»Ob der Wald stirbt, war mir damals so scheißegal wie heute«

Peter Hein ist Sänger der Fehlfarben. So richtig zufrieden mit allem ist er nach wie vor nicht. Im Interview spricht er über alte Schallplatten, tote Hosen, karrieregeile Kinder und das wahre Leben.

Interessieren Sie sich fürs politische Weltgeschehen?
Eher lieber nicht, aber es nicht mitzubekommen, das geht ja auch nicht. Sagen wir so: Es ist so scheiße wie immer.

Kann Musik eine Methode sein, um Kritik zu üben? Oder ist diese Idee von Musik längst passé?
Ändern wird das höchstwahrscheinlich nichts. Man kann ja immer sagen, was man scheiße findet. Aber das wird wohl keinen Einfluss haben auf die Umstände.

Musik hat noch nicht die Welt verändert. Aber man hat Einfluss auf Leute.
Wenn man etwas formuliert, hat man die Hoffnung, dass es irgendjemand hört. Aber man hat nicht das Gefühl, dass sich etwas ändert. Letztendlich predigt man ja immer schon zu den bereits Bekehrten.

Hören Sie deutschsprachige Musik der Gegenwart?
Nee. Außer wenn man mir explizit etwas in die Hand drückt, vorspielt, mich zum Mitmachen auffordert. Freiwillig kriege ich nichts mit. Aber ich kriege auch von internationaler Musik nichts mit im Moment. Ich höre einfach so vor mich hin, meine alten Bestände. Was jetzt so gemacht wird, interessiert mich nur halbwegs. Wenn so alle sieben Jahre eine Graham-Parker- oder Nick-Lowe-Platte rauskommt, dann gucke ich im Plattenladen, ob die da auch ankommt. Aber wenn dem nicht so ist, bestelle ich mir die nicht, sondern habe eben Pech gehabt. Ich interessiere mich absolut null für irgendwelche Typen, die jünger sind als ich (lacht).

Warum ist das so?
Die Zeit der großen Entdeckungen, in der man selber bestimmt hat, was jetzt neu und interessant zu sein hat, ist einfach lange vorbei. Wenn mir jetzt irgendwas gefällt, dann ist das definitiv eine Sache, mit der man absolut nicht hausieren gehen sollte, weil es dann höchstwahrscheinlich auf irgendeine Art retro sein muss, auch wenn es eventuell als der neueste heiße Scheiß verkauft wird, wenn wir Pech haben. Alles andere ist Musik für die Kinder von den Leuten, die ich mal gekannt habe.

Aber ist die nicht auch interessant?
Ich habe - und das ist das Tolle! - zum Glück keinen Umgang mit Minderjährigen, vor allem nicht aus eigener Produktion. Ich brauche also auch überhaupt nicht auf deren Befindlichkeiten Rücksicht nehmen. Überall hat man ja Kumpels, die sich mit ihren Kindern eine Scheiße anhören, dass es nicht mehr lustig ist.

Ist das so?
Ja, das ist so. Und du kannst auch nichts machen. Ich meine, wir wissen ja selber, wie wir früher waren, was für eine Scheiße wir absichtlich gehört haben, um die Eltern zu nerven. Ich höre auch keine Musik aus meiner Jugend. Ich höre, so gut es sich vermeiden lässt, privat oder zuhause keinen Punkrock oder so was. Erst recht keinen deutschen. Ich höre eher Sachen, die vor meiner Zeit entstanden sind und die ich damals absichtlich scheiße gefunden habe (lacht).

Was denn zum Beispiel?
Na ja, Sachen aus den 60ern und 70ern.

