues Leitbild« was die Verteilung der Arbeit und die Verfügbarkeit freier Zeit angeht.

»Die Arbeitswoche der Zukunft sollte also maximal um die 30 Stunden Erwerbsarbeit kreisen«, so Kipping. »In fortschrittlichen Gewerkschafterkreisen heißt das kurze Vollzeit für alle. Ich persönlich nenne es lieber etwas provokanter: lange Teilzeit für alle.« Gemeint sei, es gebe dann weniger Erwerbsarbeit für den einzelnen, »dafür genügend für alle, plus mehr Zeit für Familie, Freunde und Gesellschaft«. Eine Reduzierung der allgemeinen Erwerbsarbeitszeit, die schon länger in der Debatte ist, wäre für Kipping aber »nur eine Form von Zeitsouveränität«. Darüber hinaus solle es »individuelle Modelle für Zeitsouveränität geben«. Die Linksparteichefin sprach von einem »politischen Herzensanliegen«, das Recht »auf Auszeiten, auf längere Mußezeiten zu stärken«.

Sabbaticals ermöglichen laut der WZB-Studie »individuell gesteuerte Auszeiten für berufliche und außerberufliche Interessen der Beschäftigten wie Weiterbildung, berufliche Umorientierung, Kinderbetreuung, Pflege, Erholung oder Freizeit«. Derzeit können solche Auszeiten hierzulande aber nur durch individuelle Anspar- und Finanzierungsmodelle realisiert werden, die mit dem Unternehmen zu vereinbaren sind. Ein Rechtsanspruch auf ein Sabbatical besteht noch nicht, was die Beschäftigten in Abhängigkeit vom betrieblichen Angebot und entsprechenden Vereinbarungen drängt.

Das Wissenschaftszentrum hat auch die Lage in Belgien, Schweden und Dänemark untersucht. »Gute Erfahrungen gibt es in Belgien, wo schon 1985 ein gesetzlicher Anspruch eingeführt wurde; dort wird das Sabbatical jährlich von rund drei Prozent der Beschäftigten genutzt.« Allerdings gibt es »erhebliche soziale Ungleichheiten«, da sie wegen der fehlenden materiellen Absicherung »von Beschäftigten mit niedrigen Einkommen und in untypischen Arbeitsverhältnissen seltener genutzt werden« könnten.

Die Studie verweist auch auf »Vorbehalte von Personalverantwortlichen, aber auch von Beschäftigten«. Viele Vorgesetzte befürchteten Probleme bei der Arbeitsorganisation. Freistellungsphasen werden laut der WZB-Studie oft nicht unterstützt. Sabbaticals von mehr als einem Jahr führen häufig zu Einkommens- oder Karrierenachteilen bei der Rückkehr in den Betrieb, vor allem bei Männern, wie das Beispiel Belgien zeige.

Besonders häufig sind Sabbaticals zur Kinderbetreuung vor allem von Frauen in der mittleren Lebensphase. Hier verweist das WZB auf einen denkbaren Weg, »um Geschlechterunterschiede bei der Nutzung des Sabbaticals zu verringern«: die »Entlastung« des Sabbaticals von Kinderbetreuungsaufgaben im Rahmen alternativer Vereinbarkeitsinstrumente. Je besser die Vereinbarkeit von Beruf und Familie anderweitig garantiert ist, desto eher sinkt für Frauen »die Notwendigkeit, das Sabbatical vorrangig für Vereinbarkeitszwecke zu nutzen«. nd

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