Weil das die interessantere oder aufregendere Musik ist als der Punk, der später kam?
Aufregend waren wir. Oder die Phase, die Zeit, die Leute. Aber es erstaunt mich auch, wie nahtlos gewisse Glam-Sachen zu Punk mutiert sind. Und die großen Bands aus den 60ern, die Kinks, die Hollies, sind auch immer noch super. Ich finde lieber irgendeine komische Platte mit einem komischen Cover von irgendwem, von dem ich noch nie etwas gehört habe, und dann gucke ich, was das war. Und dann stelle ich fest: Oh, die Platte kostet einen dreistelligen Betrag! Oder sie kostet eben nur 20 Cent, und ich habe dafür einen Fünfer bezahlt! Blöd (lacht). Aber das finde ich interessanter, als mich damit abzugeben, was gegenwärtig an neuem Zeug passiert. Ich bin da aggressiv hintendran, hintennach (lacht).

Ein Merkmal von Popmusik ist ihre Gegenwärtigkeit. Ist ein Album wie »Monarchie und Alltag« von den Fehlfarben, das vor 37 Jahren erschien, zeitlos?
Na ja, zu der Entscheidung, das Album 37 Jahre nach seinem Erscheinen wieder live zu spielen, kam es wie immer: als Witz. Es kam einfach ein Angebot. Und wir wussten, dass das ein ganz beschissenes Konzertjahr wird (lacht), weil die Tour, auf der wir gerade im Winter waren, für den Rest des Jahres sozusagen alles war. Und in dem Moment kam die Anfrage, ob wir die »Monarchie und Alltag« komplett auf der Bühne spielen wollen. Und wir haben gedacht, komm, das wird bezahlt, das machen wir (lacht). Das war der eigentliche Grund. Ob das jetzt relevant oder nicht relevant ist, war, ehrlich gesagt, bei den Konditionen wurscht.

Eine Revival- oder Recyclinggeschichte.
Nö, Revival kann man jetzt auch nicht sagen. Es ist ja die funktionierende Band der letzten Jahre, die eben die bekannte Platte spielt.

Genau das meine ich. Es könnte ja der Vorwurf kommen ...
... dass es ums Geld geht.

Ja, man könnte ja sagen, das ist eine einzige Abzockerei, nichts weiter.
Ja, klar verkaufen wir uns. Man muss immer bedenken, wir müssen es durch mindestens sechs Leute teilen. Und müssen noch Tonleute und Helfer und sonstwas bezahlen.

Wenn nun Fans kommen und sagen: »Um Gottes willen, jetzt fangen die auch noch damit an, den alten Scheiß wiederaufzuwärmen!« - Was würden Sie denen antworten?
Beim Konzert hast du immer die eine Hälfte der Fans: »Warum spielt ihr nicht mehr von den alten Sachen?« Also sagen wir: »Nee, wir sind ja eigentlich eine jetzige Band, wir spielen nicht so viel von den alten, wir spielen eh schon zu viel von den alten Sachen.« Aber gut, jetzt machen wir das, was die eine Hälfte will. Da kommt dann die andere Hälfte an und sagt: »Höhö, ihr spielt ja immer nur die alten Sachen.« Ist ja eh wurscht. Wie du es machst, ist es falsch. Die eine Hälfte will immer in Ehrfurcht erstarren, uns auf so ein Podest heben. Die kommen auch mit so einem Willen zur Sentimentalität. Die kommen dann, stellen sich vor uns hin und zählen wahrscheinlich die einzelnen Textverse mit und jeden einzelnen Schlenker, den ich nicht mache.

Die eine Hälfte will praktisch eine Art Reenactment von Punk haben, wenn ich richtig verstehe.
Ja, die wollen ja gar nichts anderes. Wir spielen einfach die Sachen, wie man die spielt, wie wir die früher auch gespielt haben. Es kann sich aber nicht jeder von uns an alles erinnern, teilweise wusste man gar nicht mehr, wie es ging oder was wir wie gemacht haben. Und dann stehen die Leute im Publikum und gucken, ob ich alles richtig mache, und ich muss mir dann den Vorwurf anhören, es sei ja nicht mehr wie früher. Ja, wie soll das gehen? Ich bin jetzt weit über 90 und soll noch irgendwie einen 18-Jährigen mimen, das ist ja lächerlich! Ich war ja nie 18, ich war immer schon 20! Und dann höre und lese ich, dass ich zu gut bin! Ich meine, das ist ja okay, das lässt man sich gerne sagen als Vorwurf (lacht). Wenn ich die ganzen Jungs aus England, die immer auf Tour nach Deutschland rüberkommen, T.V. Smith oder so, wenn ich die sehe, dann brauche ich nicht vor Rührung zu weinen oder so einen Scheißdreck. Das ist okay, die spielen sowieso, die sind auch jetzig, gegenwärtig. Alle Jubeljahre spielen die dann mal so ein Programm mit ihren Meilensteinen, und das ist auch okay. Da fange ich nicht an zu heulen. Ich will mir auch nicht irgendeine Zeit zurückholen.

Sie als Künstler möchten das nicht?
Nee. Ich würde mir zum Beispiel heute so was wie Kraftwerk nicht live angucken. Nicht nur deshalb, weil die mich sowieso nie interessiert haben. Vor allem diese Performance von denen, diese Null-Performance, juckt mich nicht. Weil die sich gar nicht bewegen. Wir spielen halt schon unser Ding als Konzert und nicht als Feier. Aber wir zwingen ja niemanden zum Besuch unserer Konzerte. Die kommen ja freiwillig. Ich habe bis jetzt wenige getroffen, die hingeprügelt werden mussten. Und in Berlin ist unser Konzert ja anscheinend eh schon ausverkauft. Auch die Gästeliste ist voll. Kann man also eh schon alle nach Hause schicken.

Die Platte »Monarchie und Alltag« gilt als eines der wichtigsten deutschsprachigen Alben aller Zeiten.
Ja, genau, das braucht man uns nicht zu sagen, das kann man immer wieder nachlesen. Ich kommentiere das auch nicht weiter, weil ich nicht beurteilen kann, ob ich das finden würde, weil ich mir die Platten, die ich selber gemacht habe, nie kaufen würde. Ich habe dazu überhaupt keinen Bezug. Früher habe ich immer extra gesagt: »Die Platte war doch scheiße!« Das mache ich jetzt nicht mehr unbedingt. Ich sage jetzt halt: »Okay, wie du willst, wenn das für dich so ist, super.«

Einige der Texte auf »Monarchie und Alltag«, etwa der Song »Ein Jahr (Es geht voran)«, sind in die Musikgeschichte eingegangen. Wie geht man damit um, dass man mehr oder weniger eine Art deutschsprachiger Popstar geworden ist?
Bin ich ja nicht. Ich bin da eher auf dem D-, E- oder F-Ranking (lacht), was das Promi-Sein angeht. Wenn ich mit Campino oder den anderen Hosen backstage stehe, dann fragen die Leute nicht, wer ist das neben dem Peter, sondern immer noch: Was macht der Typ da beim Campi? So ungefähr. Es ist immer nett, wenn man von den Hosen eingeladen und begrüßt wird und auf einen Schwatz herumstehen kann.

Bei welchen Gelegenheiten wird man eingeladen?
Jetzt zum Beispiel. Gerade am Montag war ich in Wien beim Hosen-Konzert. Und da brauche ich dann natürlich nicht bezahlen und darf dann auch hinterher Hosen-Bier trinken (lacht). Man schwatzt dann, und das ist ganz nett. Dass die einen auf eine gewisse Art so von Kollege zu Kollege würdigen, das finde ich immer ganz nett. Oder wenn Leute wie Frank von den Sternen oder Ted und Schorsch von den Goldenen Zitronen sich, wenn man sich trifft, immer erkenntlich zeigen, das ist schon okay. Aber ich nehme das auch nicht allzu ernst. Weil ich sage: Wir wissen ja, wie eine Musik gemacht wurde. Wir haben ja auch alles mögliche geklaut. Wir waren keine deutsche Band. Weil wir einfach stumpf und dreist englische Vorbilder übersetzt haben.

Was meinen Sie mit geklaut?
Sowohl die musikalischen Komponenten als auch die Inhalte von vielen Texten, das ist ja alles nicht aus dem luftleeren Raum entstanden, da haben wir uns ja auf etwas bezogen. Und ich habe mich nicht auf irgendwelche deutschen Vorbilder bezogen. Jedes Mal, wenn etwas gerade neu ist, behaupten ja alle, es käme aus dem Nichts. Dass es nicht so ist, gibt man ja erst immer Jahre später zu (lacht).

Die Zeit, in der die Platte entstand, gilt in der Bundesrepublik als bleierne Zeit: Kalter Krieg, Atomkriegsangst, Waldsterben, repressive Innenpolitik. Wenn man sich nun aber die heutige Gegenwart anschaut, hat man ja beinahe den Eindruck, das sei das goldene sozialdemokratische Zeitalter gewesen. Wie kommt das denn?
Genau, genau. Das war es ja wahrscheinlich auch. Das war das letzte Mal, dass noch irgendetwas hergestellt wurde von Leuten, die dafür Geld gekriegt haben (lacht). Und dass man sich ziemlich sicher sein konnte, dass all das, wovor die Leute Angst hatten, sowieso nicht passieren wird. Im Gegensatz zu jetzt, wo jeder Depp auf einen loslaufen kann oder sich ins Auto setzen und einen umbringen kann. Ich meine, das war damals so lächerlich. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich auch nur einen einzigen Tag lang geglaubt habe, dass irgendjemand tatsächlich diese bescheuerte Atomkriegskacke beginnen, dass so etwas tatsächlich passieren würde. Das haben ja nur Fuzzis geglaubt. Man kannte ja den Film »Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben«, das war ja alles nur lustig. Ob nun der Wald stirbt oder nicht, das war mir damals so scheißegal wie heute, ehrlich gesagt. Wälder sterben schon seit Milliarden Jahren. Danach kommt dann irgendwas anderes. Dann gibt es eben Moos oder was weiß ich. Oder Wiesen. Ist doch wurscht. Irgendwas passiert eh immer. Das sind Zyklen, die sind völlig egal, die passieren sowieso.

Ist heute auch alles scheißegal? Oder würden Sie heute sagen, es gibt eine politische Aufgabe, die man wahrnehmen muss?
Ja, jemand muss die wahrnehmen, aber nicht ich (lacht). Und tunlichst nicht die beschissenen karrieregeilen Kinder von Leuten, die ich früher schon für Arschlöcher hielt (lacht). Dagegen sollte irgendjemand was tun. Manchmal wird auch was getan leider, aber das ist dann auch immer nicht so schön.

Wie wäre denn zu verhindern, dass genau die Leute, von denen Sie gerade sprechen, uns künftig regieren?
Das weiß ich nicht. Rechtzeitig abtreiben. Oder in der Schule vernünftig - wie heißt das so schön? - mobben. Diese unfrohen Gestalten, die sich da immer als Hoffnungsträger präsentieren! Wir haben ja hier in Österreich, wo ich zurzeit lebe, gerade wieder wunderbare Kackfressen am Start.

Ja, Österreich. Da geht’s noch mal ein Zacken härter zu als in Deutschland.
Ja. Und da fragst du dich auch, warum eigentlich das politische Attentat als solches so in den Hintergrund getreten ist. Warum immer nur so Deppen wie wir dran glauben müssen. Andererseits wäre das ja ein Aufruf zur Gewalt, das darf ich ja gar nicht sagen.

Nein, das wollen wir auch nicht.
Nee, eigentlich wollen wir das nicht.

Nein, wir wollen das in diesem Gespräch auch nicht so verstanden wissen.
Ja. Und wenn solche Leute mal wegsterben, dann sage ich auch immer: Es ist vielleicht tragisch für die Familie. Ich kenne den Typen ja persönlich nicht. Aber ich habe auch definitiv kein Verlustgefühl (lacht).

In den späten 70er oder frühen 80er Jahren hatte man es mit Jugendkulturen zu tun - von den Punks und den Hausbesetzern über die Friedensbewegung bis zur New-Wave- oder Disco-Szene -, die sich abzugrenzen versuchten. Heute habe ich das Gefühl, es herrscht politische Ahnungslosigkeit oder ein komplettes Desinteresse unter vielen jungen Leuten. Ist das so?
Das sieht für uns immer so aus. Eine Zeit lang hat ja keiner mit mir gesprochen, weil ich uninteressant war. Aber seit man wieder mit mir ab und zu über so etwas redet, fällt mir auf, dass fast alle Leute, die mit mir reden, auch dieses Gefühl haben. Andererseits: Wissen tue ich das nicht. Ich habe davon, ehrlich gesagt, keine Ahnung, weil ich da nicht bin, wo die, die es gibt, vielleicht sind. Die kriege ich nicht mit.

Das klingt plausibel.
Irgendwas ist wahrscheinlich auch irgendwo. Die neue Jugendbewegung besteht ja vielleicht darin, sich wegzusprengen oder irgendwo mit dem Messer auf Leute zuzurennen. Das ist so eine übersteigerte Form von Hooliganismus. Die machen es halt nicht mehr im Stadion, sondern auf dem Weihnachtsmarkt.

Aber das ist das Gegenteil von jeglicher Form von Befreiung. Das ist ja eine faschistische Handlung.
Ja. Aber Faschismus war ja auch mal eine Jugendbewegung.

Das stimmt allerdings auch, ja.
Und das ist noch gar nicht so lange her und nicht so weit weg. Wie gesagt: Von dem, was da in den Jugendbewegungen abgeht, bin ich relativ weit entfernt, muss ich sagen, das gebe ich zu (lacht).

Spielt das Alter eine Rolle? Dieses Jahr werden Sie 60. Sagt man da, jetzt will ich erst recht Texte schreiben und Musik machen? Oder sagt man, ich will mit dieser ganzen Kunst- und Popscheiße aufhören und meine Ruhe haben?
Nee, das Machen ist immer noch super. Ich mache das weiter. Ich lasse mir nicht vom Alter und nicht von der Industrie vorschreiben, wann wir aufhören (lacht). Ja, wenn ich umfalle. Inzwischen brauche ich jede Mark, die irgendwie zu kriegen ist. Ich rechne ja immer noch in Mark und in Schilling.

Ist das lukrativ?
Nee, eben nicht.

Also geht es darum, den Lebensunterhalt zu verdienen?
Das sollte es. Das kann es aber nicht sein, das funktioniert nicht. Da machen wir zu wenig und kriegen zu kleine Konzerte. Wenn wir spielen, sind die Touren zu kurz, um davon richtig leben zu können.

Als »Fehlfarben«-Musiker kann man von Touren und Platten nicht leben?
Nee. Manche von uns können das als Künstler und Musiker dann, wenn sie in einer Position sind, dass sie andere Sachen machen können, sich mit anderen Leuten auf die Bühne stellen können. Und alle sagen dann: Ach, guck mal, super, der spielt jetzt da auch! Das kann ich ja nicht machen. Das kann ich als Gast bei irgendwem machen, aber dafür kriege ich kein Geld.

Ist das nicht bitter? Einerseits ist die »Monarchie und Alltag«-Platte bis heute in aller Munde, überall steht sie in den Bestenlisten. Und heute kann ein Musiker dieser Band gar nicht davon leben, wenn er neue Platten macht, tourt und auftritt.
Na ja, das ist halt auch so wegen der beschissenen Sprachsituation. Hätten wir was Vernünftiges gelernt und so schlecht Englisch gelernt wie alle anderen auch und nicht so gut, wie ich das jetzt eigentlich kann, dann hätten wir Pidgin-Englisch-Platten gemacht. Und hätten, wenn man uns dann für so wichtig gehalten hätte, auch nicht nur in drei Ländern Platten verkauft, sondern in 300. Und dann kannst du natürlich davon leben. Die Äquivalente zu uns, die englische Platten gemacht haben, die haben natürlich ein ganz anderes Standing, die konnten viel verkaufen. Wenn man deren Namen nur halbwegs kennt, dann kennt ihn in x Ländern jeder und kauft sich die Sachen. Aber weil der Markt, auf dem wir operieren, klein ist und wir auch nur eine Nische dieses Marktes bedienen, kannst du da nicht so viel verdienen. Aber das soll jetzt auch kein Gejammer sein, sondern einfach nur eine Erklärung. Und manchmal wundern sich dann Leute, so wie du jetzt, dass man wirklich noch irgendwelchen Scheiß machen muss (lacht).

Andererseits scheint Ihnen all das auch noch immer Freude zu machen.
Ja, klar! Wenn mir die Studioarbeit keinen Spaß mehr machen würde, würde ich sie natürlich auch bleibenlassen können. Es ist so wenig, was man da verdient, da wird es sich dann auch nicht wirklich auswirken, wenn ich nichts mehr aufnehme. Für Platten kriegst du sowieso so gut wie nichts inzwischen. Es sind nur die Konzerte, wo du was verdienst. Und wenn das wegfällt, dann müsste ich wirklich zum Sozialamt.

Sie haben einmal den Beruf des Großhandelskaufmanns gelernt vor vielen Jahren.
Ja, aber mit 60 Jahren kriegst du kein Praktikum mehr.

Das leuchtet mir ein. Sie haben sehr lange bei einem großen Technologieunternehmen gearbeitet.
Ja, fast 30 Jahre.

Das ist eine lange Zeit. Der »Taz« haben Sie einmal gesagt: »Das war ein Bürojob, bei dem man am Ende des Tages nicht genau sagen kann, was man gemacht hat.« Es war offenbar eine wenig erfüllende Tätigkeit, wie viele Berufstätige sie kennen. Einerseits hat man 30 Jahre bei einem Großunternehmen gearbeitet und gleichzeitig ist man gesellschaftskritischer Künstler. Wie lässt sich das miteinander vereinbaren?
Ja, das kann man doch! Die Gesellschaft lernt man im Büro besser kennen als nachts auf der Straße. Das, was so das wilde Leben genannt wurde, und die Orte, wo die Intelligenz sich so herumtrieb, das war wirklich ferner vom wahren Leben als das, womit ich mich abgegeben habe. Das war auch immer nützlich, weil da kommt man ja immer auch auf Textideen.

Viele, die 30 Jahre oder länger einen Bürojob machen, würden nicht auf die Idee kommen zu sagen: »So, ich fange jetzt mal an, Texte zu schreiben, ich fange jetzt damit an, mich in irgendeiner Form künstlerisch zu äußern.«
Ja, wenn man nicht in einer Band ist, macht man das vielleicht nicht. Aber Kafka in seiner Versicherung ist jetzt auch nicht gerade der literarisch Unwichtigste.

Nein, weiß Gott nicht.
Oder Walser. Also nicht der Schlimme vom Bodensee, sondern der aus der Schweiz, Robert Walser. Der hat ja auch im Büro gearbeitet und wurde später von der Schweiz für asozial erklärt. Oder Grillparzer. Nestroy war, glaube ich, auch beim kaiserlichen Dings irgendwas. Dafür, dass man sich die Schreibzeit von einem Auftraggeber, der nichts davon weiß, bezahlen lässt, gibt es große Vorbilder (lacht).

Das ist doch ein schönes Schlusswort. Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch.

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